Karten-Bilderdienst Street View Global gaffen mit Google

Hausbrand im Internet: Für Googles Karten-Bilderdienst Street View fotografieren kamerabewehrte Autos alles, woran sie vorbeikommen. Und sei es ein brennendes Einfamilienhaus samt Löschzug und gaffender Nachbarn.

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Sherwood ist ein kleiner Vorort von Little Rock, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Arkansas. Dort stehen niedrige Einfamilienhäuser mit großen Garagen, Kinder fahren mit dem Roller auf der Straße, es gibt viel Grün. Irgendwann dieses Jahr fuhr dort der Fotowagen von Googles Straßenknipsprojekt Street View vorbei - während ein Haus abbrannte.

Googles Fotolaster (siehe Bildergalerie am Artikelende) dokumentieren alles, was ihnen vor die Linse kommt - auch privates Unglück. Vor kurzem traf es einen jungen Australier, der nach der Beerdigung eines Freundes betrunken am Straßenrand eingeschlafen war, nun eben Hausbesitzer im Pech.

Die Feuerwehr löschte, die Nachbarn sahen zu, die Polizei war auch da. Alles online zu sehen, nur die Gesichter sind unkenntlich gemacht. Ein Blogger - vermutlich vom US-Blog "Neatorama" machte einen Screenshot des brennenden Hauses und stellte ihn online. Nun sind die bemitleidenswerten Besitzer des ausgebrannten Gebäudes in den USA ein landesweites Gesprächsthema.

Eine ganze Reihe von Blogs griffen das "da brennt ein Haus"-Thema auf - schließlich handelt es sich um eines der ältesten Nachbarschaftsgesprächsthemen der Menschheit. Ein Feuer bringt die Menschen einander näher, und sei es eines in tausend Kilometern Entfernung. Hauptsache man sieht gut. Das Beispiel zeigt, dass Google mit Street View, das ja eigentlich eine Erweiterung des Kartendienstes Google Maps ist, keineswegs nur Orte abbildet - jedes einzelne Panoramabild dokumentiert auch einen Zeitpunkt, friert ein Stückchen Zeitgeschichte ein, und sei sie noch so belanglos. Das galt auch schon für die Satellitenbilder in Google Earth, auf denen gelegentlich Brände, Sandstürme oder ziehende Viehherden zu sehen sind - aber Street View erzeugt Schnappschüsse vom Alltag, vom Privatleben der Menschen.

Wann ruft die Versicherung an? Und wo?

"Verdammt, der Löschwasserhydrant ist weit weg (folgt dem Schlauch)", schrieb ein Kommentator bei "Valleywag", andere prophezeiten baldige Anrufe von Versicherungsgesellschaften (man fragt sich nur, wo), und ein Zyniker merkte bei "Neatorama" an: "Na und? Wartet, bis es Street View Kalkutta gibt, dann könnt ihr Leuten am Straßenrand beim Sterben zusehen."

Nach dem ersten Blog-Sturm wurde ein Bild aus der Umgebung des brennenden Hauses entfernt - die gesamte restliche Nachbarschaft ist aber weiterhin virtuell durchwanderbar. Selbst in einer Entfernung von einigen Straßenzügen ist die dunkle Rauchsäule immer noch deutlich zu erkennen. Faszinierend und gleichzeitig höchst beunruhigend: Das digitale Sherwood ist durch den Brand viel interessanter, als vergleichbare Ortschaftsabbilder. Auch deshalb, weil viel mehr Passanten auf der Straße sind.

Das Bild sei vermutlich nicht wegen des Feuers entfernt worden, sagt Google-Sprecher Stephan Keuchel auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Die Vermutung liegt nahe, dass ein Nutzer den Wunsch geäußert hat, dieses Bild aus Street View zu entfernen, und selbstverständlich sind wir diesem Wunsch nachgekommen."

Peinliche oder kompromittierende Fotofundstücke

Die Anwendung bietet über den Help-Button die Möglichkeit, Bilder zu melden, die man als "unpassend" empfindet. Die Begründungen reichen von "ich bin auf dem Bild selbst zu sehen" bis hin zu "beleidigenden Inhalten" - gemeint sind in erster Linie Bilder von unbekleideten Menschen.

Längst gibt es Street-View-Web-Projekte, in denen nichts anderes geschieht als dass die Nutzer mehr oder minder interessante, erheiternde oder peinliche Fotofundstücke sammeln und kommentieren.

