Jenseits von YouTube "Kein Sex, ihr dämlichen Bastarde"

An allen Ecken und Enden sägen Konkurrenten am Thron des Web-Video-Königs YouTube. Gewaltiges Wachstum verzeichnet vor allem ein Webdienst, der funktioniert wie YouTube - aber mit Livebildern. Andere Dienste setzen explizit auf Sex.

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Angie und Cory können nicht schlafen. Es ist 6 Uhr morgens, in ein paar Stunden müssen die beiden raus, aber sie sind nicht im Bett, warum auch immer. "Mein Kopf tut weh", tippt Cory, "ruf mich an und sing mir ein Schlaflied vor." Aber Angie will nicht mit dem 25-Jährigen telefonieren. Und erst recht nicht ihre Telefonnummer herausgeben. Obwohl – oder weil - sie eine Webcam auf ihr Gesicht gerichtet hat und sich übers Netz mit Wildfremden unterhält.

Erica hat viele Fans. Sie ist jung und hübsch und sitzt irgendwo in England vor ihrem Monitor und isst Suppe. "Lunchbox1" will wissen, was Erica im Onlinespiel "World of Warcraft" für ein Monster wäre. "Sirus" möchte ihre Brüste sehen.

Dabei hat Erica auf ihrer Profilseite eine lange Liste mit Warnungen, darunter: "Wenn ihr in meinem Zimmer bleiben wollt, fragt mich ja nicht, ob ich euch meine Brüste zeige." Auf der Liste steht auch "fragt mich nicht, ob ich mit euch Sex haben will, ihr dämlichen Bastarde", und eine finstere Drohung für den Fall, dass "ihr mich oder irgendjemanden in meinem Zimmer aufzeichnet".

Erica, Cory, Angie und Sirus sind bei "Stickam" angemeldet, der konsequenten Weiterentwicklung von YouTube und anderen Videoseiten im Netz. Das YouTube-Motto ist "broadcast yourself", das von Stickam lautete anfangs "broadcast yourself – live" – aber da gab es dann vermutlich Ärger mit den YouTube-Anwälten.

Broadcast yourself - live

Inzwischen steht auf der Startseite von Stickam jedenfalls "Express yourself – live", was die Sache nicht mehr ganz so schön auf den Punkt bringt. Denn bei Stickam geht es eben ums Live-Senden, um interaktives Fernsehen gewissermaßen – alle können sehen und gesehen werden, gleichzeitig. Profaner könnte man sagen: Stickam ist eine Videochat-Plattform, ein riesiger Chatroom, angeschlossen an Kameras und Mikrofone in Jugendzimmern überall auf der Welt.

So manchem gilt das Live-YouTube als nächster Kandidat für gigantisches Wachstum im Netz – die Zielgruppe unter 20 ist flatterhaft, und sie liebt Aufmerksamkeit. An einem normalen Nachmittag sind bei Stickam ein paar hundert Menschen gleichzeitig online. Insgesamt waren laut dem Statistik-Dienst compete.com im Dezember 2006 immerhin 350.000 Menschen auf der Seite. Stickam selbst prahlt mit 300.000 registrierten Mitgliedern. Das sind noch keine Nutzerzahlen wie bei YouTube. Aber das Wachstum, das Compete für Stickam ausweist, ist beachtlich.

Aus den Profiltexten spricht bittere Erfahrung

Für den unbedarften Nutzer jenseits der 25 ist Stickam zunächst einmal ein bizarres Erlebnis. Menschen aus aller Welt (aber vor allem aus den USA) sitzen vor ihren Kameras und tippen. Klang kommt, falls gesendet, in der Soundqualität von früher Voice-over-IP-Telefonie an, manchmal auch zerhackt oder stark zeitverzögert. Manche Teilnehmer spielen ohnehin lieber Musik, als ins Mikrofon zu sprechen. Wer das "Zimmer" eines der Teilnehmer betritt und sich dem - meist dann doch getippten - Chat anschließt, sieht am rechten Rand die Bilder der anderen Teilnehmer, sofern sie eine Webcam eingeschaltet haben.

Im Chat passiert dann das, was im Videochat seit Jahren passiert: Es wird Belangloses geredet, es wird ein bisschen geflirtet, ein bisschen gemenschelt – und zum Cybersex aufgefordert. Obwohl die Warnung "I don't cyber" ganz oben steht in vielen der Profile, die ähnlich aussehen wie auf MySpace und anderen Community-Seiten.

