Kim Dotcom im Kino "Ich spiele die Hauptrolle. Lächerlich"

Hollywoods Erzfeind liefert selbst großes Kino: In Neuseeland läuft eine Doku über Aufstieg und Fall des umstrittenen Internetmillionärs Kim Dotcom. Ihm droht die Auslieferung in die USA.

Mathias Ortmann

Von Anke Richter, Christchurch


Der Mann, der sich die Filmindustrie wie kein anderer zum Feind gemacht hat, kommt selber in die Kinos. Nach Festival-Premieren in den USA und Kanada startet am Samstag in Kim Dotcoms Wahlheimat Neuseeland der Dokumentarfilm "Kim Dotcom: Caught in the Web". Ab dem 22. August wird er auch in Deutschland zu sehen sein.

Der Film erzählt nicht nur den Aufstieg und Fall einer bizarren Robin-Hood-Figur am anderen Ende der Welt, sondern liefert auch einen kritischen Blick auf das Zusammenspiel von Technik, Politik, Geld und staatlicher Überwachung im Internetzeitalter.

"Es ist wie ein Hollywood-Drehbuch", sagt Dotcom gleich zum Auftakt des knapp zweistündigen Films hoch oben in seinem Penthouse mit Blick auf den Hafen von Auckland. "Und ich spiele die Hauptrolle. Lächerlich." Er klingt fast so begeistert wie erbost über dieses Schicksal.

Von solcher Ambivalenz profitiert der Film: Schauen wir einem cleveren Großkotz und Ganoven zu, der sich als Opfer inszeniert? Oder ist der "most wanted man online" (so die Film- und Eigenwerbung) ein mutiger Rebell, der uns die Augen für die Übergriffe von FBI und Spionage-Diensten öffnet?

Sowohl als auch. Diese Gratwanderung zwischen Fakt und Dotkom-Diktion macht die Faszination des Films aus. Sie gelingt dank akribischer Recherche, basierend auf dem Buch "The Secret Life of Kim Dotcom" des neuseeländischen Enthüllungsjournalisten David Fisher.

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Mit dabei sind auch Snowden und Smudo

Ähnlich wie Laura Poitras' Dokumentarfilm "Citizenfour" von 2014, mit dem sich "Caught in the Web" messen kann, liegen die Sympathien aufgrund der teils fragwürdigen Ereignisse und Enthüllungen schnell beim Protagonisten, ohne dass das Werk jedoch in einseitige Propaganda ausartet. Whistleblower Edward Snowden ist übrigens auch im Film zu sehen, als er in einer pompös inszenierten Pressekonferenz von Kim Dotcom namens "Moment of Truth" live zugeschaltet wird - zusammen mit Julian Assange.

An illustren Auftritten mangelt es dem rasanten Film nicht: Neben Starjournalist Glenn Greenwald und vielen anderen Experten äußern sich der Anwalt der Motion Picture Association of America, Musiker Moby, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales - und Smudo. Der Fanta-4-Sänger feierte mit dem vorbestraften Dotcom (geborener Schmitz) in früheren Jahren bei Autorennen, auf C-Promi-Partys und Luxusjachten, bevor sich Dotcom nach Asien absetzte und in einem Nachtklub in Manila seine künftige Frau Mona traf. Mittlerweile sind sie getrennt.

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Geschichte einer Karriere: Aufstieg und Fall des Kim Dotcom

Für den geltungsbedürftigen Dotcom, der "GOD" und "EVIL" als Nummernschilder seiner Mercedes-Flotte spazieren fuhr, empfindet Smudo bei aller Sympathie auch Mitleid. Trotz pausenlos knallender Champagnerkorken habe Dotcom nie einen Tropfen angerührt. Sein prügelnder Vater war Alkoholiker.

Busselnd im Pool mit Mona

Die deutschen Wurzeln des einstigen Computer-Kids mit kaputter Familie kommen in der Biografie nicht zu kurz, was auch an Alexander Behse (Monsoon Pictures International) liegt, der aus Münster stammt, in Sydney studierte und mittlerweile zu Neuseelands erfolgreichsten unabhängigen Produzenten zählt. Behse gelang es nach jahrelangen Verhandlungen zusammen mit Regisseurin Annie Goldson, die Medienwissenschaft an der Universität von Auckland lehrt, Zugang zum Privatarchiv des Mega-Millionärs zu bekommen.

