EM-Gezwitscher: Diese Twitterin hängt Jogi Löw an den Lippen

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Was der Bundestrainer wirklich brüllte: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst kann Lippenlesen. Bei der EM verbreitet sie über Twitter, was Spieler und Trainer auf dem Spielfeld sagen. Manches hätte man ganz gern überhört.

Julia Probst: Als @EinAugenschmaus twittert sie die Flüche der Nationalspieler Zur Großansicht
Julia Probst

Julia Probst: Als @EinAugenschmaus twittert sie die Flüche der Nationalspieler

Hamburg - Jogi Löw steht am Spielfeldrand und brüllt lautlos. In Wahrheit wird er gerade wohl ziemlich laut, aber die meistens Fernsehzuschauer verstehen von seinem Gezeter nichts, sie sehen ihn nur. Sie hören nichts, weil sie gerade so viel hören - das Johlen der Fans, das Pfeifen des Schiedsrichters, die Stadiondurchsagen und den Kommentator. Vom Spielfeldrand erhascht man manchmal einen Fetzen, den Rest muss man sich eben denken.

Dann hilft plötzlich Julia Probst mit einem Tweet: "Mensch Thomas! Sowas zu verschenken!", habe Löw geschrien, ein Kommentar also zu dem Fehlpass vor wenigen Sekunden.

Julia Probst hat es genau gesehen. Die 30-jährige Bloggerin ist von Geburt an gehörlos und kann Lippenlesen - eine Ausnahmebegabung. Über Twitter verbreitet sie unter dem Namen @EinAugenschmaus und dem Hashtag #Ableseservice, was auf dem Feld und am Spielfeldrand gesprochen wird - sofern es denn zu sehen ist. Aus den stummen Trainerschreien wird dann plötzlich ein "Ey los!", ein "Hoch Lukas!" oder ein "Scheiße, Mensch!"

Am liebsten guckt sie die Spiele zu Hause, schreibt sie per Mail an SPIEGEL ONLINE, hochkonzentriert und in absoluter Ruhe: "Ich halte mein Blackberry gezückt in der Hand und tippe sofort los, wenn da was kommt."

Es ist ein Vergnügen wie ein guter Tratsch, auch wenn oft wenig dabei herumkommt. Mal stöhnt Özil ein "Mein Gott!", Schweinsteiger ruft "Mario, mach zu", und Bierhoff schmettert von oben ein "Jawohl." Geschliffene Reden sind auf dem Platz eben nicht zu erwarten, und manches hätte mancher lieber gar nicht so genau gewusst.

Fans jiepern nach Satzfetzen

Eine derbe Beleidigung kommentierte Probst deshalb mal augenzwinkernd: "Meinte er den Ball?" Was gemeint ist, sieht sie zwar nicht, was gesagt wird, schon: "Ich vertwittere nur das, wo ich mir auch sicher bin, dass es korrekt ist", schreibt Probst, "wenn ich auf Anhieb alles verstanden habe, bin ich mir da auch sicher." Und ihre Fans jiepern nach jedem Satzfetzen, sei er noch so klein.

Im Netz ist Julia Probst längst eine Berühmtheit. Ihr Blog gehört zu den bekanntesten des Landes und als einzige Deutsche zählt ABC News sie zu den zehn wichtigsten Twitterern des Jahres 2011. Sie setzt sich ein für die Belange der Gehörlosen und Menschen mit Behinderung. Ihr Engagement hat schon einiges gebracht: Der Videopodcast der Bundeskanzlerin zum Beispiel hat mittlerweile Untertitel, und auch die Neujahrsansprache zeigte Phoenix erstmals mit Gebärdensprachdolmetscher. Und in der ARD-Mediathek zum Beispiel ist der "Tatort" jetzt auch mit Untertiteln abrufbar.

Aber Probst will viel mehr: Alle Sendungen im Fernsehen sollten untertitelt sein, Nachrichten- und Kindersendungen von Gebärdensprachdolmetschern begleitet werden. Außerdem wünscht sie sich Laufbänder in allen Zügen, in denen es bisher nur Durchsagen gibt, und die selbstverständliche Möglichkeit, in ganz Deutschland auch per SMS einen Notruf absetzen zu können - und nicht nur mit einem Anruf.

Ihr Fußball-Ableseservice macht seit 2009 indirekt auf diese Probleme Gehörloser aufmerksam - indem Probst den Hörenden hilft, wo sie nicht weiterkommen. Einem größeren Publikum wurde sie während der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren bekannt. Da transkribierte sie, wie Bastian Schweinsteiger die Jungs vor dem Spiel einschwor: "Von nichts kommt nichts." Oder Jogi Löws Gemecker im Spiel gegen Serbien: "Scheiße, das gibt es doch nicht", soll er da geschrien haben, und: "Ey, für alles gibt es Gelb!"