Die Verbotsliste im Profil von Erica ist nicht Ausnahme, sondern Regel bei Stickam: Sie findet sich wortgleich auch auf den Profilseiten anderer Frauen und Mädchen, die natürlich ein möglichst attraktives Bild von sich ins Netz stellen, weil das Aufmerksamkeit bringt, aber keine allzu erotische Zuwendung wollen. Aus den Warnungen spricht bittere Erfahrung: "Wenn ihr nur auf der Suche nach Titten in mein Zimmer kommt, hat das überhaupt keinen Sinn, klar?" ist ein Satz, den man in vielen Profilen findet, in Großbuchstaben. Genauso oft findet man den Hinweis, dass Nutzer oder Nutzerin kein Interesse daran hat, Geschlechtsteile gezeigt zu bekommen.

Videochat hat einen verdammt schlechten Ruf

Dass auch ältere Herren mit perverser Vorliebe für junge Menschen sich bei Stickam herumtreiben, ist klar – diese Gruppe hat Videochat schon vor Jahren für sich entdeckt. Vor einiger Zeit berichtete die "New York Times" ausführlich über den Fall eines US-Teenagers, der sich selbst nach und nach mit seiner Webcam in die Online-Prostitution hineinmanövriert hatte, ordentlich Geld verdiente, indem er die visuellen Wünsche erwachsener Männer erfüllte. Videochat hat wegen solcher Geschichten einen schlechten Ruf.

Den hat aber natürlich das Internet als Ganzes verdient - eine eben veröffentlichte Telefonstudie unter 1500 jugendlichen US-Surfern zwischen 10 und 17 Jahren ergab, dass 42 Prozent von ihnen in den letzten zwölf Monaten im Netz pornografisches Material gesehen hatten. 66 Prozent davon gaben an, das sei aus Versehen und nicht mit Absicht geschehen. Das klingt nach geschönter Selbstdarstellung - aber im Netz ist Porno tatsächlich immer gerade mal zwei bis drei Klicks weit weg. Auch auf MySpace sind - trotz aller Sauberkeits-Beteuerungen - beispielsweise die Stars der US-Pornoindustrie in Scharen vertreten. In ihren Profilen finden sich zwar meist nur vergleichsweise harmlose Bilder - aber einen Klick weiter gibt es dann die harten Sachen.

Während sich dort also die Profis tummeln, sind die problematischen Inhalte bei Stickam in aller Regel und buchstäblich handgemacht. Stickam kann natürlich Mitglieder hinauswerfen – eine ständige Kontrolle des Angebotes ist aber ob der schieren Masse schlicht unmöglich. Die Altersvorgaben sollen eigentlich verhindern, dass allzu junge Jugendliche die Plattform nutzen, aber man ist sich der eigenen Schwächen in diesem Bereich durchaus bewusst: "Wir haben Regeln eingerichtet, die Kinder unter 14 davon abhalten, Mitglied zu werden, aber Kinder können einfach über ihr Alter lügen und auf diese Weise an Inhalte herankommen, die nicht für sie gedacht oder für sie ungeeignet sind", heißt es auf der Seite. Eltern werden zum Aufpassen aufgefordert und an einschlägige Filterprogramme verwiesen.

Sex-MySpace und PornoTube

Die Stickam-Nutzer selbst sind mehrheitlich wohl nicht primär auf der Suche nach Sex, eher schon nach dem, was auch Millionen dazu bringt, MySpace-, Facebook- oder Knuddels-Profile anzulegen: Sie möchten sich selbst präsentieren und Kontakt zu anderen bekommen. Und das geht über Live-Videos schneller und vermeintlich intimer als mit statischen Profilseiten. MySpace-Profile lassen viel Spielraum für mehr oder minder realitätsnahe Selbstdarstellung. Eine Webcam dagegen ist erbarmungslos, allzu schmeichelhaft sieht auf solchen Bildern niemand aus. Das globale Videogeplauder kann also eine gewisse Authentizität für sich beanspruchen.

Für YouTube und MySpace könnte da also eine echte Konkurrenz erwachsen – zumal auch Stickam den normalen Upload von fertigen Clips erlaubt und auch einen Player anbietet, der sich wie der von YouTube in Webseiten integrieren lässt. Die eigenen Beschränkungen führen dazu, dass andere Angebote mit weniger Skrupeln, YouTube und MySpace Nutzer abwerben können. Bei MySpace ist man sich dieses Risikos ganz offenkundig bewusst: Der Stickam-Player lässt sich in MySpace-Profile nicht mehr integrieren, Direktlinks zu Stickam werden entfernt.

Angebote wie Stickam sind nicht die einzigen, die Kapital aus den Säuberungsbemühungen von YouTube und MySpace zu schlagen versuchen. Andere Konkurrenten setzen ganz explizit auf das nach wie vor beliebteste Thema im Netz: Das Porno-MySpace etwa heißt XPeeps und ist ein Community-Angebot, das man bei der Arbeit besser nicht aufrufen sollte. Schon auf der Startseite geht es sehr explizit zur Sache. Und dann gibt es da auch noch zwei YouTube-Konkurrenten mit selbsterklärenden Namen: PornoTube und YouPorn.



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