Kampagne gegen Google Facebook schlittert ins PR-Desaster

Facebook beauftragt eine Agentur, um kritische Medienberichte über Google zu lancieren. Die Undercover-Meinungsmache flog auf - für Facebook wird der Fall zum PR-Desaster. Anstößig, unehrlich, feige, peinlich: Die Urteile der Fachwelt sind eindeutig.

Facebook: PR-Kampagne "sehr, sehr dumm"
DPA

Facebook: PR-Kampagne "sehr, sehr dumm"

Von und


New York/Hamburg - Es ist der perfekte Sturm: Facebook hat eine PR-Agentur damit beauftragt, negative Geschichten über den Konkurrenten Google in den Medien zu platzieren. Dabei ging es ausgerechnet um den Vorwurf, dass der Suchmaschinenkonzern die Privatsphäre der Nutzer verletze - ein Bereich, in dem Facebook in den vergangenen Jahren mit eigenen Problemen für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Der geheime Deal flog auf, als ein von der Agentur angefragter Gastautor sich weigerte, Unwahrheiten über Google zu verbreiten. Erst berichtete "USA Today" über die Agentur Burson-Marsteller, dann enttarnte "The Daily Beast" den Auftraggeber. Mittlerweile haben beide Unternehmen die Affäre zugegeben.

Am Donnerstag schrieb der bekannte Technologie-Journalist Dan Lyons auf "The Daily Beast", ein Facebook-Sprecher habe ihm bestätigt, dass das weltgrößte Online-Netzwerk der Auftraggeber gewesen sei. Eine Facebook-Sprecherin in Deutschland wollte sich zu dem Fall nicht weiter äußern.

Nun tritt Burson-Marsteller die Flucht nach vorne an. Eigentlich sei man ja sehr für Transparenz, heißt es in einer Stellungnahme. Facebook habe aber Informationen an die Öffentlichkeit bringen wollen, ohne als Urheber zu firmieren. Die Google-Schmähungen, gerichtet gegen das Produkt Social Circle, sollten scheinbar von einer unabhängigen Quelle kommen, nicht von der Konkurrenz.

Es ist der vergebliche Versuch, das Desaster zu stoppen. Denn die Fachwelt hat längst ihr Urteil gefällt. "Nun wirft eine der schäbigen Firmen in dieser schmutzigen Affäre, Burson-Marsteller, die andere schäbige Firma, Facebook, den Wölfen zum Fraß vor", kommentiert MG Siegler die Affäre auf "TechCrunch". Vor allem für Facebook wird es schlimm. Beobachter attestieren dem sozialen Netzwerk jenes Negativimage, das der Konzern eigentlich Google verpassen wollte. Das Unternehmen müsse sich umgehend bei Google entschuldigen - das ist noch eine der harmloseren Forderungen in den zahlreichen Kommentaren.

"Wer bei Facebook hatte diese brillante Idee?", fragt Tim Mullaney von "USA Today". Vor allem aber: Wo war Sheryl Sandberg, die erfahrene Geschäftsführerin bei Facebook, die dem jungen Firmenchef Mark Zuckerberg doch eigentlich über die Schulter schauen soll? "Wann wusste sie davon", will Mullaney wissen, "und wenn sie nicht informiert war, warum nicht?"

Anstößig, unehrlich, feige, dumm, peinlich

"Das ist nicht nur anstößig, unehrlich und feige, sondern auch sehr, sehr dumm", schreibt "TechCrunch"-Chef Michael Arrington an die Adresse von Facebook. Die Agentur sei mit der Drecksarbeit beauftragt worden, heißt es bei "Engadget". Genauer gesagt: "Nixonian dirty work", in Anspielung auf US-Präsident Richard Nixon, der einst wegen der Watergate-Affäre sein Amt verlor. Im Gegensatz zu Nixon, der den Skandal zu vertuschen versuchte, hat sich Facebook allerdings schnell zu dem Geheimauftrag bekannt.

