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Kampagne gegen Google: Facebooks bigotte Argumente

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Das ging nach hinten los: Facebook hat Google in einer PR-Kampagne vorgeworfen, ohne Zustimmung Informationen von Profilseiten auszuwerten. Doch die Kritik ist reine Heuchelei. Denn die Daten stehen ohnehin frei im Web  - vor allem, weil Facebook Nutzer seit Jahren zur Selbstentblößung drängt.

Soziale Kontakte: Wie Google und Facebook Freunde vernetzen Fotos
DPA

Hamburg - Das ist doch einmal eine gute Nachricht: Facebook sorgt sich um den Datenschutz. Facebook sorgt sich so sehr, dass das Unternehmen sogar eine PR-Agentur dafür bezahlt hat, den Konkurrenten Google wegen angeblicher Verstöße gegen Datenschutzgesetze bei Medien anzuschwärzen. So begründet Facebook seine Undercover-Kampagne gegen Google. Dumm nur: Der verdeckte Auftrag flog auf, für Facebook und die Agentur Burson-Marsteller wird die Schmieren-Kampagne zum PR-Desaster.

Ein Facebook-Sprecher rechtfertigt die verdeckte Kampagne:

"Wir wollten, dass Dritte nachvollziehen, dass Menschen nicht der Sammlung und Nutzung ihrer Daten aus Konten bei Facebook und anderen Diensten durch Google Social Circle zugestimmt haben - ebenso wenig wie Facebook dieser Nutzung und Sammlung zugestimmt hat."

Diese Ausführung unterstellt, dass Google etwas falsch gemacht hat. Der Vorwurf, Google habe ohne Zustimmung der Nutzer gehandelt, lässt nur zwei Möglichkeiten zu:

  • Entweder hat Google öffentlich zugängliche Daten ausgewertet - dann ist Facebooks Vorwurf falsch.
  • Oder aber Google hat tatsächlich in irgendeiner Form durch Facebook geschützte Daten aus den Datenbanken des Netzwerks ohne Zustimmung ausgelesen - das wäre mit Sicherheit ein Verstoß gegen gesetzliche Auflagen.

Eine Analyse der bei Google einlaufenden Daten aus Facebook-Profilen legt nahe, dass Variante eins stimmt. Die Daten sind öffentlich und Facebook empfiehlt seinen Nutzern sogar, sie zu veröffentlichen. So sehen es Facebooks Standardeinstellungen im Datenschutzbereich vor. Einen Vorwurf kann man da am ehesten Facebook machen: Das Unternehmen verleitet seine Nutzer dazu, möglichst viele Details über ihre Web-Nutzung öffentlich zu machen. Und erst jetzt, wo Google diese Details nutzt, sieht Facebook dies als Problem an.

Google analysiert öffentliche Quellen und Google-Adressbücher

Der Streit dreht sich um Googles Dienst Social Circle. Er ermöglicht es Nutzern mit einem Google-Konto, ihre eigenen Profilseiten bei Facebook, Flickr, Twitter und anderen Netzwerken anzugeben. Google wertet die Informationen aus diesen Profilen nicht standardmäßig aus - die Nutzer müssen die Konten erst bewusst Google mitteilen. Man tippt dazu die Web-Adressen der eigenen Profile bei Google ein. Danach prüft Google automatisch die öffentlich einsehbaren Freundschaftsverbindungen und kann dem Nutzer in den Suchergebnissen dann Treffer präsentieren, die eine Person aus ihrem Umfeld in irgendeiner Form öffentlich als interessant deklariert hat.

Die entscheidende Frage ist nun: Woher weiß Google, mit wem ich bei Facebook befreundet bin und was diese Personen dort an Links und Seitenempfehlungen veröffentlichen?

Google zeigt in den Kontaktlisten des Dienstes Social Circle sehr transparent für jede einzelne Verbindung an, woher die Informationen stammen. Eine typische Verbindung sieht zum Beispiel so aus:

  • Google nimmt an, dass ich Herrn P. kenne, weil seine E-Mail-Adresse in meinem Google-Adressbuch steht und weil ich Herrn P. beim Google-Dienst Buzz folge.
  • Herr P. hat ein Google-Profil angelegt und dort seine Profilseiten bei Facebook, und Twitter verlinkt.
  • Deshalb zeigt Google in meinen Suchergebnissen unter anderem bevorzugt Seiten, auf die Herr P. schon einmal bei Facebook oder Twitter verwiesen hat.