Kim Dotcom hat sich nämlich über Jahre von seinem eigenen Profiteam filmen lassen - unter anderem gibt es Luftaufnahmen von Drohnen und Hubschraubern. So sieht man in der Dokumentation Kim busselnd im Pool mit Mona und im Kreißsaal bei der Geburt seiner Zwillinge. Weniger schmeichelhafte Statussymbole wie Dotcoms Erstausgabe von "Mein Kampf" sind jedoch nicht im Bild.

Goldsohn drehte bereits über Jahre bei Dotcoms öffentlichen Auftritten als Zugpferd der Internet-Mana-Partei und hatte 400 Stunden an Drehmaterial und 70 Interviews mit Zeitzeugen, bis der Hauptdarsteller letztes Jahr zum Interview bereit war. Da war er bereits politisch gescheitert. "Er ist witzig, er ist wild", so die Regisseurin, die ihn für eine "komplexe Persönlichkeit" hält. "Er hat sich mit den mächtigsten Größen der Welt angelegt, und es macht ihm nichts aus."

Bisher unveröffentlichte Aufnahmen

Bevor die Doku den Werdegang des Computerfachmanns aus Kiel zum gefragten Sicherheitsberater erzählt, der schließlich aufgrund seiner Filesharing-Plattform Megaupload als Internet-Pirat ins Visier des FBI gerät und danach die Politik Down Under als Enfant Terrible aufmischt, beginnt sie mit seiner hollywoodreifen Verhaftung.

Der fünffache Familienvater hatte sich 2010 mit einer Entourage aus Mitstreitern, Kindermädchen und Bediensteten auf das teuerste Luxusanwesen Neuseelands abgesetzt, um endlich ein ruhigeres Leben zu führen - inklusive kleiner Gastgeschenke wie ein Silvester-Feuerwerk im Wert von 500.000 Dollar für die Stadt Auckland. Dort sah man später sein Feixen auch als überdimensionale Eigenwerbung auf Bussen.

Bisher unveröffentlichte Aufzeichnungen der Polizei und der Sicherheitskameras zeigen erstmals die Razzia vom 20. Januar 2012, die es an Dramatik und Waffeneinsatz fast mit dem Sturm auf Osama Bin Laden aufnehmen kann. Ab dann steht die Frage im Kinosaal: Warum solch ein Helikoptereinsatz bei vermeintlicher Copyright-Verletzung?

Und welche Rolle spielt der in diesem Jahr überraschend zurückgetretene Premierminister John Key als mögliche Marionette Amerikas in dem Spektakel, das längst keine antipodische Polit-Posse mehr ist, sondern laut Sean Gallagher "gefährliches Glatteis" offenbart, global gesehen?

Gallagher, IT-Redakteur bei "Ars Technica" und einer der eloquentesten Kommentatoren im Dotcom-Film, fasst das ethische Dilemma am Schluss treffend zusammen: "Während wir gute Gründe haben, die Piraterie von Content zu verhindern und Künstlern einen Profit zu ermöglichen, so sind die Mechanismen dafür auch die Mechanismen für Zensur und der Unterdrückung von Meinungsfreiheit."

Wenn Dotcoms andauernder Kampf gegen seine gerichtlich beschlossene Auslieferung in die USA nicht die Lösung des Problems um Piraterie und Privatsphäre ist - dieser wichtige Film über ihn kommt ihr zumindest ein wenig näher.



