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Kinderpornografie: "Wir haben den Kampf verloren"

Staatsanwalt Peter Vogt hat einen Job, für den er ein äußerst dickes Fell braucht: Er gehört zu Deutschlands führenden Kinderpornografie-Verfolgern. Seine Erfolgsbilanz ist beeindruckend - und steht doch für ein Scheitern, sagt er: Für jeden Kopf, den man der Hydra abschlage, wüchsen zwei nach.

Oberstaatsanwalt Peter Vogt aus Halle in Sachsen-Anhalt hat sich seit Jahren dem Kampf gegen die Kinderpornografie verschrieben. So legte er mit seinen Ermittlungen auch den Grundstein für eine der weltweit größten Operationen, bei der 2003 unter dem Decknamen "Marcy" 38 kinderpornografische Zirkel im Internet gesprengt werden konnten. Dabei wurden weltweit 26.500 tatverdächtige Internet-User in 166 Staaten ermittelt, darunter auch in den USA und Australien.

Doch der 49-jährige Jurist, der zu den profiliertesten Kennern der Szene in der Bundesrepublik zählt, räumt jetzt ein: "Kinderpornografie im Internet ist wie die Hydra. Schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach." Und resigniert fügt er hinzu: "Wir haben den Kampf gegen die Kinderpornografie verloren."

Vogt ist Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Kinderpornografie in Sachsen-Anhalt, die der Staatsanwaltschaft Halle angeschlossen ist. Alle einschlägigen Verfahren der Polizeidienststellen in dem Bundesland gehen über seinen Tisch. "Als ich vor neun Jahren angefangen habe, hat kaum jemand von der heutigen Rolle des Internets auf diesem Gebiet geahnt", erinnert sich der Oberstaatsanwalt: Insgesamt 107 Verfahren musste Vogt im ersten Jahr bearbeiten; bei gerade einmal 33 ging es um Kinderpornografie.

Im Jahr 2003 landeten dann 1435 Fälle auf dem Tisch der Zentralstelle in Halle, von denen 1415 Fälle Kinderpornografie betrafen, 1402 davon im Internet. "Die Kurve steigt ständig", berichtet Vogt und zeigt auf entsprechende Statistiken. Allein bis April dieses Jahres habe es in Sachsen-Anhalt 60 Straftaten solcher Art mehr gegeben als im Vergleichzeitraum 2006.

Die Drahtzieher kommen davon

Mit Aktionen wie der Operation "Mikado" zu Jahresbeginn, bei der die Justizbehörden Sachsen-Anhalts per Kreditkartenfahndung bundesweit 322 Verdächtigte ermittelten, sei die Szene kaum noch zu verunsichern, erklärt der Oberstaatsanwalt. "Denn wir ertappen immer nur die dummen Konsumenten oder jene, die die Bilder von A nach B schicken." Die das große Geld machten, blieben dagegen im Verborgenen. Mafiöse Organisationen von Anbietern böten Millionen von Fotos und Videosequenzen im Internet an. Die Täter würden dabei ihre Geldströme verschleiern und von Server zu Server springen.

Mittlerweile habe sich dabei der Schwerpunkt von Asien und Lateinamerika nach Osteuropa verlagert. "Doch es gibt Strukturen, die wir gar nicht kennen", erklärt Vogt: "Wir laufen den kommerziellen Vertreibern hinterher und schaffen es oft nicht, sie namhaft zu machen."

"Kinderpornografie ist inzwischen zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden", sagt der Jurist und verweist darauf, dass dem Täterkreis "alle gesellschaftlichen Schichten zuzuordnen" seien. Die Reihe reiche vom Arbeitslosen und Angestellten über den Pfarrer, Polizeibeamten, Lehrer und Juristen bis zum Politiker. 99 Prozent der Täter seien Männer, die Jüngsten darunter selbst noch Jugendliche oder Heranwachsende.

"Bilder machen nicht satt"

Aus Erfahrung weiß Vogt, dass die Sammler mit wenigen Bildern anfangen, bis sie oft schließlich über riesige Dateien verfügen. "Doch Bilder machen nicht satt", warnt er. Schließlich wollen die Sammler das, was sie als Daten haben, auch selbst erleben, erklärt der Oberstaatsanwalt mit Verweis auf verschiedene Untersuchungen: Studien aus den USA belegen, dass mindestens 30 Prozent der Sammler selbst mit Sexualstraftaten in Verbindung kommen. In Deutschland gehen die Experten von gut zehn Prozent aus. Die Verbrechen reichten dabei von Exhibitionismus bis zum Menschenhandel. Auch deshalb gibt Peter Vogt nicht auf, wie er versichert: "Wir machen weiter, damit das Dunkelfeld täglich mehr zum Hellfeld wird."

So konnte er gerade dieser Tage wieder einen Erfolg vermelden und bei der Verbreitung von Kinderpornografie beim Online-Spiel Second Life den mutmaßlichen Täter ausfindig machen. Den Fall hatte das ARD-Magazins "Report Mainz" öffentlich gemacht. Demnach hat ein Second-Life-Spieler aus Deutschland mit kinderpornografischen Aufnahmen gehandelt. Laut Vogt muss der mutmaßliche Täter mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren rechnen.

Birgitt Pötzsch, AP

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