Aber woher weiß Google, welche Web-Adressen Herr P. auf seiner Facebook-Seite irgendwann einmal veröffentlicht hat?

Google wertet öffentliche Einträge auf Facebook-Profilen aus

Die Antwort ist sehr einfach: Facebook empfiehlt Nutzern in seinen Datenschutz-Standardeinstellungen diese Option. Standardmäßig sind "Beiträge, einschließlich Statusmeldungen und Fotos" laut Einstellungen für "Alle" sichtbar. Alle bedeutet hier allerdings nicht nur alle Facebook-Mitglieder. Es bedeutet: jedermann, auch ohne Facebook-Konto. Diese wichtige Präzisierung findet man allerdings nicht in dem Menü, sondern in Facebooks Datenschutzhinweisen.

Dort ist "Alle" so definiert:

"Informationen, die du mit 'Allen' teilst - sowie dein Name, Profilbild, Geschlecht, Nutzername und deine Netzwerke - können von jedem Internetnutzer gesehen werden. Bitte beachte, dass diese Informationen für alle Personen, die dein Profil aufrufen sowie Anwendungen und Webseiten, die du und deine Freunde verwenden, verfügbar sind."

Seit Jahren erklärt Facebook immer mehr Daten als "öffentlich"

Facebook weitet seit Jahren seine Standardvorgaben immer weiter aus, heute gilt viel mehr per Standard als öffentlich oder für "Alle" freigegeben als noch vor drei Jahren. Einige der Nutzerdaten behandelt Facebook seit 2009 als "öffentlich zugängliche Informationen". Seitdem kann man Anwendungen von Drittanbietern, Facebook-Mitgliedern und Websites, auf denen man sich mit dem Facebook-Log-in anmeldet, gar nicht mehr untersagen, diese Informationen zu verwenden. Konkret sind das: Name, Profilbild, Geschlecht, Wohnort, Zugehörigkeit zu Netzwerken und Fan-Seiten.

Bei anderen Details überlässt Facebook den Nutzern die Wahl - empfiehlt als Standardeinstellung aber einen sehr freizügigen Umgang. Zum Beispiel:

  • Statusmitteilungen und im Facebook-Profil veröffentlichte Einträge sind standardmäßig für alle Internetnutzer zugänglich.
  • Die Freundesliste ist standardmäßig zur Ansicht für "Alle" freigegeben. Facebook weist selbst vage darauf hin, was das bedeutet: "Die Verbindungen mit deinen Freunden können unter Umständen an anderer Stelle ebenfalls sichtbar sein."
  • Angaben zu Wohnort, Heimatstadt, Vorlieben, Aktivitäten und andere Verbindungen sind standardmäßig für "Alle" öffentlich.

Spricht man Facebook-Mitarbeiter darauf an, dass das doch sehr weitreichende Standardeinstellungen sind, kommt immer das Argument, man überlasse doch den Nutzern die Wahl. Wer will, kann die Einstellungen ändern. Stimmt - allerdings hat Facebook da ein sehr idealisiertes Bild seiner Nutzer. Sie handeln immer reflektiert, sind intellektuell imstande, lange Anleitungen zur Feinabstimmung der Datenschutz-Einstellungen zu lesen und umzusetzen.

Die meisten Menschen folgen blind den Standardvorgaben

Dass dieses Ideal nicht der Wirklichkeit entspricht, zeigen viele Untersuchungen von Verhaltensforschern. Der Psychologie-Professor Dan Ariely von der Duke University erklärt, dass die Mehrheit der Menschen den Standardvorgaben folgt. Egal ob es um Pizzabelag, Abo-Angebote oder Organspende geht - wenn eine von mehreren Optionen als Standard empfohlen wird, folgt die Mehrheit dieser Vorgabe.

Die Zustimmung zur Organspende führt Ariely als ein Beispiel auf: In Staaten, wo die Zustimmung als Standard gilt und man aktiv widersprechen muss (in Belgien, Polen und Frankreich etwa), sind gut 99 Prozent der Bürger Organspender. In Staaten, wo man aktiv seine Zustimmung zur Organspende per Ausweis deklarieren muss, liegt der Anteil an Organspendern bei fünf bis 27 Prozent.

Die Standardvorgaben formen das Verhalten der Nutzer, so dürfte es auch bei Facebook sein. Man muss nur einmal mit Diensten wie Youropenbook nach peinlichen Äußerungen suchen oder mit dem Facebook-API-Scanner die freigegebenen Informationen von Nutzern durchforsten - man stößt immer auf Äußerungen, bei denen fraglich erscheint, ob das die Betroffen wirklich aller Welt mitteilen wollten.

