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Webshop für Schadsoftware: Cyberwaffen im Sonderangebot

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Remote Administration Tool: Tastatureingaben mitschneiden, Passwörter stehlen, Kameras und Mikrofone einschalten Zur Großansicht

Remote Administration Tool: Tastatureingaben mitschneiden, Passwörter stehlen, Kameras und Mikrofone einschalten

Ausspähen, manipulieren, abzocken - und das für ein paar hundert Dollar. Die Kaspersky-Virenjäger warnen vor einem Webshop, mit dessen Produkten selbst Laien beinahe zu Onlinekriminellen werden können.

Die E-Mail an den Bankmitarbeiter in Singapur wirkte vollkommen unverdächtig. Abgeschickt hatten sie scheinbar Kollegen von einem malaysischen Geldhaus, um vor einem vermeintlichen Fall von Geldwäsche zu warnen. Tatsächlich aber kam sie von einem völlig Fremden. Mit einem manipulierten Anhang, der wichtige Informationen versprach, verführte er den Banker zum Klick. Statt der erhofften wertvollen Infos lud er sich unbemerkt einen Trojaner auf den PC, der heimlich die Kontrolle über den Rechner übernahm.

Einen solchen Angriff nennt man Spear-Phising-Attacke und er ist keine Seltenheit. Was die Virenjäger der russischen IT-Sicherheitsfirma Kaspersky Labs bei dem geschilderten Fall Ende 2015 alarmierte, war der Urheber der Nachricht. Sie konnten den vermutlich echten Absender der Mail identifizieren. Es handelte sich um einen Nigerianer mit Wohnsitz in Malaysia.

"Nigerianische Onlinekriminelle kannten wir bislang nur als Absender relativ simpler Betrugs-Mails", sagt Kaspersky-Analyst Vitaly Kamluk, den das Unternehmen gerade an Interpol in Singapur ausgeliehen hat. "Derart ausgefeilte Attacken kannten wir von diesen Gruppierungen bislang nicht."

Die Analysten forschten weiter und fanden die Lösung: Die Angreifer hatten die Schadsoftware nicht selbst entwickelt, sondern schlicht gekauft. Kamluk und seine Kollegen entdeckten eine Art Online-Supermarkt, der Möchtegern-Cyberkriminellen ein Rundumpaket mächtiger Angriffswerkzeuge anbietet. Kaspersky-Analysten präsentierten ihren Fund am Montag auf der jährlichen Sicherheitskonferenz des Unternehmens.

Kaspersky nennt den Onlineshop nach dem Spitznamen seines mutmaßlichen Gründers und seines wichtigsten Werkzeugs: Adwind. Die Sicherheitsspezialisten identifizierten allein von 2013 bis zum Anfang 2016 mehr als 440.000 Attacken, die sie mit Cyberwaffen aus dem Adwind-Arsenal in Zusammenhang bringen.

Spuren dieser Angriffe entdeckten die Experten vor allem auf Rechnern in Russland, danach folgen Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate. Zuletzt habe die Frequenz der Attacken erheblich zugenommen - im Zeitraum von Oktober 2015 bis zum Januar 2016 hätten sie ein "Allzeit-Hoch" erreicht.

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Kaspersky Labs

Angebot in diversen Abopaketen

Die Webseite, auf der Möchtegern-Cyberkriminelle die kriminellen Services einkaufen können, ist im offenen Internet zu erreichen und professionell aufgemacht. Das unterscheidet sie von vielen anderen Angeboten der Untergrundwirtschaft, die oft strikte Zugangskontrollen durchführen und Einlass nur gewähren, wenn andere Onlinekriminelle für einen Neuen bürgen.

Derzeit geht Kaspersky von rund 2000 zahlenden Accounts aus - wobei Kamluk zufolge dahinter neben Einzelkunden offenbar auch zahlreiche Banden stehen. Den Jahresumsatz des Plattformbetreibers schätzt er auf einen sechsstelligen Dollarbetrag.

Das Angriffsarsenal, das die Adwind-Betreiber anbieten, hat es technologisch gesehen in sich: Die Schadsoftware wird als Java-Archiv (.jar) ausgeliefert und funktioniert weitgehend unabhängig davon, welches Betriebssystem auf dem befallenen Computer läuft. Die "Abonnenten" können, wenn der Rechner ihres Opfers erst einmal infiziert ist, jede Tastatureingabe mitschneiden, Passwörter stehlen, integrierte Kameras und Mikrofone einschalten sowie Dateien kopieren und manipulieren. Remote Administration Tool, kurz RAT nennt man solche Angriffswerkzeuge.

Nach den Befunden der Kaspersky-Experten wird dieser Hacker-Werkzeugkasten von klassischen Onlinebetrügern wie der berüchtigten Nigeria-Connection genutzt. Banden wie diese wollen sich mit den neuen Tools professionalisieren und ihren Wirkungsgrad erhöhen. Zu den Nutzern gehören aber auch Unternehmen, die sich Wettbewerbsvorteile von der Konkurrenzspionage versprechen, sowie Einzelpersonen, die Bekannte ausspionieren wollen.

