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Job frisst Privatleben: Fluch der Erreichbarkeit

"Always on", immer online und erreichbar - vor Jahren war das eine der Verheißungen des digitalen Zeitalters. Inzwischen entpuppt sich die totale Erreichbarkeit für immer mehr Menschen als Bürde, weil die Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben nicht mehr gelingt.

Taschenbüro: Smartphones sind Kleinrechner, die auch in der Freizeit Arbeit ermöglichen Zur Großansicht
dpa

Taschenbüro: Smartphones sind Kleinrechner, die auch in der Freizeit Arbeit ermöglichen

Hamburg - Samstagabend 21.30 Uhr, ein Restaurant irgendwo in Deutschland: Das gemütliche Gespräch beim Essen wird jäh unterbrochen, als eines der auf dem Tisch liegenden Handys Laut gibt. Schlecht sei das jetzt gerade, sagt der Angerufene: "Wir sitzen mit Freunden beim Essen, Chef."

Eine fiktive Szene, aber sicher keine seltene: Immer breitere Kreise von Angestellten haben sich daran gewöhnt, dass es eine klare Trennung von Dienst und Schnaps nicht mehr gibt: Der Arbeitsplatz frisst sich inzwischen bei den meisten Berufstätigen in Deutschland über Handy und PC immer weiter in das Privatleben. Zwei Drittel der Berufstätigen sind inzwischen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte per Internet oder Handy erreichbar. Das ergab eine am Dienstag veröffentlichte repräsentative Umfrage der ARIS Umfrageforschung im Auftrag des Branchenverbands Bitkom unter 1000 Personen.

Ein Drittel der Erwerbstätigen ist sogar jederzeit erreichbar, also auch am Abend oder am Wochenende. Ein weiteres Drittel ist zu festgelegten Zeiten per Internet oder Telefon auch außerhalb der Arbeitszeit für den Arbeitgeber da. Nur 32 Prozent der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit nur in Ausnahmefällen oder gar nicht per Internet oder Handy erreichbar.

Unterschiede bei der Erreichbarkeit gibt es bei Männern und Frauen. Während fast drei Viertel (73 Prozent) der berufstätigen Männer außerhalb der normalen Arbeitszeiten per Handy oder E-Mail erreichbar sind, sind es bei den Frauen 59 Prozent. "Die neuen Kommunikationsmittel bringen es mit sich, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen", sagte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. Beschleunigt werde der Trend durch den Erfolg moderner Smartphones, die an praktisch jedem Ort die Bearbeitung beruflicher E-Mails und das Surfen im Internet ermöglichen.

Wo es keine Regeln gibt, fallen auch die Hemmschwellen

Der Verband rät, klare Regelungen zur Erreichbarkeit außerhalb der Bürozeiten zwischen Arbeitgeber und Mitarbeitern zu treffen. Unter anderem solle festgelegt werden, wann und aus welchem Anlass der Mitarbeiter erreichbar sein sollte.

Immerhin: Nach den Ergebnissen der Umfrage existieren bei der Mehrheit der Befragten (56 Prozent) bereits entsprechende Vereinbarungen. Bei 34 Prozent der Berufstätigen gibt es Vereinbarungen im Rahmen einer individuellen Absprache mit dem Vorgesetzten. Bei 22 Prozent gibt es eine Vorgabe des Arbeitgebers für alle Mitarbeiter.

Allerdings gibt es bei immerhin bei 41 Prozent der Berufstätigen keine klaren Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber. Arbeitsrechtlich besteht laut Verband keine Verpflichtung für den Arbeitnehmer, während der Freizeit per E-Mail oder Handy für den Arbeitgeber erreichbar zu sein. Anders verhalte es sich, wenn eine Rufbereitschaft vereinbart worden sei. In diesem Fall muss der Arbeitnehmer auf Abruf zur "unverzüglichen Arbeitsaufnahme" in der Lage sein, wie es hieß. Das könne im Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder auch mündlich vereinbart werden.

Eine Verpflichtung, dem Arbeitgeber eine private Handynummer anzugeben, gibt es übrigens nicht. Besteht der auf Erreichbarkeit beispielsweise im Rahmen von Rufbereitschaften, muss er ein Diensthandy zur Verfügung stellen. Das darf dann allerdings für private Gespräche nicht genutzt werden, außer es bestehen entsprechende Vereinbarungen.

pat/apn

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