Gerichtsprozess Das Karriereende des Kim Dotcom

Für Kim Dotcom wird es eng, würden wir schreiben - wenn wir das nicht schon so oft getan hätten. In wenigen Tagen entscheidet sich, ob er ins Gefängnis muss. Der Abstieg passt zu seinem früheren Aufstieg.

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Eine Zeit lang sah es tatsächlich so aus, als könne Kim Dotcom nichts etwas anhaben: Geldstrafe, Hausdurchsuchung, Verhaftung und eine drohende Auslieferung in die USA hielten ihn nicht davon ab, erst eine neue Firma und dann eine eigene Partei zu gründen. Oder riesige Partys zu feiern. Er posierte auf dem Rasen seiner riesigen Villa oder plantschte im Pool - oft augenscheinlich gut gelaunt, präsent und selten um einem großspurigen Spruch verlegen. Er kommt immer irgendwie durch, konnte man meinen, er macht sich in Neuseeland ein schönes Leben. Bis jetzt.

Das Geld sei ihm ausgegangen, sagt er nun öffentlich, ausgerechnet jetzt, wo ihn Ankläger tatsächlich hinter Gitter bringen wollen. US-Behörden sind immernoch hinter ihm her, seine Auslieferung ist beantragt, dort droht ihm ein Prozess. Die Neuseeländer sehen Fluchtgefahr und wollen ihn jetzt bis zum Auslieferungsverfahren einsperren. Das beginnt im kommenden Jahr.

Er ist nur unter Auflagen auf freiem Fuß, und gegen diese Auflagen soll er verstoßen haben, viel mehr weiß man derzeit nicht. Das Gericht hatte die Auflagen vergangene Woche bereits verschärft. So darf Dotcom keinen Hubschrauber benutzen und sich nicht mehr als 80 Kilometer von seinem Anwesen entfernen. Die Entscheidung, ob er ins Gefängnis muss, fällt wahrscheinlich kommende Woche.

Er wurde von "Kimble" zu "Kim Vestor" und "Kim Dotcom"

Hinter ihm liegt schon jetzt eine bewegte Karriere zwischen Weltruhm und Gerichtssaal, von der es schon öfter so aussah, als sei sie beendet. Schon unter seinem bürgerlichen Namen Kim Schmitz und dem Pseudonym "Kimble" machte sich der gebürtige Kieler einen Namen in Deutschland, wenn auch nicht unbedingt einen guten: Erst trat er in den Neunzigern als Hacker in Erscheinung, 1998 verurteilte ihn das Landgericht München unter anderem wegen Computerbetrugs, Datenausspähung und gewerbsmäßiger Bandenhehlerei zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren. Es war sein erstes Karriereende.

Später wurde er als erfolgreicher und feierfreudiger Unternehmer, als eine Größe der New Economy bekannt - musste sich aber auch für Tätigkeiten auf diesem Feld vor Gericht verantworten. 2002 wurde er in München wegen Insiderhandels zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnisstrafe auf Bewährung und 100.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Er floh nach Thailand und wurde dort schließlich doch verhaftet. Es war das zweite Ende seiner Karriere.

Jahrelang hört man dann eher Skurriles als Spektakuläres, Kim Schmitz mischte hier und dort mit, tauchte erst als "Kim Vestor" in Finnland, dann als "Kim Dotcom" in Neuseeland auf, wo er sich und seiner Familie eine Luxusvilla gekauft hatte (siehe Fotostrecke).

Mit einem Knall kehrte er dann im Ende 2011 wieder in die Schlagzeilen zurück: Er tauchte in einem Werbevideo für den Online-Speicher Megaupload auf und outete sich als Kopf hinter dem Dienst. Das Geschäftsmodell hatte Kim Dotcom noch reicher gemacht, als er ohnehin schon war. Megaupload galt als einer der Hauptumschlagplätze für Raubkopien im Netz.

Neuseeländer klatschen Beifall

Im Januar 2012 nahm die amerikanische Justiz die Internetbörse vom Netz, den Verantwortlichen werden schwere Urheberrechtsverstöße vorgeworfen. Seitdem kommt Kim Dotcom aus den Schlagzeilen kaum noch heraus: Es begann mit einer spektakulären Razzia auf seinem Anwesen. Die Polizei schwebte mit Hubschraubern und Dutzenden Beamten ein und holte Dotcom aus einem verbarrikadierten Panikraum. Auf Antrag der amerikanischen Ankläger beschlagnahmten die Neuseeländer Luxusautos, Gemälde, Bargeld und Schmuck. Dotcom kam für ein paar Wochen in Untersuchungshaft. Das dritte Ende seiner Karriere.

Viele fanden den Einsatz in Hollywood-Manier übertrieben, Dotcom gewann Sympathien, vor allem in seiner Wahlheimat hatte er einen Starstatus. Neuseeländer klatschten Beifall, als Gerichte übermäßige Gewalt bei der Razzia feststellten und zunächst die Durchsuchungsbefehle für illegal erklärten. "Er war zwar reich, aber viele sahen ihn als Opfer unfairer Schikane, und das kam an", sagte Kulturwissenschaftlerin Rosemary Overell dem "New Zealand Herald".

2013 wurde auf Dotcoms Anwesen wieder gefeiert: Zum Jahrestag der Razzia startete Dotcom einen neuen Dienst namens Mega mit einer riesigen PR-Show samt einschwebender Hubschrauber, Models in Uniform und inszenierter Verhaftung. Die Weltöffentlichkeit sah amüsiert zu - wohl ganz im Sinne Dotcoms, der nach wie vor eine Auslieferung in die USA zu fürchten hat.