Facebooks bigotte Datenschutz-Argumentation

Angesichts der Tatsache, dass Facebook seit Jahren per Standardvorgaben und Änderungen seiner Nutzungsbedingungen das Verhalten der Nutzer derart formt, ist es scheinheilig, dass die Firma ausgerechnet jetzt die aktive Zustimmung der Nutzer zu jeder Form von Nutzung als Ideal entdeckt. Facebook verlangt, dass Google eine ausdrückliche Zustimmung einholt, um im Web öffentlich zugängliche Informationen aus Profilen auszuwerten. Ein Großteil dieser Informationen aus Facebook-Profilen ist öffentlich, weil Facebook bei seinen Nutzern nicht eine aktive Zustimmung einholt, sondern standardmäßig Statusmeldungen und Beiträge ins Netz stellt.

Anders gesagt: Wenn Facebook das tut, ist es okay. Wenn ein Wettbewerber von Facebook diese Daten nutzt, ist es für Facebook anstößig. Für so viel Bigotterie muss das Unternehmen nun heftige Kritik einstecken. Die Fachwelt findet deutliche Worte für die Affäre: anstößig, unehrlich, feige, dumm und peinlich.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. alles richtig gemacht
unente, 13.05.2011
Wieder Reklame für das Fatzkebuch, denn auch negative Meldungen bringen den Namen in die Öffentlichkeit und am Ende bleibt nur der Name im Gedächtnis. Wer sich begegnen will, braucht dafür einen Treffpunkt und den bietet eben dieses Format. Von negativen Meldungen lässt sich doch da niemand beeinflussen. Wenn man sich in Berlin verabreden will, könnte man das "Berliner Olympiastadion" wählen... obwohl das von den Nazis errichtet wurde - na und?
2. jaja.
shr00m 13.05.2011
Zitat von unenteWieder Reklame für das Fatzkebuch, denn auch negative Meldungen bringen den Namen in die Öffentlichkeit und am Ende bleibt nur der Name im Gedächtnis. Wer sich begegnen will, braucht dafür einen Treffpunkt und den bietet eben dieses Format. Von negativen Meldungen lässt sich doch da niemand beeinflussen. Wenn man sich in Berlin verabreden will, könnte man das "Berliner Olympiastadion" wählen... obwohl das von den Nazis errichtet wurde - na und?
mehr reklame geht doch für keinen von beiden mehr. ist in ordnung, wenn so eine uboot schmierenkampagne auffliegt. wie sähe das gegenteil aus? am besten alle it meldungen totschweigen oder nur die, die facebook schlecht aussehen lassen? man muss sich schon verrenken um sich zu der aktion negativ zu äussern. fanboys... *würg*
3. ...
g0r3 13.05.2011
Facebook... Ist das nicht diese Inet-Seite, welche vermutlich meinen Namen, meine Telefonnummer, Email u. mehr von mir kennt, obwochl ich bei denen nie angemeldet war. Nur weil ich ein paar Freunde hab, die Facebook nutzen? Ja, das mit dem Datenschutz klingt in der Tat etwas vorgeschoben.
4. Ich habe es gerade ausprobiert
emiliolojo 13.05.2011
Ich bin schockird, wie will man sowas verteidigen koennen. Facebook- Api Eine Freundin getestet, ich konnte alles ihre postss Lesen, ich habe es mit der angst bekommen, ich will doch nicht dinge lesen die nicht fuer mich gedacht sind.
5. Google hat sie auch bereits
chk23 13.05.2011
Zitat von g0r3Facebook... Ist das nicht diese Inet-Seite, welche vermutlich meinen Namen, meine Telefonnummer, Email u. mehr von mir kennt, obwochl ich bei denen nie angemeldet war. Nur weil ich ein paar Freunde hab, die Facebook nutzen? Ja, das mit dem Datenschutz klingt in der Tat etwas vorgeschoben.
Google kennt das auch alles von ihnen, je nachdem ob einer ihrer Freunde z.B. ein Android Handy hat. Vielleicht sollten sie mal ein ernsthaftes Wörtchen mit ihren Freunden reden, wenn dem so ist - denn facebook hat von ihnen nur das, was von anderen aktiv eingestellt wurde, ein generelles Problem der modernen Datenwelt...
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Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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