Digitale Gegensätze: Die wahre Debatte über das Web

Von Kathrin Passig und Sascha Lobo

Schwarmintelligenz, Facebook, das Internet an sich: Ist das Fluch oder Segen? Die Argumente von Web-Freunden und -Feinden helfen kaum weiter. Sie reden von Urheberrecht oder Privatsphäre - und meinen etwas ganz anderes. Eine Übersetzungshilfe.

Streithähne (Symbolbild): Wer wird denn gleich in die Cloud gehen? Zur Großansicht
Corbis

Streithähne (Symbolbild): Wer wird denn gleich in die Cloud gehen?

Viele Leute glauben, dass die Kunst der ergebnislosen Diskussion eine weitverbreitete ist. Viele Leute haben recht. Ganz vorn mit dabei ist die Debatte über das Internet, deren Fronten sich in den vergangenen Jahren mit der Geschmeidigkeit und Agilität eines Gebirges bewegt haben. Deshalb verbringt jeder erwachsene Europäer gefühlt im Schnitt rund 21 Tage pro Jahr damit, seinen Mitmenschen zu erklären, weshalb das Internet zweifelsfrei alles besser macht. Oder unbestreitbar alles schlechter.

Optimisten und Skeptiker versuchen, einander mit blumigen Metaphern und ausgedachten Anekdoten davon zu überzeugen, dass das Urheberrecht die Hochkultur blühen oder verdorren lässt. Dass Online-Kontakte in die Isolation führen oder in eine schönere, sozialere Welt. Und dass die Masse der digitalen Daten entweder ein güldenes Weltarchiv oder eine zerstörerische Sintflut darstellt.

Leider ist diese Beschreibung nur minimal übertrieben, wie sich kürzlich etwa an der Debatte zu einem ausgedachten Phänomen namens "Digitale Demenz" erkennen ließ. Wir haben hier einmal zusammengetragen, wie man am besten scheitert mit der Diskussion um das Internet. Wie so oft ist der Schlüssel dazu, etwas völlig anderes zu sagen, als man eigentlich meint. Deshalb folgen hier die beliebtesten Sätze auf beiden Seiten der Netzdebatten und ihre eigentliche Bedeutung.


Die Optimisten


Was Internetoptimisten sagen: "Es ist doch offensichtlich, dass alles besser geworden ist, seit es das Internet gibt."


Was sie meinen: "Für mich ist alles besser geworden, seit es das Internet gibt. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ich in dieser Zeit ein paar Jahre älter geworden bin. Oder an etwas ganz anderem."


Was Internetoptimisten sagen: "Ihr Internetausdrucker kapiert es einfach nicht."

Was sie meinen: "Man kann unmöglich gut informiert sein und meine Meinung trotzdem nicht teilen. Schließlich sind ja auch auf den anderen Wissensgebieten alle klugen Menschen immer einer Meinung."


Was Internetoptimisten sagen: "Das Netz gibt endlich auch Minderheiten eine Stimme und wirkt daher automatisch demokratisierend."

Was sie meinen: "Nämlich vor allem der gefühlten Minderheit, der ich angehöre. Und wer sich im Netz nicht so richtig vertreten sieht, soll halt Kuchen essen."


Was Internetoptimisten sagen: "Man muss Facebook / Google ja nicht nutzen."

Was sie meinen: "Man muss auch keine Miete zahlen und sich nie waschen. Das mag gewisse Nachteile mit sich bringen, aber hey, die Möglichkeit steht unbestreitbar jedem offen."


Was Internetoptimisten sagen: "Das ist alles nur eine Frage der Gewöhnung, man muss sich halt umstellen, lebenslanges Lernen, ihr wisst schon."

Was sie meinen: "Ich musste mich eigentlich gar nicht umstellen, denn ich kenne die Welt gar nicht anders. Aber später werde ich mich bestimmt mein Leben lang hochmotiviert auf neue Gegebenheiten einstellen. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass das Internet sowieso die letzte große Neuerung war und danach nichts Wesentliches mehr kommen kann, was denn auch?"


Was Internetoptimisten sagen: "Der Gesetzgeber ist zu langsam und zu ahnungslos, der soll sich aus Internetangelegenheiten raushalten. Der Markt wird es schon richten".

Was sie meinen: "Im Wirtschafts- und im Sozialkundeunterricht war ich sehr damit beschäftigt, herauszufinden, in welchen Kästchen sich die U-Boote meines Nachbarn verstecken."


Was Internetoptimisten sagen: "Schwarmintelligenz! Wikipedia! Empfehlungen auf Amazon!"

Was sie meinen: "Ich kenne eigentlich auch nur diese zwei Beispiele, wo es was gebracht hat."


Was Internetoptimisten sagen: "Das Netz erfordert völlig neue Lösungen für die Urheberrechtsproblematik."

Was sie meinen: "Bevor ich abgemahnt werde."


Die Skeptiker


Was Internetskeptiker sagen: "Es ist doch offensichtlich, dass alles schlechter geworden ist, seit es das Internet gibt."

