Journalismus-Start-ups Auf einmal wollen alle in die Nachrichten

US-Investoren wollen den Markt für Digitaljournalismus mit neuen Ideen aufrollen. Die einen setzen auf Masse, senken Produktionskosten, ohne billig zu wirken. Die anderen wollen die Welt erklären, einen profitablen Überblick statt vieler Textschnipsel liefern.

Ezra Klein: Früher "Washington Post", jetzt Gründer einer neuen Nachrichten-Website
AFP

Ezra Klein: Früher "Washington Post", jetzt Gründer einer neuen Nachrichten-Website


Erstaunlich, in den USA glaubt eine Reihe von Investoren, dass mit Journalismus auch auf Smartphones eine Menge Geld zu verdienen ist. Allein in dieser Woche haben drei prominente US-Onlinejournalisten neue Digitalmedien vorgestellt - allesamt von professionellen Kapitalgebern finanziert.

Die neuen Firmen versuchen, ein ökonomisches Problem zu lösen: Es kostet Geld, Journalisten Nachrichten recherchieren und schreiben zu lassen. Doch Standardnachrichtenprodukte nach dem Prinzip "gerade ist dort dieses passiert" haben nur für einen sehr kurzen Zeitraum ein großes Publikum, mit dem die Anbieter über Werbung Geld verdienen können. Nach ein paar Stunden interessiert sich kaum noch jemand für die Nachricht, auch deshalb schieben Anbieter ständig neue Inhalte nach.

Die alten Artikel liegen dann für Reichweite und Refinanzierung nahezu völlig nutzlos im Onlinearchiv. Dieses Dilemma lösen die beiden neuen US-Nachrichtenangebote "Trove" und "Inside" pragmatisch: Die Anbieter senken die Kosten für die Produktion der Nachrichtenschnipsel. Und sie schaffen es, dennoch nicht billig zu wirken.

"Trove" kuratiert Journalismusschnipsel

"Trove": Kuratierte Schnipsel mit Links zu Onlinejournalismus

"Trove": Kuratierte Schnipsel mit Links zu Onlinejournalismus

"Trove" ist das Werk von Rob Malda, dem Gründer des legendären Programmiererforums Slashdot. "Trove" bietet seinen Lesern nach Themen sortierte Anrisse aus und Links zu Artikeln im Netz. Die Themenseiten werden von Redakteuren kuratiert. So empfiehlt zum Beispiel Watergate-Enthüller Bob Woodward große investigative Geschichten im Netz, nicht namentlich genannte Redakteure betreuen Ressorts wie Technologie oder Sport.

Mit diesem Modell lässt sich bei geringen Kosten ein Strom an interessanten Geschichten als Schnipsel auf der Seite und in der App platzieren. In vielen Fällen reichen Anrisse in einem Themengebiet schon aus, damit man sich auf den aktuellen Stand gebracht fühlt - zum Beispiel beim kurzen Nachrichtencheck auf dem Smartphone.

"Inside": 1000 Textzusammenfassungen täglich

"Inside": Redakteure fassen Artikel in 300 Zeichen zusammen

"Inside": Redakteure fassen Artikel in 300 Zeichen zusammen

Aufs Schnipselprinzip setzt auch "Inside", das neue Angebot des US-Internetunternehmers Jason Calacanis, der gewohnt selbstbewusst vom "besten Nachrichtenprodukt der Welt" spricht. Allerdings bedient sich "Inside" bei anderen Quellen. Das Prinzip: Bezahlte Mitarbeiter suchen relevanten, guten Journalismus. Sie fassen das ihrer Einschätzung nach Wichtigste aus den ausgewählten Stücken in maximal 300 Zeichen Text zusammen.

Dieses Extrakt erscheint mit Überschrift, Bild und Verweis zur Quelle in einem der "Inside"-Ressorts. 700 bis 1000 dieser Kurzzusammenfassungen soll "Inside" täglich liefern, derzeit in Apps für iOS, Blackberry und bald auch für Android. Als Werbeformat schweben Calacanis Anzeigen vor, die wie die redaktionellen Kurzzusammenfassungen aussehen, aber von Firmen geschrieben und bezahlt werden.

Vox Media will Wikipedia mit Digitaljournalismus kreuzen

Vox-Media-Angebot "Polygon": Exzellenter Journalismus, rein digital

Vox-Media-Angebot "Polygon": Exzellenter Journalismus, rein digital

Eine völlig andere Strategie verfolgt das US-Medienunternehmen Vox Media. In dem Verlag erscheinen unter anderem die journalistisch überragenden Onlineangebote Polygon (Computerspiele) und The Verge (Technik und Gesellschaft). Nun plant der im Herbst mit 40 Millionen Dollar Risikokapital ausgestatte Verlag ein neues digitales Nachrichtenangebot.

Geleitet wird "Project X" von Ezra Klein, der als Wirtschaftskolumnist der "Washington Post" berühmt wurde. Er will ein digitales Nachrichtenangebot schaffen, bei dem die einzelnen Fragmente nicht nach kürzester Zeit ihren Wert verlieren. Klein schwebt eine Mischung aus Wikipedia und einer Nachrichtenseite vor. In seiner Stellenanzeige für die "Project X"-Mitarbeiter beschreibt er die Pläne etwas genauer:

"Wir werden regelmäßig über alles von Steuerpolitik bis zu TV-Serien wie 'True Detective' berichten. Aber wir lassen nicht zu, dass die Stücke Staub im Archiv ansetzen. Wir werden sie nutzen, um fortwährend ein umfassendes Angebot an Erklärstücken aufzubauen, zu allen Themen, die wir betreuen."

"Project X" ist ein mutiges Projekt, es greift das Refinanzierungsdilemma aus einer Richtung an: Die redaktionellen Kosten sollen nicht sinken, sondern dürften sogar vergleichsweise groß sein. Klein will Fachredakteure, Programmierer, Grafiker, Daten- und Videojournalisten einstellen. Vox Media wettet darauf, dass diese Investitionen zu einem Angebot führen, das nicht ständig immer neue Schnipsel präsentieren muss, sondern über Aktualisierungen auch ein Publikum für die länger haltbaren Erklärstücke schafft.

Kleins Vision bei "Project X" ist in erster Linie eine journalistische: Er will die Welt erklären und nicht in immer neuen, im Stakkato abgefeuerten Schnipseln abbilden. Seine Vorstellung von Digitaljournalismus unterscheidet sich fundamental von der bei "Inside" und "Trove". Wenn Klein seine Vision umsetzt, dürfte "Project X" eines der wenigen Digitalangebote werden, bei dem Leser ohne Vorwissen jede Nachricht aufrufen und dank des Kontexts auch verstehen können.

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