Kampf der Cracker Virtuelle Kollateralschäden

Wenn Hacker, Cracker, Script-Kiddies oder Virenautoren sich streiten, dann fliegen die Fetzen - und zwar vornehmlich die Datenfetzen Unbeteiligter. Wem auch immer gerade "Yaha" oder "YahaSux" Kummer machen, mag sich trösten: Er war gar nicht gemeint.

Von


Kultufigur Lara Croft: Toughe Mädchen schießen scharf
Eidos

Kultufigur Lara Croft: Toughe Mädchen schießen scharf

GigaByte ist sauer, ziemlich sauer.

Ende letzten Jahres kam ihre Website unter die Räder, erholt hat sie bis jetzt noch nicht: Statt einer Seitenanzeige bekommt man oft ein "Server down", "No response" - und das ist hart zu schlucken für die junge Dame, die sich als "18-jährige Virenschreiberin" beschreibt. "Im Augenblick", schreibt die Belgierin im Plauderton, "bin ich Mitglied im Virenschreiber-Team Metaphase VX. Hauptsächlich höre ich House-, Techno- und Trancemusik".

Yo, cool.

Locker gesagt, klingt jung, beiläufig: Ist das ernst zu nehmen?

GigaByte programmierte ihre ersten Zeilen Code noch zu Grundschulzeiten, "auf Papas C64", sie schreibt Viren, seit sie 14 Jahre alt war, im Augenblick "am liebsten in C++". Typisch ist das.

Das ist zumindest eine Sache, die sie mit "sNAkeeYes", respektive "c0Bra" von der allen Erkenntnissen nach indischen Virenschreiber- und Defacergruppe "iNDian sNakes" teilt.

Ansonsten gehören sie zu verschiedenen Subkulturen: GigaByte empfindet ihr Tun als Teil einer wilden, anarchischen, international vernetzten Popkultur. Virenschreiben ist cool, Webseiten wegballern auch. Das ist Fun, Alter!

Eidos
Im August letzten Jahres versuchte sie, in aller Halböffentlichkeit ein Virenschreiber-Treffen in den Niederlanden zu organisieren. Ging in die Hose: Zu wenig Leute zeigten Interesse.

Szenen: Weiße Hüte, schwarze Hüte

Oder scheuten sie das Licht? Typen wie GigaByte gibt es en Masse, Typen wie die iNDian sNakes noch öfter.

Die liegen seit langem im Clinch mit GForce Pakistan, die wiederum durch ihren "Hackerkrieg" mit amerikanischen Konkurrenten bekannt wurden. Im offenen Wettstreit schossen sie Webseiten ab, "defaceten" sie, veränderten sie. Manchmal reicht es, eine Unternehmenswebsite durch ein "I was here!" oder "U suck, I rule!" zu ersetzen. Hauptsache, das Copyright ist klar: Defacer zählen ihre Abschüsse, wie das angeblich einst Revolverhelden taten. Manche von ihnen hacken auch richtig, manche sind "Virii", "VXer", Virenschreiber. Sie sind die Gangs in den dunklen Neighbourhoods des Webs - zumindest sehen sie sich gern so.

Und viele von ihnen sind natürlich minderjährig.

GForce liefern sich zurzeit keine Gefechte mehr mit amerikanischen Gruppen. Im Augenblick sind sie vollauf damit beschäftigt, den iNDian sNakes zu zeigen, wo der Hammer hängt. Die Schlangen sind eine harte Nuss. Wahrscheinlich nur einer von ihnen schrieb im Februar 2002 die erste Version des Yaha-Virus, der seitdem zu den fiesesten aktiven Vertretern seiner Art gehört. Alle paar Wochen folgt eine neue Variante, Experten glauben, aus einer Hand: Inzwischen ist man bei Variante "K" - hoffentlich reicht das Alphabet aus. Jede Variante ist aufgerüstet, weiter entwickelt. Die Snakes gelten übrigens als "politisch motiviert".

Eidos
"Cyberwar": Viren und Defacements statt Schüsse und Schlägereien

Vielleicht kann man das wirklich so nennen. Die ersten Versionen von Yaha zielten auf pakistanische Regierungs-Websites, versuchten, sie in Denial-of-Service-Attacken zu Boden gehen zu lassen. Später dehnten die Snakes die Yaha-Attacken auf Firmenseiten in Pakistan aus, noch später auch auf Websites in anderen Ländern. Dann folgte der offene Konflikt und Wettstreit mit der pakistanischen Gruppe GForce.

Parallelen gibt es überall, das Muster wiederholt sich: Zwischen chinesischen und amerikanischen Hackern, koreanischen und US-Gruppen, zwischen Palästinensern und Israelis. Wenn alles klappt und es richtig fett kommt, dann erntet man sogar Schlagzeilen. Dann wird man berühmt, dann bekommt man Respekt! Yo, man: cool!

Man kann sich vorstellen, wie das abgeht: Ein Server geht in die Knie, und die Gruppe feiert. Ein Webmaster treibt graue Haare, ein Vorgesetzter gibt ihm Mores über die Sicherheitslücken im System. Irgendwo greift ein Minister zum Telefon und initiiert die nächste Cyberwar-Kommission, Konferenz, Gesetzesvorlage. Ein paar Tausend User, die sich das Virus, über das die DoS-Attacke ausgelöst wurde, gefangen haben, ärgern sich wund. Ein paar Unternehmen zählen sich astronomische Schäden zusammen, damit sie mit der Versicherung besser feilschen können.

Und CNN meldet ganz ernst Cyberwar, weil jemand beim FBI das so gesagt hat. Der braucht gerade frische Mittel, weil er gern seine Abteilung ausbauen will, seine Karriere, seinen Einfluss. Oder weil sein Chef das so will.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.