Was sie meinen: "Für mich ist alles schlechter geworden, seit es das Internet gibt. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ich in dieser Zeit ein paar Jahre älter geworden bin. Oder an etwas ganz anderem."


Was Internetskeptiker sagen: "Eine Welt ohne Bücher / ohne Buchhandlungen / ohne gedruckte Zeitungen / ohne Universitäten kann ich mir nicht vorstellen."

Was sie meinen: "Eine Welt ohne Bücher / ohne Buchhandlungen / ohne gedruckte Zeitungen / ohne Universitäten kann ich mir nicht vorstellen."


Was Internetskeptiker sagen: "Wenn ein Dienst kostenfrei ist, dann bist du als Nutzer kein Kunde, sondern das Produkt."


Was sie meinen: "Das gilt natürlich nur für ganz neu erfundene Dienste. Die überwiegend anzeigenfinanzierten Zeitungen und Zeitschriften, die ich lese, machen mich nicht zum Produkt, sondern zum mündigen Bürger."


Was Internetskeptiker sagen: "Das Ende der Privatsphäre ist nah!"

Was sie meinen: "Das Ende meines Verständnisses von Privatsphäre ist nah!"


W as Internetskeptiker sagen: "Das ist doch ein alter Hut, das gab es erstens früher auch schon, und zweitens hat es schon damals nicht funktioniert."

Was sie meinen: "Ihr glaubt, ihr hättet das alles gerade erst erfunden, aber in Wirklichkeit haben wir es uns ausgedacht, wir, die 68er!"


Was Internetskeptiker sagen: "Und wenn der Personalchef bei Facebook die Sauffotos des Bewerbers sieht?"

Was sie meinen: "Personalchefs leben in einer Parallelwelt von 1957 und erschrecken sich, wenn sie mit der Realität konfrontiert werden. Deshalb hat man eigens für sie auch Xing entwickelt."


Was Internetskeptiker sagen: "Ohne ein eisenhartes Urheberrecht samt gnadenloser Durchsetzung stirbt die Kultur!"

Was sie meinen: "Die Künstler verdienen doch jetzt schon nichts und selbst einige Verwerter haben Probleme, die Leasingraten für ihre Zweitwagen zu bezahlen. Da muss doch jemand schuld dran sein! Das muss sich doch ändern lassen!"


Was Internetskeptiker sagen: "Schwarmintelligenz, wenn ich das schon höre."

Was sie meinen: "James, packen Sie geschwind unsere Koffer. Draußen tobt der Pöbel, wir sollten uns stante pede in die Sommerresidenz zurückziehen."


Die hier aufgezählten schlechten Argumente stammen überwiegend aus dem Buch "Internet - Segen oder Fluch" von Kathrin Passig und Sascha Lobo, erschienen bei Rowohlt, Berlin.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
gbk666 07.10.2012
Ich finds sehr schade, dass man hier nie mit den Autoren direkt kommunizieren kann. Normalerweise bloggt Herr Lobo doch und antwortet auch tweets ..warum nicht mal eine Debatte und Kommunikation mit Herrn Lobo über seine Beiträge, genauso wie mit Herrn Augstein, Fleischhauer etc.
2. optional
udolf 07.10.2012
Internetuser sagt: Das Buch muss ich ignorieren Was Internetuser meint: Aus den Fingern gesogene Übersetzungen um an zu ecken brauch ich nicht und sind langweilig.
3. Wenn InternetBENUTZER
terrible 07.10.2012
... ueber derlei Themen streiten, entscheidet der Umstand des Tuns die Plausibilitaet des Mediums.
4.
fritz3 07.10.2012
Zitat von sysopSchwarmintelligenz, Facebook, das Internet an sich: Ist das Fluch oder Segen?
Internetoptimisten sagen: Es ist mehr. Internetpesimisten sagen: Jeder nimmt sich das schlechteste aus dem mehr.
5. Die Wahrheit
felisconcolor 07.10.2012
Zitat von sysopSchwarmintelligenz, Facebook, das Internet an sich: Ist das Fluch oder Segen? Die Argumente von Web-Freunden und -Feinden helfen kaum weiter. Sie reden von Urheberrecht oder Privatsphäre - und meinen etwas ganz anderes. Eine Übersetzungshilfe. Kathrin Passig und Sascha Lobo: Die wahre Debatte über das Web - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/kathrin-passig-und-sascha-lobo-die-wahre-debatte-ueber-das-web-a-859628.html)
liegt wie immer wohl eher in der Mitte. Aber das scheint wohl eine Marotte dieser Zeit zu sein. Entweder bist du schwarz oder weiss, das dazwischen 256 Graustufen liegen wissen wohl nur noch die wenigsten. Was aber viel nerviger ist das immer mehr Leute von Dingen reden von denen sie keine Ahnung haben. Jeder fühlt sich berufen seinen Mist irgendwo heraus zu posaunen und das auch noch für die einzig richtige Wahrheit zu halten. Das ist keine Vielfalt oder Demokratie das ist nur Dumm.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Umbruch der Medienwelt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 34 Kommentare
  • Zur Startseite

Buchtipp



E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.