Jugendschutz: So kommt Sparkassen-Werbung auf rechtswidrige Pornoseiten

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Raubkopie-Kataloge, Hardcore-Pornos ohne Alterscheck: In diesem Umfeld werben bisweilen Online-Anzeigen für seriöse Unternehmen. SPIEGEL ONLINE hat einige damit konfrontiert - die Firmen sind Opfer betrügerischer Geschäftemacher und undurchsichtiger Werbenetzwerke.

Eine bizarre Mischung: Auf einer eindeutig auf Deutschland ausgerichteten Seite mit Hardcore-Pornografie, aber ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Jugendschutz-Maßnahmen, taucht Werbung für die Direktbank der Frankfurter Sparkasse auf. Oben der Videoteaser "Spanish Honey gets an Anal Lesson", unten der Werbe-Slogan: "Langfristig das Beste für Ihr Geld."

Ein Klick weiter wechselt die Anzeige: Ein Schmuckhersteller wirbt neben Hardcore-Filmen: "11. Mai Muttertag - Für die beste Mutter."

SPIEGEL ONLINE hat die Werbung auf mehreren Web-Angeboten geprüft, die in Deutschland entweder offensichtlich rechtswidrig sind, weil sie die strengen Jugendschutzauflagen nicht erfüllen, oder als Videostream Raubkopien aktueller Kinofilme zeigen. Andere Angebote bewegen sich in einem arg zwielichtigen Graubereich, bieten als einzigen Service umfassende Link-Kataloge zu offensichtlich illegalen Downloadquellen von Film-, Musik- und Software-Raubkopien. Auf vielen Seiten wurden in sogenannten Layern (Fenstern im Browser-Fenster) die Web- oder Werbeseiten namhafter Firmen eingeblendet.

Am Donnerstag benachrichtigte die Redaktion die betroffenen Unternehmen - darunter E-Plus, Karstadt, Jamba, Kabel Deutschland, Friendscout24, Congstar, Strato und Premiere. Die Unternehmen waren überrascht. Alle schließen laut eigenen Aussagen Werbung auf solchen Angeboten aus.

Betroffene Firmen sprechen von Betrug

Dennoch könnte in einigen Fällen durchaus Geld an die Betreiber der rechtswidrigen Seiten geflossen sein - über viele Umwege von den dort ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen beworbenen Firmen.

Die Frankfurter Sparkasse nennt die Werbung einen "schwerwiegenden Betrugsfall" innerhalb des "Affiliate-Partnerprogramms, welches wir durch eine externe Agentur betreuen lassen". Affiliate-Programme funktionieren im Prinzip so: Ein Unternehmen gibt Online-Werbemittel aus, die Webseiten einbinden können. Für bestimmte Aktionen (Seitenaufrufe, Registrierungen, Käufe) gibt es vorab definierte Provisionen.

Firmen haben keinen direkten Kontakt zu Werbeseiten

Nur: Die Unternehmen haben mit den eigentlichen Seitenbetreibern fast nie etwas zu tun. Die Provisionen und Werbe-Codes werden über mehrere Ebenen verteilt, bis ganz unten etwas bei den eigentlichen Betreibern von Webseiten ankommt. Die Verwertungskette sieht zum Beispiel so aus:

  1. werbendes Unternehmen (legt Budget, Ziele, generelle Regeln fest)
  2. Agentur (sucht passende Partnerprogramme für den Werbenden, erstellt womöglich das Werbematerial, plant im Detail)
  3. Partnerprogramm (wickelt als Zwischenstelle Programme ab, über die werbende Firmen Geld an Webseiten und Vermarkter vieler Webseiten für bestimmte Aktionen der Nutzer auszahlen)
  4. Vermarkter (betreibt ein Werbeumfeld, das aus mehreren Seiten besteht)
  5. Web-Angebote

Oliver Karthaus, Unternehmer im Adult-Business und Betreiber des Branchenblogs AWM-Resource, beschreibt SPIEGEL ONLINE das System der Partnerprogramme so: "Die Betreiber der Torrent-Websites oder Layer-Vermarkter bewerben sich oft mit anderen, neutralen Websites um die Aufnahme bei den Partnerprogrammen, die den AGB des jeweiligen Programms entsprechen. Ist die Aufnahme in das Programm erst einmal erfolgt, kann der Code der Werbemittel dann auch auf anderen Websites landen." So ist es laut den betroffenen Unternehmen auch in den von SPIEGEL ONLINE beobachteten Fällen geschehen (siehe Kasten unten).

