Jugendschutz Filterprogramme bringen es nicht

Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine Studie zu dem Thema "Jugendschutz und Filtertechnologien im Internet" vorgelegt. Während technische Tests die Unzulänglichkeit der Filterprogramme belegen, hält die Politik am Einsatz der Programme fest.

Von Christiane Schulzki-Haddouti


Siegmar Mosdorf will filtern, obwohl er nicht kann
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Siegmar Mosdorf will filtern, obwohl er nicht kann

Über die Schlussfolgerungen, die aus den Ergebnissen der Studie zu ziehen sind, sind sich aber Siegmar Mosdorf, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und die Secorvo Security Consulting GmbH, die die Studie durchgeführt hat, uneinig: In einer Pressemitteilung kommt Mosdorf zu dem Schluss, dass "die technologischen Voraussetzungen für eine effiziente Filterung illegaler und jugendgefährdender Inhalte im Internet weitgehend gegeben sind". Hingegen heisst es in der Studie selbst, dass "technische Lösungen zur Filterung der Inhalte bisher keinen adäquaten Schutz bieten und prinzipiell keinen absoluten Schutz bieten können."

Offensichtlich laufen hier politischer Wille und technischer Sachverstand auseinander. Die Idee, dass mit Hilfe von technischen Werkzeugen die Ausgeburten des Internet kontrolliert werden können, ist offensichtlich zu verlockend. Unbestritten ist jedoch, dass dem Internet mit althergebrachten regulatorischen Rezepten nicht beizukommen ist.

Während früher eine lange Publikationskette zwischen Produktion und Rezeption stand, ermöglicht heute das Internet direkte Kommunikation zwischen Autor und Rezipient. Anders als bei Fernsehprogrammen gibt es keinerlei definierte Abläufe mehr. Daher können auch Kinder und Jugendliche jederzeit Inhalte abrufen. Auch ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass unerwünschte Informationen nur zufällig abgerufen werden.

Die bisherigen Jugendschutzmethoden setzen zudem direkt bei Kinobetreibern, Fernsehsendern und Videotheken an. Beim Internet gibt es diese Mittlerinstanzen nicht mehr. Internet Service Provider sind laut Gesetz nur dann für Inhalte verantwortlich, wenn sie selbst Anbieter sind - nicht jedoch, wenn sie nur den technischen Zugang ermöglichen. Überhaupt gibt es für Anbieter und Abrufer häufig verschiedene gesetzliche Regeln. "Eine Durchsetzung von rechtlichen Vorschriften ist also schwierig", stellen die Autoren der Studie fest. Gesetzliche Zugangsbeschränkungen können die Gefahr aber nicht bannen: "Zum einen sind im Ausland bei weitem nicht alle entsprechenden Angebote zugangsbeschränkt. Zum anderen finden sich auch auf den Einstiegsseiten bereits für Kinder ungeeignete Bilder."

Aus den etwa 50 am Markt verfügbaren technischen Filterprodukten wählten die Tester mit Hilfe von Kurztests drei Produkte aus: Cyberpatrol, WebChaperone und das Gesamtkonzept von Compuserve. Dabei wurden Installation, Konfiguration und die Dokumentation geprüft und getestet. Außerdem wurden die Filterverfahren wie Positivlisten, Negativlisten, PICS und automatische Verfahren untersucht. An Beispielen wurde die Effektivität überprüft und der Aufwand zur Umgehung von Sperrmechanismen ermittelt.

Die Informatiker Marit und Kris Köhntopp, spezialisiert auf Datenschutz- und Datensicherheitsfragen, kamen zu dem Ergebnis, dass keine der von ihnen gefundenen Schwachstellen von den in der Studie angesprochenen technischen Lösungen zufriedenstellend gelöst wird. Aber "dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da die vorhandene Internet-Technologie die dazu notwendigen Eingriffsmöglichkeiten nach Konstruktion nicht bietet".

Auch die Studie behauptet nicht, dass die Filterung von Inhalten in allen Bereichen möglich sei. So befanden die Tester der Filtersoftware, dass zwar die vollständige Sperrung eines Internet-Zugangs oder eines News-Abrufes erfolgreich durchzuführen sei, auch nach PICS-Labeln konnte zuverlässig gefiltert werden. Allerdings war die Filterung von sexuell-pornographischen Seiten nur befriedigend, bei rassistischen und gewaltverherrlichenden Inhalten sogar völlig unzureichend.

Englischsprachige Seiten wurden dabei korrekter als deutschsprachige behandelt. Hinzu kam, dass die Programme sehr leicht umgangen oder gar deaktiviert werden können. Sicherungsmechanismen für Integrität und Authentizität der Filtereinstellungen waren nicht vorhanden. Das Fazit der Autoren: "Jedes System kann nur die Gefährdung verringern, nie aber völlig ausschalten."

Auch die Studie kommt zu einem durchaus Technologie-skeptischen Ergebnis: Vor allem durch Medienkompetenz und intensive Betreuung können Kinder und Jugendliche vor gefährlichen Inhalten geschützt werden. Für Technokraten wie Mosdorf sicherlich enttäuschend ist die Erkenntnis, dass technische Mittel allenfalls als Hilfsmittel und Ergänzung dienen können.



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