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Kampagne: Bekifft ficken mit den Jungen Liberalen

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"Liberal", sagt das Fremdwörterbuch des Duden, heißt "dem Einzelnen wenige Einschränkungen auferlegend, die Selbstverantwortung des Individuums unterstützend, freiheitlich". Die Jungen Liberalen in Schleswig-Holstein haben sich genau das auf die Fahnen geschrieben. Ein guter Grund, warum man die "Julis" nun auch unter "www.bekifft-ficken.de" erreicht.

Originelle Kampagne: Die Jungen Liberalen (Schleswig-Holstein) finden bekifft ficken besser als besoffen Auto fahren

Originelle Kampagne: Die Jungen Liberalen (Schleswig-Holstein) finden bekifft ficken besser als besoffen Auto fahren

Am Anfang steht ein Gerücht: "Wenn man 'www.bekifft-ficken.de' eingibt, landet man bei den Jungen Liberalen in Schleswig-Holstein!" Ein schneller Blick ins Web und - es stimmt. Unter der einprägsamen, eher libertären Adresse präsentiert sich tatsächlich der liberale Nachwuchs. Wie kann das sein?

Die Nachfrage beim DENIC schafft Klarheit. Die für eine politische Gruppierung doch eher ungewöhnliche Adresse ist tatsächlich auf die Jungen Liberalen registriert. "Verewigt" hat sie Henning Voss, seines Zeichens Webmaster der Julis in Kiel. Ein Streich des Webmasters? Oder hat da jemand den Julis ein "Ei" gelegt?

Beim DENIC gibt man zu, dass es prinzipiell möglich wäre. Die rund 10.000 Adressanmeldungen pro Tag werden nicht alle vor Ort zurückrecherchiert, der Rest ist abhängig vom Provider, der die Registrierung an DENIC weiterleitet. Bei vielen ist die Registrierung per E-Mail möglich, und ja, auszuschließen ist das nicht. Wer weiß, wie es funktioniert, könnte einem anderen eine Adresse "unterjubeln".

Das bestätigt auch ein Sprecher von 1&1, über die die Adresse registriert wurde. Ganz einfach sei das nicht, aber mit ein wenig Phantasie und Know-how ließe sich das schon bewerkstelligen und zack - plötzlich würde man den FDP-Nachwuchs unter "bekifft-ficken.de" finden. Möglich.

Tatsächlich: Es wäre möglich, aber in diesem Fall unnötig. Zwar weiß man bei der Landes-FDP nichts von der etwas seltsamen Alias-Adresse, zeigt sich aber eher amüsiert. Liberale Geister halt, die uns gern die Privatnummer des Juli-Landesgeschäftsführers Jan Strücker geben. Ein Anruf bei ihm klärt die Sache endgültig:

SPIEGEL ONLINE: Guten Tag Herr Strücker, kennen Sie 'www.bekifft-ficken.de'?

Strücker: Aber ja.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Ihnen denn diese Adresse beschert?

Strücker: Das müsste Henning Voss, unser Webmaster, gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Darf man fragen, warum man sich selbst so etwas antut?

Strücker: Man macht so was, um auf das Programm der Jungen Liberalen hinzuweisen. Der Website wird demnächst auch noch eine Kampagne folgen. Wir als Junge Liberale setzen uns für die größtmögliche Freiheit des Einzelnen und darum auch für die Liberalisierung weicher Drogen ein. Darauf wollen wir auch mit diesem Angebot aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: Originell. Bekifft sehen wir dann natürlich ein, aber warum noch das Ficken hinterher?

Strücker: Tja... was ist denn bei Ihnen los?

SPIEGEL ONLINE: Da wird im Hintergrund gelacht.

Strücker: Gelacht?

SPIEGEL ONLINE: Wundert Sie das?

Strücker: Nein... Die vollständige Zeile lautet natürlich, "Lieber bekifft ficken als besoffen Auto fahren".

SPIEGEL ONLINE: Ein origineller Slogan.

Strücker: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Und das verantworten Sie selbst?

Strücker: Als Landesverband der Jungen Liberalen in Schleswig-Holstein. Die Kampagne startet im September.

Womit fast alle Fragen geklärt wären, vielleicht abgesehen davon, wie denn die Mutterpartei so etwas sieht. Und wer könnte darüber besser Auskunft geben als Wolfgang Kubicki, der Fraktionsvorsitzende der FDP im Landtag von Schleswig-Holstein? Der findet darauf ganz spontan eine ziemlich deutliche Antwort.

Wolfgang Kubicki: "Geschmacklos"
DPA

Wolfgang Kubicki: "Geschmacklos"

SPIEGEL ONLINE: Herr Kubicki, wissen Sie, dass die Julis in Schleswig-Holstein eine Webadresse namens "bekifft-ficken" registriert haben?

Kubicki: Nein. Ehrlich? Das halte ich für völlig geschmacklos.

SPIEGEL ONLINE: Die Adresse ist Teil einer Kampagne für die Freigabe von weichen Drogen. Der volle Slogan lautet "Lieber bekifft ficken als besoffen Auto fahren".

Kubicki: Geschmacklos. Der Sache werde ich mal nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist hier geschmacklos: Dass die Julis für die Freigabe weicher Drogen werben oder die Adresse?

Kubicki: Nein, diese Kombination. Also, man sollte weder besoffen noch... Ich habe nichts gegen Geschlechtsverkehr, und die Julis haben zur Freigabe weicher Drogen eine eindeutige Position. So etwas kann man vertreten, darüber kann man reden. Aber die Wortwahl, das mit dem Ficken...

SPIEGEL ONLINE: Sie koordinieren solche Dinge nicht zwischen FDP und Julis?

Kubicki: Nein, die Julis sind ja ein eigenständiger Verband. Wir haben da keinerlei Zensurmöglichkeiten, wollen wir auch gar nicht haben. Wer bei den Julis mitmachen will, muss ja noch nicht einmal FDP-Mitglied sein. Aber dieser Slogan. Ich werde mal mit dem Landesverbandsvorsitzenden der Julis reden. Vielleicht findet man da ja noch etwas Geschmackvolleres. Die Kampagne steht und fällt ja nicht mit diesem Slogan.

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