insgesamt 6 Beiträge
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Cyman 27.07.2017
1. Kim Schmitz ist und bleibt ein Hochstapler
Auch wenn ich nach einer Doku, welche ich vor einigen Jahren im TV sah, ein etwas anderes Bild der Person Kim Schmitz vermittelt bekommen habe, welches ihn fast als normalen und bemitleidenswerten Menschen darstellte, bleibt Kim S. für mich ein Hochstapler, der mit falscher Biographie und Betrügereien in allererster Linie reich und berühmt werden wollte. Wenn man noch die Bilder im Kopf hat, wie er in früheren Tagen bei allen Party-Events der sogenannten High Society dabei war und im Mittelpunkt stehen wollte, protzend und zutiefst dekadent, der kann eigentlich keine Sympathie für diesen Menschen gehabt haben. Auch seine Flucht nach Neuseeland und sein dortiger Rückzugsort sprechen nicht gerade die Sprache eines bemitleidenswerten Opfers - genauso wie die Tatsache, dass seine Ambitionen für sein MEGA-Projekt auch von Anfang an sehr großspurig waren. Letztlich können wohl vor allem diejenigen Bewunderung für einen solchen Menschen äußern, welche gern falschen Vorbildern nacheifern und es mit der Moral nicht so genau nehmen.
tom_muster 27.07.2017
2.
Kimble wurde durch die Medien erschaffen, er war der Bösewicht, den sie brauchten. Daß Kimble kein Hacker -schon gar kein genialer- war, das sollte mittlerweile Allgemeingut sein. Allerdings war er ein guter Selbstvermarkter für einen dankbaren Boulevard. Die Leute mit dem Fachwissen hinter ihm heißen und hießen anders, M.O. mal besonders exemplarisch genannt (als reine Initialen sollte es ja machbar sein), ohne den und andere seines Schlages im Kimpire nicht viel gegangen wäre. Mitleid, daß es ihn dann doch vielleicht erwischt, nach einem Leben voller Betrug? Hält sich auch aufgrund so mancher peinlicher Auftritte in Grenzen.
bartmannthereal 27.07.2017
3. Kim Schmitz alias Kimble Kim Dotcom ist ein Heuchler und Hochstabler
Jeder der sich in Deutschland schon zu Zeiten von 'LetsBuyIt.com' oder Günther von Gravenreuth mit Kim Schmitz beschäftigt hat, weiß was dieser Typ gemacht hat, wie er denkt und wie er Leichtgläubige um sich sammelt. Kim Schmitz hält in Wirklichkeit gar nichts von freier Meinungsäußerung, kurz bevor man ihm in Neuseeland festsetzte hat er gegen einen Journalisten in Deutschland prozessiert die seinen Werdegang dokumentierten. ( https://netzpolitik.org/2012/kim-schmitz-selbsternannter-freiheitskampfer-im-internet-will-berichterstattung-gerichtlich-unterdrucken/ ) Natürlich könnte man den Insiderbetrug bei 'LetsBuyIt.com', den gewerbsmäßigen Missbrauch von gestohlenen Calling Cards oder das Verkaufen von 'Raubkopien' über Mailboxen als Jugendsünden bezeichnen, allerdings hat er mit Megaupload genau seinen ursprüngliche Tätigkeit wieder aufgenommen. Dass er es geschafft hat genügend Dumme zu finden, die seine Tätigkeit als 'mutige antikapitalistische Aktion' im Dienste der Freien Meinungsäußerung zu bejubeln kann nur mit einer gewissen Ignoranz bei seine neuen Freunden begründet werden. Kim Schmitz ist bestimmt kein Robin Hood, in Wirklichkeit ist er ein Erzkapitalist der gut von den Leistungen anderer lebt ohne sie zu bezahlen, um den schönen Schein aufrecht zu erhalten schreckte er auch nicht von Strafprozessen gegen Kritiker zurück. --- Leider haben die Journalisten in Neuseeland nie versucht auf deutsche Quellen zuzugreifen und die Beiträge in englischsprachigen Wikipedia unterscheiden sich doch sehr von denen im deutschen Teil. Es ist schon erstaunlich wie massiv die Sprachgrenzen auch heute noch sind. Kim Schmitz hat es geschafft, dass sein Bild im Ausland ganz anders ist als hier.
HGDOC 28.07.2017
4. Erfinder der Cloud
Natürlich ist er ein Selbstdarsteller. Das ist ja grundsätzlich nicht verboten. Aber hätte ein Ami oder Aplle und Co dasselbe gemacht wäre Megaupload als bahnbrechende Erfindung hochgejubelt worden und man hätte sich aufgrund der Raubkopien rausgeredet, man könne ja nicht jeden Nutzer einzeln kontrollieren. Schon sehr früh hat Kim Schmitz die Möglichkeiten Cloud basierter Systeme erfunden und vermarktet. Dutzende renomierte Anbieter machen dich heute ungestarft dasselbe. Da hat sich Amerika und die von Amerika beeinflussten speichelleckenden Neuseeländer einfach an ihm festgebissen. Da sieht man mal was in der freien Wirtschaft passiert wenn USA was dagegen hat. Evtl. Wirtschaftsnobelpreis verleihen statt Knast? Aber ander Länder trauen sich eben nicht gegen die USA etwas zu sagen!
susuki 28.07.2017
5.
Ich bin sonst nicht allzu zynisch, aber der Knast wird rückblickend das beste sein, was ihm passieren konnte. Datenträger (Musik, Film, Spiele) tauschen haben wir alle praktiziert. Aber nicht kommerziel und global. Ein derartiges Geschäftsmodell ist schlicht falsch. Betrug, Steuerhinterziehung und Geldwäsche schliesst sich dem zwangsläufig an.
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