Manche sprechen nur hinter vorgehaltener Hand

Mittlerweile hat sie mehr als 7700 Follower. Und neben ihren politischen und privaten Tweets gibt es eine richtige Fangemeinde für ihren freiwilligen Dienst. Ein User mit dem Namen @fernseherkaputt schreibt: "Der Ableseservice von @EinAugenschmaus könnte einen fast zum Fußballschauen verleiten."

"In Italien und Spanien arbeiten Lippenleser beim Fernsehen und bei der Zeitung", so Probst, "das merkt man auch daran, dass die Fußballer und Trainer der dortigen Teams und Clubmannschaften die Hand vor den Mund halten." Das könne man jetzt auch schon bei deutschen Spielern beobachten, Mesut Özil beispielsweise habe nach dem Spiel gegen Portugal hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

Oft wird bei der Lippenleserin nachgefragt, wie beim Spiel am Samstag: "Was hat der Däne gesagt?" Probst schreibt allerdings immer wieder, dass sie nur die deutschen und englischen Sätze lesen kann - und auch das nur, wenn die Kameraposition günstig ist: "Ich bin ja keine Hexerin." Vor zwei Jahren hatte sie es etwas leichter als in diesem Turnier: "Bei der WM 2010 gab es deutlich mehr Close-ups von den Spielern und den Trainern."

Manchmal geht es auch ihr nicht anders als den meisten Zuschauern - das Geplärre am Rand ist einfach nicht zu verstehen. So entschuldigte sie sich einmal: "Sorry, wenn Jogi so wütend rumschreit, verzerrt es das Mundbild." Außer "Fuß" habe sie nichts erkennen können. Den Rest muss man sich eben manchmal denken.

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Das ganze bliebe eine Posse unter Soziopathen...
franxinatra 19.06.2012
...wenn nicht ein weiterer Wichtigtuer zum Schaden eines noch namhaften Nachrichtenmagazins aus einem Pubs einen wind machte; Qualitätsjournalismus wird immer seltener!
2. Das ist optimales Nutzen der Faehigkeiten
misr35 19.06.2012
Meine Hochachtung fuer diese Engament. Speziell wenn man so geboren ist zeigt dies eine Leistung die vollste Bewunderung abruft. Das sind Beitraege die es wert und nuetzlich sind vielen Menschen Mut zu machen. Bravo Frau Probst.
3. Meine Güte
troy_mcclure 19.06.2012
Zitat von sysopWas der Bundestrainer wirklich brüllte: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst kann Lippenlesen. Bei der EM verbreitet sie über Twitter, was Spieler und Trainer auf dem Spielfeld sagen. Manches hätte man ganz gern überhört. Julia Probst twittert als @einaugenschmaus zur EM - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,839557,00.html)
Dieses Drumherum geht mir so auf die Nerven, ds ist doch so was von wurscht, was die während des Spiels sagen... Gestern Abend, als ich Olli Kahn und Fr. Müller-Hohenstein vom ZDF sah, kam plötzlich noch jemand dazu (die "Blogexpertin"). War das Niveau vorher schon schlecht, dachte ich in dem Moment, ich sei bei "BUNTE TV", das hatte mit Sport aber rein gar nichts mehr zu tun, sondern die beiden Damen unterhielten sich, wie süß Gomez sei. HILFE, ich will doch einfach nur Fußball schauen und gute, fundierte Analysen nach dem Spiel sehen. Ist das zu viel verlangt?
4. So lustig finde ich das nicht
LinkesBazillchen 19.06.2012
Ich wollte nicht auf diese Art "beschnüffelt" werden. Das ist der selbe Fall, als ob jemand ein Mikro an jemand heimlich anbringt und dann das Gesagte ungefragt in die Öffentlichkeit bringt - eine neue Art der Verwanzung. Der "Normalo2 dürfte sich das nicht leisten.
5. Nette Geschichte...
sappelkopp 19.06.2012
Zitat von sysopWas der Bundestrainer wirklich brüllte: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst kann Lippenlesen. Bei der EM verbreitet sie über Twitter, was Spieler und Trainer auf dem Spielfeld sagen. Manches hätte man ganz gern überhört. Julia Probst twittert als @einaugenschmaus zur EM - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,839557,00.html)
...doch wie mit vielem im Netz: Es ist ein Gimmick und man kann gut ohne leben. Zudem: Ich will beim Fußballspiel Fußball sehen und auf dem Mäusekino des Handys lesen, was Löw gesagt haben könnte. Soviel Fantasie habe zumindest ich noch selbst, dass ich es mir zusammenreimen kann.
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