Frankfurter Sparkasse prüft "rechtliche Schritte"

Zum Beispiel auf Porno- und Raubkopieportalen, so wie bei der Werbung der Frankfurter Sparkasse. Unternehmenssprecher Sven Matthiesen erklärt, man gebe strikte Vorgaben, welche Kriterien eine Website erfüllen muss, damit der Partner Werbung einbinden darf. Untersagt seien pornografische, gewaltverherrlichende und rechtsradikale Inhalte. Matthiesen: "Webseiten werden vor Freigabe der Partnerschaft explizit auf diese Inhalte geprüft."

Im vorliegenden Fall sei man aber "bewusst durch den Affiliate getäuscht" worden. Der habe "eine seriöse Website zur Prüfung angegeben." Die Bank hat den Partner gesperrt, prüft rechtliche Schritte und weist darauf hin, dass das Unternehmen bislang keine Zahlungen erhalten hat. Unternehmenssprecher Matthiesen betont: "Ein solcher Verstoß gegen die Programm-AGBs ist bisher nicht vorgekommen." Der Zwischenhändler hat auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE nicht geantwortet.

Strato: "Unmöglich, alle Webseiten zu kennen"

Ähnlich erklärt der Internet-Dienstleister Strato den Werbe-Gau. Eine Anzeige der Firma war im Web auf einer Streamingseite zu sehen - neben einer Raubkopie des aktuellen Kinofilms "Iron Man". Passender Slogan der Strato-Anzeige: "Rasant surfen. Günstig telefonieren." Strato hat diese Werbung nach dem Hinweis von SPIEGEL ONLINE umgehend entfernen lassen. Auch in diesem Fall war die Werbung über ein Partnerprogramm platziert worden, bei dem ein Zwischenhändler agierte.

Strato-Pressesprecher Lars Gurow verweist auf die Geschäftsbedingungen des Strato-Partnerprogramms, die solch ein Werbeumfeld ausschließen. Gurow erklärt: "Die Seitenbetreiber holen sich die Werbung selber ab. Daher ist es bei dieser Werbeform nicht möglich, alle Websites zu kennen, auf denen geworben wird. Wann immer wir von einem Verstoß erfahren, lassen wir die Werbung umgehend entfernen."

Absolut sicher ist nur der Verzicht auf Partnerprogramme

Branchen-Experte Oliver Karthaus beurteilt die Kontrollmöglichkeiten bei solchen Partnerprogrammen ähnlich. Die namhaften Unternehmen, die oft in den Layern erscheinen, hätten häufig keine Möglichkeit herauszufinden, auf welchen Websites ihre Werbung tatsächlich erscheint.

Denn, so Karthaus: "Oft haben die Unternehmen viele Tausend Partner, die nicht ständig alle bis ins kleinste Detail überwacht werden können. Bei den Layer-Vermarktern ist das auch noch schwieriger zu überwachen, da diese selbst wieder viele Tausend Partner habe." Karthaus sieht für Unternehmen diese Alternativen: "Es ist nur möglich, die Einblendung auf Torrent-Sites und anderen illegalen Angeboten per AGB zu verbieten oder eben Layer-Vermarkter komplett als Partner zu meiden."

Layer-Vermarkter sind die letzten Zwischenhändler in der Verwertungskette von Partnerprogrammen. Sie haben den direkten Kontakt zu den Webseiten, verdienen ausschließlich an den Provisionen. Eine Folge dieses Geschäftsmodells beschreibt Branchen-Kenner Karthaus so: "Wie in den meisten Branchen gibt es auch unter den Partnerprogrammen Anbieter, die gerne mal ein Auge zudrücken, wenn Massen an Leads und Sales erzeugt werden. Da wird dann schon einmal über die Herkunft des Traffics hinweggesehen."

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