Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Katrina"-Blogs: "Draußen rummst es"

Wer konnte, ist aus New Orleans geflohen, Zehntausende haben sich im Sportstadion Superdome versammelt. Einige jedoch harren zu Hause aus - und manche bloggen, wenn sie noch Strom haben.

"Alobar"

zum Beispiel hat sich geweigert, seine Wohnung zu verlassen - er wollte sich nicht mit Tausenden anderen im Superdome einsperren lassen: "Ich habe mir Fotos von anderen großen Hurrikans angesehen. Alles könnte einfach plattgepustet und weggeblasen werden. In diesem Fall kommt es nicht darauf an, wie stabil oder hoch das Gebäude ist, in dem man sich aufhält, sondern nur darauf, ob man am falschen Ort ist. Ich wette immer noch, dass ich die beste Wahl getroffen habe. Wenn es mich den Arsch kostet, werde ich ohnehin niemals wissen, ob der Superdome die bessere Wahl gewesen wäre. So ist das Leben. Es endet immer mit unbeantworteten Fragen."

Fotostrecke

14  Bilder
Hurrikan-Alarm: "Katrina" stürzt Südstaaten ins Chaos

Die wenigen Blogger, die in New Orleans ausharren, bekommen Unterstützung von überall auf der Welt - Alobars Einträge etwa werden von vielen Besuchern kommentiert, selbst von mehreren Australiern bekommt er Zuspruch. Bei der Sektion "New Orleans" der Blogger-Community "Metblogs" treffen inzwischen ebenfalls Kommentare aus der ganzen Welt ein - viele auch aus Deutschland. In der Online-Foto-Community Flickr stellen derweil immer mehr Nutzer ihre "Katrina"-Bilder ins Netz.

Eine Bloggerin mit dem Bildschirmnamen "Scyllacat" ist in der Hurrikan-Region und hatte offenbar immer noch einen funktionierenden Internetzugang, zumindest bis vor kurzem. Ihre Blog-Einträge werden ständig kürzer und klingen zunehmend verängstigt. "Der Strom ist jetzt weg. Draußen rumst es." Und ein paar Minuten später: "Das Gebäude nebenan ist eingestürzt. Das hier vielleicht auch bald, eine Wand fehlt, große Risse. Toller Trip, liebe euch."

Kaye Trammell, eigentlich Dozentin an der Louisiana State University, sitzt zu Hause und bloggt ebenfalls, dank ihres Mobiltelefons: "Gott sei gedankt für den Blackberry. Der Strom in meinem Appartement ist zur Hälfte weg, mein Internet auch. Kabelfernsehen funktioniert aber noch super. Uups. Zu früh gesprochen. Strom und Kabel sind jetzt komplett weg. Das ist ironisch, weil sie in den Nachrichten gerade dabei waren, die Stromausfall-Statistiken durchzugeben." Kurze Zeit später gibt es wieder Elektrizität: "Strom und Kabel wieder da, aber immer noch kein Netz, also blogge ich von meinem Blackberry. Der Wind nimmt zu. Es donnert ein bisschen. Regnet immer noch."

Jon Donley schreibt für das lokale Nachrichtenportal Nola.com einen Blog. Heute berichtet er über das, was sich inmitten in seiner Heimatstadt abspielt, auch er in zunehmend atemlosen Posts: "Wir hören Berichte darüber, dass Fenster herausgerissen werden. Die panischsten Anrufe kommen über Hotels in der Innenstadt, wo einige Fenster zu Bruch gegangen sind. Die Gäste drängen sich in den Korridoren. Wasser wird durch die Fenster herein geblasen und sickert durch die Decken." Und, ein paar Minuten später: "Gebäudeeinsturz an der Laurel-Straße im Garden District berichtet ... möglicherweise mit Leuten drin. Die Notfallhelfer versuchen, Geräte von der Nationalgarde durch den Sturm zu bekommen, um mögliche Rettung zu versuchen."

Kurz darauf wird die das Zeitungsgebäude der "Times-Picayune", in dem auch Nola.com untergebracht ist, beschädigt: "Die Seite des Gebäudes Richtung Pontchartrain Expressway hat genügend Schaden genommen um denen, die hier Schutz suchen, zusätzliches Unbehagen zu bereiten. Fenster, die es im dritten Stock herausgeblasen hat, haben dazu geführt, dass durch die Decke Wasser in die Cafeteria strömt." Und kurz darauf: "Ziemlich starke Überflutung der Straßen vor und hinter der "Times-Picayune" ... das Wasser scheint etwa knietief, der ständige Winde peitscht es zu Gischt und brechenden Wellen auf. Das Wasser steht an den Fahrzeugen, die ganz hinten auf dem Parkplatz stehen, in Radkappen-Höhe und steigt schnell."

Unterdessen scheint die Gewalt des Sturmes teilweise etwas nachzulassen. Kaye Trammell, die von Baton Rouge aus bloggt, schreibt: "Vor einer Stunde war kein Auto auf der Straße. Jetzt sehe ich ein paar da draußen. Von meinem Balkon aus habe ich keine Überflutungen zu berichten. Außer dem Regen, der unter der Tür durch in mein Apartment geweht wird. Vorhin waren Leute auf dem Dach von meinem Apartment. Genauso dumm wie runter zum Fluss zu gehen, wenn ihr mich fragt. Wenn ich wieder runter auf die Straße schaue, sehe ich nicht viel herumfliegen, obwohl der Wind gerade wieder etwas zunimmt."

Nachtrag: Obwohl sich die Lage in New Orleans zu beruhigen beginnt, ist noch lange nicht klar, wie viele Opfer der Sturm gefordert und welche Zerstörungen er angerichtet hat. Kaye Trammel aber geht es gut - sie verbringt die Nacht in ihrem feucht gewordenen Apartment. "Scyllacat" hat zwar noch keinen Netzzugang, aber in einem Kommentar in ihrem Blog hat eine Freundin inzwischen erklärt, dass es ihr gut geht. Jon Donley organisiert mit den Mitarbeitern der "Times-Picayune" einen Suchdienst für vermisste Angehörige. Nur "Alobar" hat sich noch nicht gerührt. "Sein Festnetztelefon ist wohl hinüber", hat eine Freundin in seinem Blog vermerkt.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: