Getrenntes Bruderpaar Verloren im Krieg, gefunden durchs Netz

Zwei jüdische Brüder wurden im Zweiten Weltkrieg getrennt und suchten ein Leben lang nacheinander. Nun haben sich ihre Nachkommen wiedergefunden - dank der 25-jährigen Enkelin und dem Internet.

privat

Von Maria Wölfle


Damit gerechnet hatten sie nicht mehr. Über Jahrzehnte hinweg hat die Familie von Jess Katz gesucht. Erst ihr Großvater Abram, dann seine Tochter, und vor gut drei Wochen hat schließlich die Enkelin Jess, 25, die Suche übernommen. Finden wollten sie Chaim Belzycki, den Bruder von Abram. Nun haben sie es endlich geschafft.

Die Brüder waren 1939 in Polen getrennt worden. Mit Tausenden anderen polnischen Juden wurden die Belzyckis in das Getto von Petrikau deportiert. Chaim gelang die Flucht nach Russland. Abram dagegen entschied sich, als ältester Sohn bei der Familie zu bleiben. "Er hatte das Gefühl, die Eltern und seine Schwester beschützen zu müssen", sagt Jess.

Chaim schickte Briefe und Pakete aus Russland. So wusste die Familie, dass er es tatsächlich dorthin geschafft hatte. "Dann hörte die Kommunikation plötzlich auf, und bis heute wissen wir nicht, was mit ihm passiert ist", sagte Abram in einem Zeitzeugendokument, das er 1990 Steven Spielbergs Shoah-Stiftung zur Verfügung stellte. "Wir haben viele Jahre lang versucht, ihn zu finden. Ohne Erfolg."

KZ Mauthausen (1945)
AP

KZ Mauthausen (1945)

Abrams Schwester starb in Petrikau an Tuberkulose. Nachdem die Nazis das Getto 1942 geräumt hatten, wurden die Eltern in Treblinka ermordet. Von rund 65 Familienmitgliedern in Polen überlebten nur er und einer seiner Cousins den Holocaust. Abram war in verschiedenen Arbeitslagern, bis er schließlich 1945 in Mauthausen befreit wurde. Nach dem Krieg wanderte er in die USA aus. Dort begann die Suche nach seinem Bruder Chaim.

Rotes Kreuz, Yad Vashem, "Klassenkameraden"

Es war Abrams Lebenstraum, seinen Bruder zu finden, und dieser Wunsch übertrug sich auf seine Tochter und auf seine Enkelkinder. Er schrieb Briefe an die polnische Regierung, bat Nichtregierungsorganisiationen um Hilfe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Überlebende und ihre Familien wieder zu vereinen. In den Achtzigerjahren übernahm seine Tochter Michelle, die Mutter von Jess, die Suche. Auch sie schrieb unzählige Briefe - ans Rote Kreuz, die Holocaust-Gedenktstätte Yad Vashem in Jerusalem, russische und polnische Behörden. Alles ohne Erfolg. "Meine Mutter hat immer wieder Geschichten über Familien gelesen, die sich nach langer Zeit gefunden haben", sagt Jess. "Sie hat sich für diese Leute gefreut, und das hat uns Hoffnung gegeben." Also machten sie weiter.

Im April übernahm schließlich Jess die Suche von ihrer Mutter. "Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich finden kann", sagt Jess, die in New Jersey lebt. Sie machte vor allem eine Sache anders: Jess nutzte das Netz. Sie sah sich online nach Chaim um, postete in Facebook-Gruppen und in den Foren von Genealogie-Webseiten. Stieß sie auf Sprachbarrieren, behalf sie sich mit dem Übersetzungsdienst von Google.

Über JewishGen.org kontaktierte Jess dann einen Genealogen, der Chaim ziemlich schnell in Dokumenten der Roten Armee von 1942 fand. Sie machte sich mit den Militärdokumenten wieder auf in Facebook-Gruppen und Internetforen. Auf einen dieser Foren-Einträge antwortete eine Russin, die in Ra'anana, in Israel lebt. "Sie war auf Odnoklassniki ("Klassenkameraden"), einer Art russischem Facebook, auf jemanden gestoßen, der der Sohn meines Großonkels sein könnte", sagt Jess. "Sein Name war Evgeny Belzhitsky, er lebt in Russland."

Jess kontaktierte Evgeny, und per Chat sprachen sie zum ersten Mal miteinander, mitten in der Nacht. Sie saß mit der Mutter und ihren Schwestern im Bett der Eltern. "Evgeny meinte, er sei zu aufgewühlt, um zu reden", sagt Jess. Stattdessen schickte er ihnen Fotos von Chaim. "Meine Mutter schrie auf. Chaim sieht auf dem Foto genauso aus wie mein Großvater." Um wirklich sicher zu sein, fragten sie Evgeny auch nach dem Geburtsdatum seines Vaters. Er nannte das richtige.

Familientreffen über Skype

Um den Küchentisch versammelt, sprachen die beiden Familien am nächsten Morgen über Skype miteinander. Evgeny saß am anderen Ende der Welt auf der russischen Insel Sachalin mit seiner Frau Galina, der Tochter Yulia und seiner Enkelin Anna. Sie fragten und erzählten sich die Geschichte der jeweils anderen, lachten, weinten und machten Witze. "Ich habe das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen", sagt Jess. "Auch wenn wir erst seit Kurzem wissen, dass sie überhaupt existieren."

Fast 77 Jahre nachdem sich Abram und Chaim Belzhitsky zum letzten Mal gesehen hatten und nach Jahrzehnten der Suche, fanden sich ihre Nachkommen wieder. Jess hatte nur zehn Tage gesucht. "Wir waren total aufgelöst, weinten und lachten gleichzeitig."

Miterleben können das die Brüder nicht mehr. Abram starb 2011 im Alter von 95 Jahren. Sein größter Wunsch ging nie in Erfüllung. "Ich kann mir nur ausmalen, dass mein Vater jetzt vom Himmel herunterlächelt und weiß, dass wir endlich seinen Bruder gefunden haben", sagt Jess' Mutter unter Tränen in einem Interview mit dem israelischen Sender Channel 2.

Mut machen über Facebook

Chaim erlag 1970 einem Hirntumor. Auch er suchte lange nach seiner Familie. "Aber in Russland war das besonders schwierig ", sagt Jess. Heute weiß sie auch, weshalb ihr Großvater und ihre Mutter Chaim über die offiziellen Stellen nicht finden konnten: Nach dem Krieg hatte er seinen Namen in Nikolai Belzhitsky geändert. "Er wollte seine jüdische Herkunft verbergen. In Russland war es damals gefährlich, jüdisch zu sein."

Jess hat das Suchen und Finden ihrer neuen Familie sehr bewegt. "Ich stand meinem Großvater sehr nahe", sagt sie. "Manchmal hat er geweint und gesagt, dass die Nazis seine Eltern und seine Schwester getötet haben."

Täglich sind die beiden Familien nun miteinander in Kontakt und wollen sich unbedingt gegenseitig besuchen. "Sie sind sehr herzlich und liebevoll", sagt Jess. "Genau wie wir. Chaim hat seinen Sohn ähnlich erzogen wie Großvater meine Mutter."

Jess möchte mit ihrer Geschichte auch anderen Hoffnung machen: "Der Holocaust gehört nicht der Vergangenheit an, er ist in vielen Familien noch immer sehr lebendig", schrieb sie Ende April in einem Post auf Facebook. Sie will Suchende motivieren, nicht aufzugeben, insbesondere jetzt, wo Internet, Übersetzungsprogramme und soziale Netzwerke die Suche so sehr vereinfachen können.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
hisch88 17.05.2016
1. Wahnsinn
Vor 10-14 Tagen haben sich genau wie hier auch Nachkommen von jüdischen Brüdern übers Internet durch die Enkelin gefunden. Schon toll, daß das 2x hintereinander vorgekommen ist.
f-rust 17.05.2016
2. danke für diesen bewegenden
bericht. segen den familien.
Der Wanderer 17.05.2016
3. Unbeschreiblich!!!
Da komme ich bei lesen Gänsehaut. Seinen Bruder im hohen Alter Wieder zusehen, den man zuletzt als Kind gesehen hat. Schade um die viele verlorenen, getrennten Jahre. Andere seits lieber spät als überhaupt nicht mehr. Da hoffe ich für die beiden Familien, dass sie sich noch leibhaftig begegnen können.
gandhiforever 18.05.2016
4. Fast
Fast alle Verwandten ermordet, doch die Enkel gaben die Suche nicht auf. Zwar ist die Distanz zwischen Sachalin und New Jersey sehr gross, doch heute ist sie nicht mehr unueberwindbar. Leider gibt es immer noch Typen, die sich nicht nur Politiker nennen, sondern auch noch an einen Gott zu glauben vorgeben, die meinen, mittels Massenmord die Welt befrieden zu koennen. Nicht nur Voelkermord sollte bestraft werden, sondern auch die Erwaegung desselben.
jujo 18.05.2016
5. ...
Bei diesem oder auch ähnlichen Fällen kann man zu recht von den Segnungen und Möglichkeiten sprechen welche die sozialen Netze heute bieten.
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