Aufstand gegen Assad: Wie Syrien das Internet verlor

Syrien ist offline, das Assad-Regime macht die Rebellen für den Internet-Blackout verantwortlich. IT-Experten bezweifeln das - und sehen die Schuld beim Machthaber. Offenbar wurde die Web-Sperre von langer Hand vorbereitet.

Kämpfer der Free Syrian Army auf einem erbeuteten Panzer: Internet-Ausfall Zur Großansicht
REUTERS

Kämpfer der Free Syrian Army auf einem erbeuteten Panzer: Internet-Ausfall

Hamburg - Der Bürgerkrieg in Syrien tritt möglicherweise in eine entscheidende Phase ein: Rebellen greifen in der Nähe des Hauptstadt-Flughafens in Damaskus an - und den zweiten Tag in Folge ist das Land vom Internet abgekoppelt.

Für den Netzausfall macht die Regierung von Baschar al-Assad die Rebellen verantwortlich. Diese hätten ein Kabel durchtrennt, nun gebe es Ausfälle in bestimmten Regionen. Dabei hat das Regime ein viel größeres Interesse am Internet-Aus: Die Rebellen nutzen das Web, um Augenzeugenberichte zu veröffentlichen, um sich zu koordinieren und Kämpfer auszubilden.

Außerdem widersprechen IT-Experten der Darstellung der Regierung. Über drei Unterseekabel ist Syrien mit Zypern, Ägypten und Libanon verbunden. Außerdem existiert im Norden eine Landverbindung in die Türkei, die zuletzt aber nicht zuverlässig gewesen sein soll. Matthew Prince vom US-Unternehmen Cloudflare hält es für unwahrscheinlich, dass Terroristen diese vier Verbindungen gleichzeitig kappen könnten.

Abgeschaltet wie schon Ägypten

Mehrere Internetanbieter wie der Datendienstleister Akamai (siehe Grafik unten) hatten am Donnerstag einen abrupten Abbruch des Netzwerkverkehrs von und nach Syrien beobachtet. Die letzten verbliebenen syrischen Netze verschwanden in der Nacht von Donnerstag auf Freitag aus dem Web, berichtet das Internet-Analyseunternehmen Reneys. Die fünf letzten Netze waren über einen indischen Provider angebunden, die zu diesem Zeitpunkt schon abgeschalteten Verbindungen liefen über den staatlichen Provider, The Syrian Telecommunications Establishment.

Syrischer Datenverkehr: Akamai verzeichnet abrupten Abbruch der Verbindungen Zur Großansicht
Akamai

Syrischer Datenverkehr: Akamai verzeichnet abrupten Abbruch der Verbindungen

Damit seien alle sogenannten BGP-Routen vom syrischen Internet ins Ausland getrennt worden. BGP, das Border Gateway Protocol, ist aber unerlässlich, um die Netze einzelner Provider miteinander und mit benachbarten Netzen im Ausland zu verbinden. Auf diese Weise hatte die damalige Regierung in Ägypten das Land vom Internet abgekoppelt.

Das Abschalten der BGP-Routen sei systematisch geschehen, berichtet Cloudflare. Dies deute darauf hin, dass die Router mit neuen Befehlen versorgt worden seien. Ein technischer Fehler oder ein durchtrenntes Kabel sei unwahrscheinlich. Wie "Wired" berichtet, sei mit dem Abschalten von ersten BGP-Routen bereits Mitte November begonnen worden.

Rebellen berichten von Kämpfen vor Damaskus

Cloudflare zufolge hat es kurze Ausfälle bereits vor dem großen Blackout am Donnerstag gegeben: einmal am vergangenen Sonntag, als der Internet-Traffic in Syrien für 15 Minuten auf 13 Prozent seines normalen Niveaus fiel, und noch mal am Dienstag für eine weitere Viertelstunde, als die Verbindung schon mal fast komplett verschwunden war - nur 0,2 Prozent des gewöhnlichen Traffic wurden in der Zeit noch verzeichnet.

Die Internet-Kommunikation gelingt nun offenbar nur noch über einige wenige Verbindungen im Norden des Landes, die direkt an die Türkei angeschlossen sind. Auch die Telefonverbindungen im Land sollen weiter gestört und nur in bestimmten Regionen möglich sein. Hacker haben für die Opposition mehrere Einwahlnummern bereitgestellt, über die sie mit Modems über Computer, beispielsweise in Europa, ins Internet gehen können.

Eine Ende der Gewalt in Syrien ist nicht in Sicht. Über Satellitentelefon berichtet ein Sprecher der syrischen Rebellen von Kämpfen mit Regierungstruppen in der Umgebung des Flughafens der Hauptstadt Damaskus. Die bewaffneten Regimegegner seien nur noch wenige Kilometer von dem Airport entfernt, so der Sprecher der Opposition.

