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Jenseits von Youtube: Fernsehen im globalen Dorf

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Ein kostenloses Stückchen Software holt Videos von Plattformen wie YouTube und sogar komplette Serienfolgen werbefrei auf die Festplatte: Online- werden zu Offlinefilmen. Eine Gegenbewegung soll die Zuschauer im Netz halten - und ins Gespräch bringen. Kommt das Fernseherlebnis der Fünfziger zurück?

In diesen Tagen prallen das Fernsehprinzip der fünfziger und der achtziger Jahre im Netz aufeinander. Modell 1: Gruppenerlebnis, versammeln um das einzige Gerät in der Nachbarschaft, um ein Fußballspiel oder den Krimi am Samstagabend gemeinsam zu sehen - und zu besprechen, versteht sich. Modell 2: Kokon-Fernsehen, Aufzeichnungsmöglichkeiten und Videoabende allerhöchstens im Kreise der Familie - Fernsehen als Privatvergnügen.

Netzvideorekorder Veoh: Werbefrei fernsehen, auch ohne Internetzugang

Netzvideorekorder Veoh: Werbefrei fernsehen, auch ohne Internetzugang

Modell 1 ist derzeit wieder im Kommen - aber diesmal in global vernetzter Form. Das gemeinsame Schauen und Schwatzen wird auf Plattformen wie Joost und Kyte.tv aufs aktuelle technologische Niveau gehoben. Nutzer können gleichzeitig Webvideos sehen und sich dabei per Livechat über das Gesehene unterhalten - ob sie nun in Toronto oder Tübingen sitzen.

Die Videochat-Plattform PalTalk will noch einen Schritt weiter gehen: In sogenannten "Screening Rooms" können sich bald angeblich bis zu 5000 Nutzer gleichzeitig einen zu einem bestimmten Zeitpunkt gestarteten Clip ansehen und gleichzeitig darüber plaudern, berichtet "TechCrunch". Für den transkontinentalen Fernsehabend mit Freunden soll es private "Screening Rooms" geben - rein kommt nur, wer vom Gastgeber eingeladen wird.

Fundamentales Problem eines Lebens ohne Sendeschema

Die "Screening Rooms" sind der Versuch, eins der fundamentalen Probleme zu lösen, die der Wandel vom festen Fernseh-Sendeschema zum frei gewählten Web-Programm mit sich bringt: Gemeinsam sehen als Ereignis findet kaum noch statt. Weil es keine verbindlichen Startzeiten gibt im Netz, kann jeder alles jederzeit sehen. Die Kommentare, die unter YouTube-Videos stehen, sind eine diesen ungleichzeitigen Sehgewohnheiten angemessene Kommunikationsform - Nachrichten werden hinterlassen; wer später kommt, kann trotzdem darauf reagieren - und der ursprüngliche Schreiber kommt vielleicht auch noch einmal wieder, um nachzusehen, ob jemand auf seinen Kommentar geantwortet hat. Ein echter Dialog ergibt sich so aber kaum - das war früher auf dem Wohnzimmersofa anders.

Mit einem gemütlichen globalen Fernsehabend hat YouTube wenig zu tun. Die neuen Chat-plus-Webvideo-Dienste sollen diese Lücke schließen - was zum Beispiel bei Kyte.tv nur begrenzt gut funktioniert, weil auch da das YouTube-Prinzip herrscht: Jeder guckt, wenn er kann. Ob man im angeschlossenen Chatroom zu einem der zahllosen Videos Gesprächspartner antrifft oder nicht, ist reine Glückssache. PalTalk könnte das ändern - aber wer den Dienst nutzen will, muss einen Client installieren und für den Videochat bezahlen.

YouTube ohne Werbung, US-Serien auf der Festplatte

Andere Anbieter gehen genau den umgekehrten Weg: Anstatt die Videos im Netz zu lassen und das Gespräch dorthin zu tragen, wollen sie Clips und Filme aus dem Netz, oder doch wenigstens dem Browser befreien. Schon seit einiger Zeit gibt es Software, die gestreamte Videos von YouTube und anderen Seiten aus den Seiten rupfen und auf Festplatten ablegen kann. Außerdem gibt es Widgets, eigenständige kleine Programme, die zum Beispiel YouTube-Videos auf den Desktop holen - in einem eigenen kleinen Fenster und somit ohne Werbung drumherum.

