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Keine Angst: Mutig Foto zeigen

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Mit dem Foto-Blog "We're not afraid" gibt die "Netz-Community" eine demonstrative Antwort auf die Terroranschläge von London. Frauen und Männer, Kinder und Katzen schicken den Terroristen eine Botschaft: "Wir haben keine Angst!" Ist das pathetisch, rührend, mutig, sinnlos? Oder einfach nur richtig?

Fix zusammengebastelt: Die Zahl der Fotos steigt mittlerweile im Minutentakt

Fix zusammengebastelt: Die Zahl der Fotos steigt mittlerweile im Minutentakt

Ein junger Mann hat sich einen Post-it-Zettel an die Stirn geklebt. Ein bärig-grimmig blickender Mensch schaut drohend in die Kamera, hält vor der Brust ein DIN-A4-Blatt mit den Daten der großen Terroranschläge der letzten Jahre. Eine fünfköpfige Familie lächelt fröhlich, das Nesthäkchen in der Bildmitte winkt. Eine Katze hat es sich gemütlich gemacht. Ein junges Mädchen räkelt sich auf dem Boden und lächelt in die Kamera, als wolle sie ihren 15-jährigen Freund bezirzen. Ein Baby saugt an der Mutterbrust.

Und alle diese Bilder transportieren eine Botschaft: "We're not afraid." Der Adressat: Al-Qaida. Und alle anderen.

Demonstrativ, im Web, für alle zu sehen, weltweit. Vielen fällt es mitunter schwer, diese kollektiven Web-Botschaften zu verstehen. Warum schickt jemand seine Familienbilder an ein Foto-Blog, nachdem in London Züge und ein Bus explodierten, zahlreiche Menschen starben?

Warum entschuldigten sich Tausende von Amerikanern bei der Welt für die Wiederwahl von George W. Bush? Warum erklärten so viele junge Deutsche in Anlehnung an eine blödsinnige "Bild"-Schlagzeile "Wir sind Papst", als Kardinal Ratzinger zu Benedikt XVI. wurde?

So wenig das alles miteinander zu tun zu haben scheint, gibt es darauf doch eine gemeinsame Antwort.

All diese Aktionen haben gemein, dass sie die unmittelbare Antwort einer Öffentlichkeit in einem Dialog darstellen, der normalerweise nur medial vermittelt wird.

"Bild" erzählte der Welt von der Freude der Deutschen, "Papst geworden" zu sein. Die folgende Web-Aktion zog nicht nur die Boulevardzeitung durch den Kakao, sondern kommentierte auch Kardinal Ratzingers Wahl ganz anders - und entzog der Zeitung damit die Deutungshoheit darüber. Tausende Amerikaner "entschuldigten" sich bei der Welt für die Wahl George W. Bushs und konterkarierten damit die Kommentare über das amerikanische "Wahlvolk". Eine wachsende Zahl von Londonern (und ihren Gästen) erklärt nun ihren Trotz und Optimismus im Angesicht des Terrors. Ganz unmittelbar, unter Umgehung der Medien, ihrer Deutungen und ausgefeilten Stilformen.

Willkürlich zusammengestellte Bilder: Rührend, geschmacklos, naiv - aber passend

Willkürlich zusammengestellte Bilder: Rührend, geschmacklos, naiv - aber passend

Natürlich wirkt das mitunter nur rührend, manchmal mutig, öfter pathetisch, naiv.

Dass hier der Terror mit über 50 Toten und Hunderten Verletzten mit Fotos von schmusigen Kätzchen und Teenies, von Vampiren mit bluttropfenden Zähnen beantwortet wird, ist zunächst einmal auch schlicht geschmacklos. Davon abgesehen ist es aber trotzdem vor allem eines: Eine stilsichere, absolut adäquate Antwort auf den Terror.

Denn jeder Terroranschlag ist letztlich auch ein kommunikativer Akt: Die Explosion von Bomben, das Sterben von Menschen soll eine Botschaft senden. Das perfide daran ist, dass die unmittelbaren Opfer nicht die Adressaten dieser Botschaft sind, sondern ihr Medium.

Adressat ist die Öffentlichkeit des betroffenen Landes, des Westens, und auch die Terrorbotschaft ist klar: "Es ist nicht vorbei. Es geht weiter. Wir können Euch töten, überall und jederzeit."

Das Ziel des Terrors ist nicht das Opfer sondern Angst bei denen, die Zeuge wurden. Medien - darunter zunehmend das Internet - stellen sicher, dass wir das alle sind.

Und die Antwort? Eine fünfköpfige Familie lächelt fröhlich, das Nesthäkchen in der Bildmitte winkt. Eine Katze hat es sich gemütlich gemacht. Ein junges Mädchen räkelt sich auf dem Boden und lächelt in die Kamera, als wolle sie ihren 15-jährigen Freund bezirzen. Ein Baby mit hausgemachtem "Not afraid"-T-Shirt grient pausbackig. Manche zeigen al-Qaida den Mittelfinger, andere lachen sie aus. Die passende Antwort eben: Das Leben, der Alltag geht weiter. Ihr könnt uns nicht unterkriegen. Wir haben keine Angst.

Update: Wenige Minuten nach Veröffentlichung dieses Artikels war die Seite des Foto-Blogs "We're not afraid" nicht mehr zu erreichen. Nach Entfernung der Direktlinks steht die Seite nun wieder, scheint aber instabil. Erfahrungsgemäß dauert es einige Stunden, bis der Ansturm vorbei ist. Wir möchten sie bitten, die Seite erst zu einem späteren Zeitpunkt zu besuchen.

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