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Kampf gegen Raubkopien: US-Musikindustrie will Massenklagen aufgeben

Verwarnen statt verklagen: Die amerikanische Musikindustrie hat gemerkt, dass aufwendige Gerichtsprozesse gegen Raubkopierer wenig Effekt haben, aber viel Image-Schaden bewirken. Laut einem Zeitungsbericht wollen die Plattenfirmen jetzt enger mit den Internet-Providern zusammenarbeiten.

New York/Berlin - Seit 2003 hat die amerikanische Musikindustrie im Kampf gegen Raubkopierer rund 35.000 Menschen auf zum Teil mehrere Hunderttausend Dollar verklagt, berichtet das "Wall Street Journal", darunter auch mehrere alleinerziehende Mütter, ein 13-jähriges Mädchen und einen Toten. Eine Strategie, die den von Umsatzrückgang gebeutelten Plattenfirmen wenig messbaren Effekt, aber dafür umso mehr Antipathie in der Öffentlichkeit eingebracht hat.

Anti-Raubkopierer-Kampagne der deutschen Phono-Industrie (2006): Verwarnen statt verklagen
DDP

Anti-Raubkopierer-Kampagne der deutschen Phono-Industrie (2006): Verwarnen statt verklagen

Damit soll nun Schluss sein. Laut "Wall Street Journal" planen die US-Labels, repräsentiert durch die Recording Industry Association of America (RIAA), einen Strategiewechsel, der unter anderem beinhaltet, die Massenklagen gegen Personen, die kopierte Musik illegal über Tauschbörsen anbieten, weitgehend einzustellen. Stattdessen wolle man künftig verstärkt auf die Zusammenarbeit mit den Internet-Providern setzen, berichtete die US-Zeitung am Freitag.

Mit den großen Anbietern von Internet-Zugängen habe die RIAA bereits provisorische Abkommen ausgehandelt. Die wichtigste Änderung: Statt den mutmaßlichen Urheberrechtsverletzer zu verklagen, soll bei offenkundigen Rechtsverletzungen, die den Labels gemeldet werden, fortan der betreffende Internet-Anbieter benachrichtigt werden. Der soll daraufhin seinen Kunden abmahnen. In letzter Konsequenz könnte der Provider dem Beschuldigten den Internet-Zugang sperren. Persönliche Daten des Verdächtigten würden aber nicht mehr wie bisher an die Musikindustrie gegeben, sondern verbleiben beim Web-Dienstleister.

Ganz aufgeben will die RIAA das Abschreckungs-Instrument Prozess dennoch nicht. Die Industrie behalte sich das Recht vor, besonders hartnäckige Musikpiraten auch weiterhin vor Gericht zu zitieren, schrieb das "Wall Street Journal". Die Zahl der Klagen soll aber auf ein Minimum reduziert werden.

Der Bundesverband Musikindustrie begrüßte die geplante Vereinbarung. Nach Frankreich und England gingen jetzt auch die USA zu einer effizienten Bekämpfung von Internet-Piraterie mit Warnhinweisen über. Massenverfahren seien eine Notwehrlösung, sagte der Verbandsvorsitzende Dieter Gorny und appellierte an Politik und Provider, den Versand von Warnhinweisen nach US-Vorbild zumindest zu testen. Ohne diese Bereitschaft gebe es keine Alternative zur juristischen Verfolgung.

In Deutschland scheint die Klage-Strategie der Industrie jedoch erfolgreicher zu sein als in den USA. Allein 2007 und 2008 seien in Deutschland rund 60.000 Strafanzeigen wegen Urheberrechtsverletzungen bei Musik gestellt worden, so Gorny laut dpa. Hinzu kamen geschätzte 50.000 bis 100.000 Strafverfahren, die von der Film- und Buchbranche eingeleitet worden seien. Seit Beginn der intensiven Verfolgung 2004 sei die Zahl der illegalen Musikdownloads in Deutschland von mehr als 600 Millionen auf 312 Millionen im Jahr 2007 zurückgegangen.

In den USA hingegen sei das Volumen der über File Sharing vertriebenen Musikstücke in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, während der legale Verkauf von Musik über das Internet laut "Wall Street Journal" im gleichen Zeitraum bei rund 19 Prozent stagniert. Klassische Albumverkäufe seien unterdessen zwischen 2003 und 2007 von rund 650 Millionen auf 500 Millionen gesunken. Ein Abwärtstrend, der auch die deutsche Musikindustrie betrifft. Dagegen könnte es durchaus helfen, wenn sich die Plattenbranche nicht mehr so offensiv klagewütig als Feindbild inszeniert.

bor/dpa

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