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Journalismus-Experte Jay Rosen: "Katastrophe für Verlage, nicht für die freie Presse"

Die freie Presse wird nicht untergehen, glaubt der Journalistik-Professor und Blogger Jay Rosen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Fachmann für Bürgerjournalismus über die Nöte und Chancen der Verleger, die Notwendigkeit des Wandels - und die Sehnsucht nach einem "Big Daddy".

SPIEGEL ONLINE: Mr. Rosen, glauben Sie, dass das Internet langsam aber sicher den Qualitätsjournalismus aushöhlt?

Rosen: Im Gegenteil. Das Internet schafft riesige Möglichkeiten für Qualitätsjournalismus. Das alte Geschäftsmodell der Verleger ist jedoch durch das Internet bedroht: Werbung in Zeitungen und Zeitschriften, die einen Großteil des Journalismus ermöglichte, funktioniert nicht mehr. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, sie ist längst da.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie denn das journalistische Potential von Online?

Rosen: Ein Grundprinzip ist die unkomplizierte Teilhabe vieler Menschen. Wir leben in einer neuen Ära von Konkurrenz und Innovation. Es gibt eine Vielzahl neuer Wettbewerber, wir können aber auch mehr ausprobieren. Jeder kann heute mit den Werkzeugen der Medienproduktion umgehen, das macht diese neue Phase für die Presse so spannend.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie geht es mit den Qualitätszeitungen weiter? Zukunftsforscher sagen schon das Ende des gedruckten Wortes voraus ...

Rosen: Solche Prophezeiungen basieren auf der Annahme, dass zwei Dinge auf einmal eintreffen: Dass die Auflagen ins Bodenlose sinken, und die Zeitungsmacher es bis dahin nicht schaffen, ihr Produkt neu zu erfinden. Vor wenigen Jahren waren die Zeitungsverlage noch sehr mächtig und stabil, was heute nicht mehr unbedingt der Fall ist. Ich hoffe sehr, dass sie Wege finden, die Unterstützung der Bürger in ihre Berichterstattung einzubinden. Ich gehe aber davon aus, dass der Journalismus aus der aktuellen Situation gestärkt hervorgeht. Es könnte eine Katastrophe für einige Verlage werden, aber mit Sicherheit nicht für die freie Presse als solche.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Zukunftschancen traditioneller Familienverlage wie der Washington Post Company oder der New York Times Company?

Rosen: Der Schritt ins Internet ist für sie überlebenswichtig, das wissen sie und haben darauf reagiert: Ihre Websites sind hervorragend, sie sind auf einem guten Weg, sich von klassischen Zeitungsunternehmen zu webbasierten Nachrichtenorganisationen zu entwickeln. Dennoch gibt es in den Köpfen der Manager vieles, das einen kreativeren Umgang mit dem Web verhindert. Bei der "Washington Post" wird es unter dem neuen Chef Marcus Brauchli zu einem Kurswechsel kommen, die "New York Times" hinkt noch etwas hinterher.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Zeitungen, die besonders kreativ mit der aktuellen Situation umgehen?

Rosen: Ein paar Provinzzeitungen erstaunlicherweise. Sie haben eine Vorreiterrolle, weil sie von Familien geführt werden, die progressiv denken – zum Beispiel die "Lawrence Journal-World" und der "Bakersfield Californian". Jenseits der Verlage gibt es noch das "Talking Points Memo" des Bloggers und politischen Journalisten Joshua Micah Marshall. Er hat gemeinsam mit loyalen Lesern ein kleines Medienimperium geschaffen, das mittlerweile vier Ableger umfasst. Die erzeugen mehr Traffic als die "Los Angeles Times" und sind genauso einflussreich wie eine große Tageszeitung.

SPIEGEL ONLINE: Worauf müssen sich Journalisten in Zukunft noch einstellen?

Rosen: Sie werden viele Dinge ändern müssen, vor allem ihre Einstellung zur Technologie. Früher mussten Journalisten bloß die Schreibmaschine bedienen, um alles Weitere hat sich eine andere Abteilung gekümmert. Heute sind Journalisten wertvoller, wenn sie mit der Technologie flexibler umgehen und auf mehreren Ebenen publizieren. Zudem müssen sie lernen, von Lesern gelieferte Informationen zu nutzen, um ihre Berichterstattung und ihre Recherche zu optimieren. Sie werden ja nicht mit dieser Fähigkeit geboren, aber sie kann entwickelt, gefördert und kultiviert werden. Schließlich müssen Journalisten bereit sein, sich selbst neu zu erfinden. Die guten alten Zeiten sind vorbei, in denen man in einer stabilen Organisation eine Position ausfüllen konnte – das gibt es in der heutigen Medienwelt nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht man damit um?

Rosen: Journalisten müssen lernen, unternehmerischer zu denken, eigene Unternehmen zu gründen und allein oder in kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten. Journalisten sind abhängige Geschöpfe, sie glauben immer noch an einen "Big Daddy" im Hintergrund. Sie haben "Big Daddy" zwar nie über den Weg getraut, aber immer daran geglaubt, dass er für Anzeigenerlöse sorgt, Büros bereitstellt, Druckereien zur Verfügung stellt, sich um alles kümmert. Sie dachten, sie hätten ein Recht dazu, in Ruhe gelassen zu werden, um ihre Berichterstattung zu erledigen. Das ist eine ganze Weile gut gegangen. Aber jetzt gibt es keinen "Big Daddy" mehr.

Interview: Stephan Weichert/Alexander Matschke

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