Unter anderem seien Spuren des Schadprogramms auf Computern von Regierungsvertretern, bei Unternehmen im Energiesektor, bei Telekommunikationsfirmen und Medienbetrieben gefunden worden.

Auch in einem mysteriösen Todesfall in Argentinien spielt die Schadsoftware eine Rolle: IT-Experten entdeckten sie auf dem Mobiltelefon eines argentinischen Staatsanwalts, der im vergangenen Sommer mit einer Schussverletzung tot aufgefunden wurde - sowie auf Geräten eines argentinischen Journalisten.

Die Spur führt nach Mexiko

Kamluk vermutet den Entwickler des Schadprogramms in Mexiko. Die ersten Spuren seien in spanischsprachigen Foren aufgetaucht, als ein gewisser "Adwind" nach Testern für die von ihm entwickelte Schadsoftware suchte. Über frühere Versionen der Malware hatten auch andere IT-Sicherheitsunternehmen wie Symantec bereits berichtet. Die Software ist auch unter den Namen "Frutas", "JSocket" und "AlienSpy" bekannt.

Der Webshop ist demnach im Zusammenwirken mit Internetprovidern schon mehrfach geschlossen worden. Beispielsweise im Sommer 2015, als das Angebot noch als "AlienSpy" firmierte. "Wenige Wochen später war es mit einem neuen Logo, einem neuen Design und neuer Netzadresse wieder aktiv und ist es bis heute", so Kamluk.

Kaspersky habe internationale Sicherheitsbehörden über den neuen Fund vorab informiert. "Ein reines Abschalten der Adresse wird auch diesmal keinen nachhaltigen Erfolg haben, wir brauchen eine internationale Kooperation von Sicherheitsbehörden um an den oder die Urheber heranzukommen."

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1. Das passt doch gut zur Digitalen Agenda, Breitband für Alle
criticalsitizen 08.02.2016
Und in DE sind die Leute dank u.A des wunderbaren gegliederten Schulsystems kaum in der Lage, Spam und Betrug und E-Kommerz-Kriminalität von vermeintlichen Schnäppchen zu unterscheiden. Geschweige denn das E-KOmmetz-Netz verstehen nutzen zu können...
2. Hacker in der Hosentasche
widatec24 08.02.2016
Wenn man bedenkt, dass auch die Geräte zum Hacken immer kleiner werden: Auf ein normales Smartphone lässt sich eine komplette Hackerumgebung installieren - schon krass! Hier gelesen: http://bit.ly/HackenMitSmartPhone
3. Leider zeigt die Geschichte
managerbraut 09.02.2016
das jede neue technische Errungenschaft zwei Seiten seiner Nutzen hat. Selbst für die Menschenheit äußerst nützliche technische Errungenschaften welche zum positiven Nutzen erfunden wurden, wurden auch zum Schaden der Menschheit verwendet. Nicht anders verhält es sich mit der Digitaltechnik - Computertechnik - Datenverarbeitung - Vernetzung und Internet. Es hängt einzig an den Nutzern technischer Errungenschaften, wie er sie anwendet zum Guten oder Schaden einsetzt. Daran wird sich selbst in 100 Jahren nichts ändern. Nur Bildung - Aufklärung - Schutzmechanismen, gesundes Mißtrauen können jeden vor Schäden bewahren.
4. Wieso im Sonderangebot?
managerbraut 09.02.2016
Adwind R.A.T. erhält man auf tausenden Netzseiten kostenlos zum Download! Nur nutzt die Software allein wenig, wenn man über keine tieferen Computer - Internet - Netzwerkkenntnisse verfügt. Ein OneClick Hackertool ist Adwin R.A.T. und Derivate nicht und für Möchtegernhacker ebenso nichts! Der Artikel vermittelt ein Bild, das es sich bei diesem Hacker Tools um einfachst zu bedienende Anfängertools handelt. Dieses Bild und Eindruck ist völlig falsch!
5.
GrinderFX 09.02.2016
Zitat von managerbrautAdwind R.A.T. erhält man auf tausenden Netzseiten kostenlos zum Download! Nur nutzt die Software allein wenig, wenn man über keine tieferen Computer - Internet - Netzwerkkenntnisse verfügt. Ein OneClick Hackertool ist Adwin R.A.T. und Derivate nicht und für Möchtegernhacker ebenso nichts! Der Artikel vermittelt ein Bild, das es sich bei diesem Hacker Tools um einfachst zu bedienende Anfängertools handelt. Dieses Bild und Eindruck ist völlig falsch!
Weil da wohl kaum nur Adwind R.A.T. erhältlich sein wird ne?
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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