Fotostrecke

7  Bilder
Soziale Kontakte: Wie Google und Facebook Freunde vernetzen
"Peinlich für Facebook", urteilt Dan Lyons, "aber noch viel peinlicher für Burson-Marsteller", ein echtes Schwergewicht der PR-Branche. Die Agentur mit ihrer 58-jährigen Geschichte zählt viele große Technologiefirmen zu ihren Kunden. Der Chef hatte einst US-Präsident Bill Clinton beraten und die Strategie für den Wahlkampf von Hillary Clinton 2008 ausgearbeitet.

Die PR-Branche sieht in den nun hastig veröffentlichen Erklärungen offenbar vor allem lahme Ausreden und distanziert sich eilig von Facebook und der Agentur, berichtet die "Financial Times". Die Chefin der Public Relations Society of America nannte das Gebaren beider Firmen "unethisch und unzulässig".

"Facebook nicht mehr unbesiegbar"

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre der Informatiker Christopher Soghoian - ein früherer Mitarbeiter der US-Handelsaufsicht FTC. Er hatte berichtet, dass ihn Anfang Mai Mitarbeiter der Agentur Burson-Marsteller als Autor für einen Gastkommentar gewinnen wollten. Der Artikel sollte sich kritisch mit Googles angeblichen Verstößen gegen US-Datenschutzgesetzte auseinandersetzten. Soghoian prüfte die Vorwürfe der Agentur gegen Google und lehnte das Angebot ab, nachdem diese sich seiner Ansicht nach als falsch herausstellten.

Schlechtgemacht werden sollte Googles Dienst Social Circle, der es Nutzern ermöglicht, in einem Google-Konto die eigenen Profilseiten bei Facebook, Flickr, Twitter und anderen Netzwerken anzugeben. Nach der Eingabe dieser Informationen durch die Nutzer prüft Google automatisch die öffentlich einsehbaren Freundschaftsverbindungen und schlägt dem Nutzer in den Suchergebnissen dann bevorzugt Treffer vor, die eine Person aus ihrem Umfeld in irgendeiner Form öffentlich als interessant deklariert hat.

Facebooks PR-Nummer könnte sich nun als Glücksfall für Google erweisen. Zwar sei völlig offen, ob Google in Sachen soziale Netzwerke noch den Anschluss an Facebook finden könne, schreibt Dan Lyons bei "The Daily Beast". Facebook mit seinen inzwischen mehr als 600 Millionen Nutzern weltweit wird von Branchenbeobachtern oft als große Gefahr für das Google-Geschäft gesehen. Google verdient sein Geld immer noch hauptsächlich mit Anzeigen im Umfeld von Internetsuchanfragen. Facebook hat hingegen einen Vorsprung bei der "sozialen Suche".

Lyons Urteil: Nach dieser tollpatschigen Nummer wirke Facebook aber nicht mehr unbesiegbar. "Tatsächlich sehen sie fast ein bisschen ängstlich aus."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 159 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andresa 12.05.2011
1. jaja...
die strategien der meinungsmache... wusste schon chomsky: http://le-bohemien.net/2011/05/08/strategien-der-meinungsmache/
delluser 12.05.2011
2. ...
Noch ein Grund mehr, sich nicht bei solch einem Selstdarstellungsblödsinn anzumelden.
sponsch 12.05.2011
3. 600 Mio Nutzer
Wieviel der 600 Mio Nutzer sind Fake-Accounts? 80%, 50% oder nur 30%?
avollmer 12.05.2011
4. Spruce-Goose-Prinzip
Wenn ein Unternehmen groß genug wird, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Mitarbeiter etwas katastrophal Suboptimales veranlasst exponentiell. Oder kurz: Too big, must fail.
Passivist 12.05.2011
5. Naja...
Interessiert die Facebook-Nutzer doch sicher eh nicht. Hauptsache, sie können in Ruhe Farmville spielen, den Status ihres Kollegen kommentieren oder Fragen über irgendwen beantworten. Da ist Zuckerberg mit allem, was er tut, auf der sicheren Seite.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.