Die Kritiker von Street View jedenfalls werden den sauber dokumentierten Hausbrand als neuerlichen Beleg für die Privatsphärenprobleme durch das Angebot sehen. Und diese Kritiker sind zahlreich: In Großbritannien haben Datenschützer bereits gedroht, Google bei der nationalen Datenschutzbehörde des Vereinigten Königreichs anzuschwärzen, wenn erkennbare Privatpersonen in den Bildern auftauchen sollten.

Ein Ehepaar aus dem US-Staat Pennsylvania hat gegen Google geklagt, weil es den Besuch des Street-View-Wagens auf seinem Grund und Boden als Bruch seiner Privatsphäre empfand. Und das Städtchen North Oaks in Minnesota verpflichtete Google, alle Bilder des Ortes wieder zu entfernen.

Die Gesichter von abgelichteten Personen werden von Google schon seit einiger Zeit gepixelt - was aber nicht immer hundertprozentig funktioniert und auch nicht notwendigerweise reicht, um jemanden wirklich unkenntlich zu machen. Das musste beispielsweise ein junger Australier vor kurzem feststellen, den der Street-View-Van im Gras schlafend erwischte: vor seinem eigenen Haus, volltrunken nach der Beerdigung eines Freundes. Das Bild wurde inzwischen entfernt.

Seit Juli kann man sich übrigens auch in Deutschland erwischen lassen: In Frankfurt am Main, München und Berlin sind die Street-View-Kameraautos seitdem unterwegs.

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Forum - Privatsphäre - geht Google zu weit?
insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 12.06.2007
1.
Google hat sich noch niemals um Privatssphäre geschert. Datenschutz ist für diese Firma ein totales Fremdwort. Wer dann auch noch freiwillig der Datenkrake Google via GMail oder GoogleDesktopSearch Informationen über sich preisgibt, ist selber schuld.
M@ESW, 12.06.2007
2.
Aus Gamestar (könnte auch PC Games sein): Google arbeitet an einer Schnittstelle die aus dem Verhalten im Spiel ein psychologisches Profil erstellen soll. Das will Google dann gewinnbringend an Werbeagenturen verkaufen. Die Unterstützung der Schnittstelle muss natürlich vom Hersteller im Spiel eingebaut werden, aber die haben sicher auch schon die $-Zeichen in den Augen.
*Saskia, 12.06.2007
3.
Zitat von M@ESWAus Gamestar (könnte auch PC Games sein): Google arbeitet an einer Schnittstelle die aus dem Verhalten im Spiel ein psychologisches Profil erstellen soll. Das will Google dann gewinnbringend an Werbeagenturen verkaufen. Die Unterstützung der Schnittstelle muss natürlich vom Hersteller im Spiel eingebaut werden, aber die haben sicher auch schon die $-Zeichen in den Augen.
brrr schauder, das wäre wohl der albtraum schlechthin: vernetzung der vorort-situation und dann die daten verwenden für gewaltspiele, sei es durch google selbst oder auch private user. dann gibts bald noch mehr schul- und andere massaker. wer weiß wo die entwicklung hingeht, werden dann vor-ort-asprechpartner da sein, die man für diversteste Zwecke mit der aufnahme von aktuellen fotos beauftragen kann ?
Avaleen, 12.06.2007
4.
Zitat von *Saskiabrrr schauder, das wäre wohl der albtraum schlechthin: vernetzung der vorort-situation und dann die daten verwenden für gewaltspiele, sei es durch google selbst oder auch private user. dann gibts bald noch mehr schul- und andere massaker. wer weiß wo die entwicklung hingeht, werden dann vor-ort-asprechpartner da sein, die man für diversteste Zwecke mit der aufnahme von aktuellen fotos beauftragen kann ?
Sie haben das falsch verstanden. Es sollen keine Googleearth oder Street View Daten verwendet werden, um "Killerspiel"-Level zu designen, sondern das Verhalten der Spieler in verschiedensten Spielsituationen soll ein Profil des Nutzers liefern, um ihn (wahrscheinlich auch ingame) mit spezifischer Werbung zu beglücken.
ACP, 12.06.2007
5. surprised
mich wundert das niemand weiterdenkt was die perönlichen profile von nutzern betrifft. wieso sollte nur werbung versandt werden? vielleicht gibt´s auch jobangebote an spieler die durch besondere abgebrühtheit oder multitasking-fähigkeit auffallen. diesbezügliche wünsche existieren schon im netz und werden von entsprechenden stellen diskutiert.
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