Wahlschlappe und Trennung von seiner Frau

Schließlich mischte sich der Unternehmer auch noch in die Politik ein: Er gründete eine Internet-Partei in Neuseeland, die sich unter anderem für billige Internetzugänge und eine Reform der Urheberrechte einsetzt. In der Öffentlichkeit - zum Beispiel per Twitter - gab er sich als Robin Hood des freien Internets und konnte sogar Edward Snowden, Julian Assange und Glenn Greenwald für seinen Wahlkampf gewinnen. Wählbar war Dotcom selbst aber nicht, denn er hat zwar die deutsche und die finnische Staatsbürgerschaft, nicht aber die neuseeländische.

Bei den Wahlen im September scheiterte die junge Partei kläglich. Kim Dotcom gab vor allem sich die Schuld und zog sich aus der Politik zurück. Das vierte Ende seiner Karriere.

Seitdem geht es offenbar bergab: "Es ist offiziell: Ich bin pleite", behauptet Dotcom per Twitter. Der Kampf gegen die Auslieferung habe ihn zehn Millionen Dollar gekostet, sagte er Anfang der Woche in einem Video-Interview.

Im Mai 2014 hatte er schon die Trennung von seiner Frau Mona per Twitter bekannt gegeben. "Wir hatten ein tolles Leben, als ich seine Prinzessin war", sagte die Philippinerin der Zeitschrift "Woman's Day". "Mit 19 oder 20 ist das cool, aber dann wird man erwachsen und will die Welt entdecken, und dann funktioniert es nicht mehr." Die beiden haben fünf Kinder, sie wohnt noch auf dem Anwesen. Die neue Mega-Plattform soll auf ihren Namen registriert sein.

"Hollywood mag Deutsche ja als Bösewichte"

Dotcom sieht sich als Opfer einer Hetzjagd, wie er in dem Interview sagt. "Ich bin ein leichtes Ziel wegen meines extravaganten Lebenswandels", meinte er. "Außerdem bin ich Deutscher, und Hollywood mag Deutsche ja als Bösewichte. Die meisten Bösewichte in den James-Bond-Filmen sind auch Deutsche."

Es liegt sicher nicht an seiner Herkunft, dass Kim Dotcom in Schwierigkeiten steckt. Seit er in der Öffentlichkeit steht, steckt er immer mal wieder in Schwierigkeiten. Seinen 38. Geburtstag zum Beispiel feierte er im Gefängnis, den 40. wollte er dann mit zehntausenden Gästen in Freiheit feiern - was aber aus rechtlichen Gründen dann doch nicht geklappt hat. Nicht auszuschließen, dass sich Kim Dotcom auch diesmal wieder aufrappelt, irgendwie doch noch einmal durchkommt - womöglich bis zu seinem fünften Karriereende.

Mit Material von dpa

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Frank Zi. 29.11.2014
1.
So schlecht kann es ihm gar nicht gehen. Das neue MEGA läuft sehr gut, gehört aber offiziell seiner Frau. Gütertrennung halt, sehr clever, sollte jeder machen. Die 40000 NZD Miete im Monat für sein Anwesen bei Auckland scheint er sich auch noch leisten zu können.
spatenheimer 29.11.2014
2.
Er wird schon wieder Kapitalgeber finden, hat bisher auch geklappt. Auch hier im Forum gilt er ja als eine adipöse Kreuzung von Jesus Christus und Ghandi, die der bösen Contentmafia den Kampf angesagt hat.
misericordia 29.11.2014
3. [Enthusiasmus]
Den Artikel las ich mit einem Laecheln und Sympathie fuer den blinkenden Wahnsinn den jeder mit guten Ideen entfachen kann, wenn er nur mit Begeisterung und Mut bei der Sache ist. Lässig und mutig auch offen zu kommunizieren das die Party vorbei ist - erst einmal.
Newspeak 29.11.2014
4. ...
Wenn Banker Milliarden veruntreuen, dann schert das niemanden. Wenn Manager Milliarden veruntreuen, dann schert das niemanden. Wenn Kim Dotcom Urheberrechte verletzt (andere Formulierung für Milliarden veruntreuen), dann sind alle hinter ihm her. Verlogener könnte unser Wirtschaftssystem nicht sein. Der Unterschied ist...Banker und Manager beuten den normalen Bürger aus, Kim Dotcom aber die Industrie. Allein deshalb ist er der Staatsfeind Nr. 1.
jf1963dewbochum1966 29.11.2014
5. Von denUSA über den Tisch gezogen
Hier ist ein D .Unternehmer vom Ami Geheimdiensten und Wirtschaft ruiniert worden. die Wahrheiten über US Geschäftspraktiken war ihnen zu nahe an der Wahrheit gelegen also muß dieser D. Mundtot gemacht werden mit schmierigsten Mitteln. Er sollte die USA vor den Internationale Gerichtshof auf Rückzahlung seiner Verluste verklagen wenn nötig unter Zwang(Einfrieren aller Aktiva der USA in Europa, Asien, Afrika und Australien) kann aber nicht beurteilen ob diese Möglichkeit besteht.Nicht zu vergessen ,die Erbärmliche Rolle die Neuseeland in diesem Schmierenstück gespielt hat, haben die eine eigene Justiz oder werden die von den USA mit verwaltet?
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