Jung, weiblich, kochaktiv Beruf: Gourmet-Bloggerin

Kochen ist in, Weblogs auch. Trendsetter, die das frühzeitig erkannt und kombiniert haben, eröffnen ihren Lesern kulinarische Welten im Web - und ernten jetzt die Früchte: Buchverträge oder Werbeeinnahmen, manchmal auch beides.

Von Gerd F. Michelis


"Februar ist der suppigste Monat", textet Orangette, alias Molly Wizenberg, in ihrem Food-Blog und liefert das jahreszeitlich passende Rezept gleich mit: Kartoffeleintopf nach Anden-Art mit Achiote-Samen als Gewürz und Avokadostreifen obendrauf.

Seit fast drei Jahren schreibt die 28-jährige Food-Journalistin aus Seattle übers Kochen, Essen und Trinken, und das in einer solchen literarischen Qualität, dass ihr erstes Buch "Orangette: The Stories My Kitchen Tells Me" demnächst beim renommierten New Yorker "Simon & Schuster"-Verlag erscheint.

Blogs zu Büchern – kein Einzelfall. Auch Clotilde Dusoulier aus Paris erntet jetzt die Früchte ihrer Leidenschaft fürs Kochen und Bloggen. Im Mai geht sie mit "Chocolate and Zucchini: Daily Adventures in a Parisian Kitchen" auf Lesereise durch die Vereinigten Staaten. Gleich zwei Verlage haben sich die Rechte am kulinarischen Debüt der 27-jährigen Autorin gesichert: Broadway Books in den USA, Marion Boyars Publishers in Großbritannien.

Woher kommt dieser Erfolg? Beiden Autorinnen ist gemeinsam, dass sie ihre Blogs auf Englisch publizieren. "Der Markt ist einfach größer", erklärt die Pariserin. "Etwa 70 Prozent der Besucher meiner Website kommen aus den USA und Kanada, aber lediglich 10 Prozent aus Frankreich." Dusoulier denkt nicht daran, ihren Blog auch auf Französisch zu veröffentlichen. "Die meisten Unternehmen in Europa haben ja noch nicht mal ein Budget für Online-Werbung definiert."

Online-Werbung? Aber ja. Die Französin verkauft über Blogads, einem auf Blogwerbung spezialisierten Anzeigenvermittler in North Carolina, Werbeflächen auf ihrer Seite. "Die meisten selbständigen Blogger", erklärte Blogads-Gründer Henry Copeland kürzlich gegenüber dem "Wall Street Journal", "erzielen Werbeeinnahmen von zwei- bis zehntausend Dollar im Monat."

Zahlen, die man so ohne weiteres nicht glauben mag und die auch von keinem der befragten Food-Blogger bestätigt werden. "Das Geldverdienen", erklärt Dusoulier, "sollte nicht im Vordergrund stehen", viel wichtiger sei es, dass man "mit echter Leidenschaft bei der Sache ist". Und doch steht sie mit ihrem Blog ganz weit oben auf der Anzeigenpreisliste von Blogads: 1.200 Dollar kostet ein Werbebanner bei Chocolateandzucchini.com im Monat. Zwei davon sind aktuell geschaltet und erzielen 500.000 Anzeigenabrufe im Monat.

Bereits im Jahr 2003 startete Dusoulier von San Francisco aus ihr Blog, verkaufte 2004 ihre erste Anzeige und heute – 250 Rezepte später – führen fast zwölftausend Links, die härteste Währung des Webs, zu ihrer Seite. Das ist mehr ist, als manche große deutsche Tageszeitung vorweisen kann. "Irgendwann hat eben der Netzwerk-Effekt gegriffen", freut sich die Französin.

Nutzwert statt Egozentrik

Auf Molly Wizenbergs Seite dagegen findet man keine Anzeigen. "Ich mag Werbung einfach nicht”, erklärt die Schriftstellerin. "Mir gefällt es, dass Orangette.blogspot.com eine der wenigen Seiten im Internet ist, die man täglich besuchen kann, ohne mit irgendwelchen Anzeigen bombardiert zu werden."

Wären da nicht die fruchtigen Fotos und Rezepte, man könnte Wizenbergs Blog tatsächlich für pure Literatur halten, und läge damit nicht mal falsch. "Ich schreibe Essays übers Essen – "food stories" – mit Rezepten als Zugabe", sagt Molly. Und das unterscheidet ihr Werk von einem normalen Kochbuch. "Ich kenne nicht viele Leute, die Spaß daran haben, einfach nur irgendein altes Rezept zu lesen. Wenn dazu aber eine Geschichte erzählt wird, mit der sich die Leser identifizieren können oder die sie inspiriert, dann werden sie nicht nur mehr lesen wollen, sie werden auch mehr kochen." Premium-Prosa frisch aus der Küche – das ist wohl das Erfolgsgeheimnis ihres Blogs, das sie im Juli 2004 startete und dessentwegen sie ihr Anthropologie-Studium an den Nagel hängte.

Lassen sich diese Erfolgsmodelle auf Deutschland übertragen? "Als wir das Thema Food-Blogs für uns entdeckten", sagt Nicole Stich von "Delicious Days" in München, "waren diese zu einem großen Teil in englischer Sprache verfasst. Erste Kontakte zu anderen Bloggern waren schnell geknüpft, weshalb es eine logische Folgerung war, Deliciousdays.com auf Englisch zu verfassen."

Das war 2005. Bereits ein Jahr später erhielt ihr Food-Blog von "Time" die Auszeichnung "50 Coolest Websites", wobei die Redaktion des US-Magazins besonders auf das elegante Design und die großartigen Fotos hinwies.

Auch bei mehr als 200.000 Seitenabrufen pro Monat und fast fünftausend Links, die zu ihrer Seite führen, sei bloggen, so die Designerin Stich weiter, für sie "nach wie vor ein Hobby – mit Sicherheit sehr zeitaufwendig, aber auch sehr erfüllend".

Dass es mehr sein kann, belegen die amerikanischen Beispiele. Und bei etwa 145 Millionen Deutsch sprechenden Europäern, dürfte der Markt groß genug sein, um bald auch die ersten Deutsch schreibenden Gourmet-Bloggerinnen zu ernähren.



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