Die Kämpfer hätten dabei auch Luftabwehrwaffen der Truppen von Präsident Baschar al-Assad unter ihre Kontrolle gebracht. Das staatliche syrische Fernsehen meldete hingegen, das Militär habe die Straße zum Flughafen absichern können. Das Regime hatte seine Truppen in dem Gebiet über Nacht verstärkt. Die ägyptische Fluggesellschaft Egypt Air stellte ihre Flüge nach Damaskus und Aleppo am Freitag aus Sicherheitsgründen ein. Tags zuvor hatte sich bereits die Fluggesellschaft Emirates aus Dubai entschieden, Syrien nicht mehr anzufliegen.

can/ore/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Danke
antifant88 30.11.2012
Ein herzliches Dankeschön an die Friedensaktivisten.
2. Sendepause
sysiphus-neu 30.11.2012
Offenbar schadet eine Unterbrechung der IT-Kommunikation den Aufständischen mehr als der regulären Armee, die ja noch alternative eigene Kanäle hat. Das lässt mich hoffen, dass die syrische Volksarmee eine größere Operation gegen die Dschihadisten vorbereitet und dabei möglichst viele dieser Kopfabschneider und Bombenleger eliminieren kann. Die Golfdiktaturen dürfen einfach nicht durchkommen mit ihren Söldnerbanden, sonst herrscht ewiger Unfrieden in der muslimischen Welt.
3. Wie sagte Assad ...
criticus nixalsverdruss 30.11.2012
Zitat von sysopREUTERSSyrien ist offline, das Assad-Regime macht die Rebellen für den Internet-Blackout verantwortlich. IT-Experten bezweifeln das - und sehen die Schuld beim Machthaber. Offenbar wurde die Web-Sperre von langer Hand vorbereitet. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/kaempfe-in-der-hauptstadt-kaempfe-in-der-hauptstadt-a-870203.html
... im Interview mit Todenhöfer: "Ein Präsident sollte vor nationalen Herausforderungen nicht davonlaufen und wir stehen hier im Augenblick vor einer nationalen Herausforderung in Syrien. Der Präsident kann sich einer solchen Situation nicht einfach entziehen. Auf der anderen Seite jedoch, kann man nur dann in einer solchen Funktion verbleiben, wenn man sich der Unterstützung durch die Öffentlichkeit sicher sein kann. Daher müsste die Antwort auf diese Frage eine Antwort seitens der Öffentlichkeit sein und durch das syrische Volk anlässlich von Wahlen und nicht durch den Präsidenten gegeben werden. Ich kann mich als Kandidat aufstellen, ich kann zur Wahl antreten oder auch nicht. Aber ob ich gehe oder nicht gehe, das soll das syrische Volk entscheiden." Wie es aussieht hat das syrische Volk entschieden, dass er bleiben soll. ;)
4.
Hafenschiff 30.11.2012
Zitat von sysiphus-neuOffenbar schadet eine Unterbrechung der IT-Kommunikation den Aufständischen mehr als der regulären Armee, die ja noch alternative eigene Kanäle hat. Das lässt mich hoffen, dass die syrische Volksarmee eine größere Operation gegen die Dschihadisten vorbereitet und dabei möglichst viele dieser Kopfabschneider und Bombenleger eliminieren kann. Die Golfdiktaturen dürfen einfach nicht durchkommen mit ihren Söldnerbanden, sonst herrscht ewiger Unfrieden in der muslimischen Welt.
Wenn ich mir den Beitrag so durchlese, komme ich zu dem Schluss, dass die Propagandaleitungen aus der syrischen Botschaft immer noch funktionieren.
5. Irak
bikemike55 30.11.2012
Ein Präsident der gegen sein eigenes Volk in solch brutalerweise Krieg führt, wie es Assad gegenwaertig tut hat jegliche Legitimation verloren. Er wird sich und angesichts der drohenden Alternativen kann man ihm das auch nur wünschen, vor dem internatinalen Gerichtshof dafür verantworten müssen, wie seine Helfer auch. Für die gesamte islamische Welt würde ich mich freuen, wenn sich der Gedanke der Demokratie, der Menschrechte und der Gewaltlosigkeit durchsetzt und die Region ihre Potentaile dazu einsetzt das Leben des einzenen Menschen zu verbessern. Durch die Radikalisierung wird eine Konfrantation zwischen den mulsimischen und der nicht muslimes Welt heraufbeschworen, der tatsächlich nicht existent ist. Der Glaube wird als Machtmittel instrumentalisiert, das ist auch den Christen nicht unbekannt und hat in deren Historie ebenfalls furchtbare Vorbilder.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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