Nun hat ein YouTube-Konkurrent namens Veoh solche Lösungen einen Schritt weiterentwickelt und in einen schicken Player eingebaut, der den Googles und Viacoms der Branche noch Kopfzerbrechen bereiten könnte. Denn wer Webvideos herunterlädt und sie später mit einem eigenständigen Stück Software ansieht, der verpasst die Bannerwerbung, mit denen YouTube, MySpace und all die anderen ihre Umsätze machen. Hart könnte das Angebot vor allem die US-Fernsehsender treffen - denn die zeigen inzwischen komplette Folgen ihrer Hochglanzserien wie "Lost" oder "Desperate Housewives" kostenlos im Netz - was sich nur rechnet, weil die Zuschauer auf dem Weg zum Fernseherlebnis eine Menge Bannerwerbung sehen. Veoh möchte das überflüssig machen.

Der browserbasierten Konkurrenz in die Suppe gespuckt

Veoh-Chef Dmitry Shapiro sagte der "New York Times" über sein neues Produkt, den Veoh Player: "Der Webbrowser ist für kurze Clips in Ordnung. Aber wenn Sie sich zurücklehnen und Videos im Web ansehen wollen, werden Sie lieber das hier benutzen." Veoh war lange Zeit nur ein weiterer YouTube-Klon: Netzvideos können dort angesehen und von den Nutzern hochgeladen werden.

Jetzt schickt sich das Unternehmen an, der ganzen browserbasierten Konkurrenz in die Suppe zu spucken. Die Spirale der Beschuldigungen wird sich weiterdrehen: Bislang beschimpften Inhalte-Anbieter wie Fernsehsender und Musikindustrie die neuen Abspielplattformen im Netz, weil die von ihren Nutzern auch mit Copyright-geschütztem Material bestückt werden. Nun müssen sich die Videoplattformen neuer Feinde erwehren, die sich ihre Inhalte abholen, ohne dabei ihre Werbung zu betrachten.

Tatsächlich ist Veoh ziemlich komfortabel: Ein Browser-Plugin sorgt dafür, dass man mit zwei Mausklicks beispielsweise jedes YouTube-Video im Hintergrund herunterladen kann. Parallel lassen sich Videocasts wie Kanzlerin Merkels wöchentliche Web-Ansprache per RSS-Feed abonnieren. In den USA soll der Player sogar komplette Episoden von Fernsehserien abspielen, die viele Sender dort inzwischen nach der Ausstrahlung kostenlos ins Netz stellen - deutsche Serienfans kommen wegen Zugangsbeschränkungen allerdings nicht dran an das brandneue Material.

Patchwork-Videothek auf dem heimischen Rechner

Das funktioniert nicht mit allen Plattformen: YouTube geht, Google Video aber nicht, Metacafé funktioniert, Sevenload nicht. Dafür kann die Veoh-Software sogar die qualitativ hochwertigen Filme von der DivX-Seite Stage6 holen, die auch im Vollbildmodus noch ordentlich aussehen - im Gegensatz zu den Webclips der großen Konkurrenten.

All die aus dem Netz geklauten Videos landen in einer großen Bibliothek und lassen sich in einer Playlist zusammenstellen, wie man das von Software-Mediaplayern gewöhnt ist. Künftig soll es angeblich innerhalb der Players eine regelrechte Programmzeitschrift geben, die den Nutzer in den Videoangeboten des Netzes blättern lässt, ohne jemals die entsprechenden Webseiten aufzusuchen.

Eine Bahnfahrt ohne Netzzugang könnte der gestresste Medienmanager so künftig nutzen, um eine Zusammenstellung der populärsten YouTube-Videos der vergangenen Tage offline anzusehen, um über den aktuellen Irrsinn der künftigen Zielgruppe auf dem Laufenden zu bleiben.

Vermutlich wird die Mediennutzung der Zukunft eine Kombination aus Fünfzigern und Achtzigern plus Mobilität werden: Lokal gespeicherte größere Happen, die für den Kokon-Fernsehabend auf das Wohnzimmergerät übertragen werden können einerseits - und die globale Glotz-Community, die schaut und dabei plaudert.

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