Jeri Superstar: Garagenbastlerin reanimiert C64

Von Christian Ströh

Auch die verwöhnte Generation XP weiß die tollkühnen Kisten der achtziger Jahre zu schätzen. Und sorgt mit allerlei Hard- und Software für deren Fortbestand. Galionsfigur dieser – an skurrilen Typen nicht gerade armen – Szene ist ausgerechnet eine Frau: Jeri Ellsworth.

Jeri Ellsworth: Von so einer träumen sie alle

Jeri Ellsworth: Von so einer träumen sie alle

Es muss ein seltsames Gefühl gewesen sein, als Highschool-Abbrecherin die heiligen Hallen der Stanford-Universität zu betreten. Doch Jeri Ellsworth hatte sich nicht verlaufen. Sie sollte vor der zukünftigen Elite einen Vortrag halten. Und die war zahlreich erschienen.

Kein Wunder: Die Frau ist Kult. Schließlich hat sie mehr oder weniger im Alleingang und ohne formale Ausbildung den Nachfolger (C-One) sowie eine Spielzeugversion (C64 DTV) des legendären Commodore 64 entwickelt. Und damit endgültig bewiesen, dass die klassischen Homecomputer auch heute noch rocken: Denn die gesamte Erstauflage des C64 DTV, immerhin 250.000 Stück, war über den amerikanischen Teleshopping-Senders QVC innerhalb eines Monats ausverkauft. Sieht so aus, als wäre die Liebe zu einstelligen Taktraten, grobkörniger Grafik und schrillen Synthesizer-Klängen nicht nur etwas für grenzwertige Nerds.

Nun stand sie etwas verloren in diesem Hörsaal, nestelte an ihrem Shirt herum und trat von einem Bein aufs andere. Und dann fing sie an zu erzählen. Von ihrer einsamen Kindheit in einem abgelegenen Dorf in Oregon, von ihrem Außenseiterdasein an der Schule, vom Müllcontainertieftauchen beim lokalen Elektronikmarkt. Nur so kam sie an die begehrten Bauteile, die sie, wenn das Taschengeld knapp wurde, für kleines Geld an ähnlich gepolte Mitschüler verkaufte.

Ja, mit solchen Geschichten bricht man ganz schnell das Eis - auch wenn Stanford-Studenten zumeist aus Familien stammen, die 30.000 Dollar Studiengebühren im Jahr berappen können und Müllcontainer nur aus Erzählungen der puertoricanischen Hausangestellten kennen.

Doch von so einer träumen sie alle. Einer Frau, die nicht kichert, wenn der Freund vom "Hartlöten" spricht. Einer, die sich das Telefon einfach selbst bastelt, als ihr Vater diese Anschaffung verweigert. Die sich an der Schule Respekt verschaffen will und deshalb Sandbahn-Rennwagen zusammenschweißt (für 900 Dollar pro Chassis) - und selbst Rennen fährt. Die eine kleine Computerladenkette betreibt, nachdem ihr das Trophäen-Sammeln auf den Dirt-Tracks der USA zu langweilig wird. Und die trotz aller Erfolge fast schüchtern daherkommt und aussieht, als könne sie auch mal was Nettes kochen.

Commodore 64: Kultrechner schlechthin

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Jeri Ellsworth ist ohne Zweifel der Star einer neuen Generation von Garagenbastlern, die keinen Reinraum brauchen, um kleine Elektronikwunder zu vollbringen. Und die an den tollkühnen Kisten der Achtzigerjahre hängen und dem inflationären Gebrauch von Gigahertz und -bytes den Kampf angesagt haben. Stattdessen werden von dieser Szene fleißig Neuauflagen alter Spiele programmiert (www.remakes.org), Fortsetzungen geschrieben (www.zak2.de) und enorme Datenbanken gepflegt (www.the-underdogs.org).

Andere vereinfachen mit ihren Entwicklungssystemen die Produktion von altmodischen Abenteuerspielen (www.adventuregamestudio.co.uk). Oder produzieren mit Atari-Optik und -Tönen ein Preis gekröntes Musikvideo für MTV (www.goldenshower.gs) und veröffentlichen CDs mit C64-Musik (www.c64audio.com).

Besonders beliebt und weit verbreitet sind Emulatoren - die einen modernen PC in Nullkommanichts in eine Nullkommaneun-Megahertz Kindheitserinnerung verwandeln. Damit man damit auch etwas anfangen kann und es nicht nur bei wohlbekannten Begrüßungen wie "64K RAM SYSTEM 38911 BASIC BYTES FREE" bleibt, haben unermüdliche IT-Archäologen nahezu jedes Programm von den gästehandtuchgroßen Floppy-Disks gekratzt und ins Internet gestellt.

C64-Skizze: 250.000 Stück über QVC verkauft

C64-Skizze: 250.000 Stück über QVC verkauft

Selbstverständlich nicht nur die des Commodore 64. Ob Amiga, Apple, Atari, Schneider, Spectrum oder MSX - selbst für Exoten gibt es eine Software-Auswahl, von der man in der guten, alten Zeit nur träumen konnte. Um den Retro-Trip abzurunden, steckt sich mancher sogar den Original-Soundchip des C64 in den PC: Die HardSID-Quatro-Karte macht's möglich (www.hardsid.com).

Doch wer in der Szene etwas auf sich hält, schwelgt nicht auf einem modernen System in Erinnerungen, sondern benutzt gleich die Original-Hardware. Nachteil: Diskettenlaufwerke im Schuhkartonformat und minutenlange Ladezeiten. Vorteil: Man hat dank der üppig dimensionierten Netzteile eine Fußbodenheizung - und einen prima Grund für ein paar Wochen im Bastelkeller zu verschwinden. So wie die Tschechen Tomas Pribyl und Josef Soucek, die mit dem IDE64 einen Festplattencontroller für den Commodore 64 entwickelten, der auch CD-ROM-Laufwerke und CompactFlash-Karten verdaut (www.volny.cz/dundera).

Oder die Schweden Peter Eliasson und Adam Dunkels, die laut "Guinness Buch der Rekorde" den meistverkauften Computer aller Zeiten nach 25 Jahren netzwerkfähig machten. Ihre "Final Ethernet Cartridge" erlaubt es, mit dem C64 auch per DSL ins Internet zu gehen (www.dunkels.com/adam/tfe/) und LAN-Partys der besonderen Art zu veranstalten. Fast unnötig zu erwähnen, dass die beiden darüber einen kleinen C64-Webserver betreiben.

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