Klage gegen Suchmaschine Ganz China eine Festplatte

Kann man eine Suchmaschine dafür verantwortlich machen, dass man mit ihrer Hilfe raubkopierte Musik im Web findet? Vier Musikunternehmen wollen das herausfinden und reichten Klage gegen Chinas führenden Suchdienst Baidu ein. Dessen Suchergebnisse schlagen jede P2P-Software.


Shooting-Star in der Kritik: Schafft es die Musikindustrie, einer Suchmaschine das Musik-Suchen zu verbieten?
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Shooting-Star in der Kritik: Schafft es die Musikindustrie, einer Suchmaschine das Musik-Suchen zu verbieten?

Was, grübelten die Experten und Analysten, nachdem Chinas Suchmaschine Baidu im August an die Börse ging, hat dieses Angebot, was Google und Co nicht bieten?

Seit Monaten sind Baidus Marktanteile im Steigflug, während die der Konkurrenz stagnieren oder sinken. Längst ist Google, weltweit fast unangefochten die Nummer eins, in China auf die Plätze verwiesen: Die Schätzungen variieren, doch rund die Hälfte aller Surfer in China soll mittlerweile zu Baidus Stammkunden zählen.

Das wachsende Marktgewicht machte Baidu am 5. August zu Geld. Am ersten Handelstag an der New Yorker Hightech-Börse Nasdaq stieg die Aktie um 354 Prozent. Nach zwei Tagen war sie von 27 auf 154 Dollar geklettert. Danach ging es abwärts und wieder hinauf: In einer wahren Achterbahnfahrt stieg die Aktie zuletzt von knapp über 70 auf wieder 115 Dollar, bevor sie gestern immerhin noch bei 82 Dollar landen konnte. Die Betreiber von Baidu kratzt das nach eigenem Bekunden kaum. Der Börsengang spülte über 100 Millionen Dollar in ihre Kassen.

Jetzt aber kommt Baidu unter Druck, und das aus durchaus unerwarteter Ecke. Denn während die Analysten noch darüber orakeln, ob es die "inadäquate Lokalisierung" der anderen Suchmaschinen ist, die deren Erfolg verhindert, haben Chinas Surfer längst ausgemacht, was Baidu auszeichnet: Da ist Musik drin.

Und zwar in Massen. So was macht populär.

Baidu verfügt - wie viele kleinere Suchmaschinen auch - über eine gezielte Musikdateien-Suche. Was Baidu allerdings besser abgreift als jeder "westliche" Suchdienst, ist der rapide wachsende asiatische Teil des Webs.

Der unterscheidet sich in etlichen Aspekten krass vom Webspace westlicher Prägung.

Während gerade in China der Staat rigide gegen jede politisch missliebige Meinungsäußerung und Veröffentlichung vorgeht, speichern Chinas Homepage-Betreiber offenbar weitgehend angstfrei alles an Musik auf ihren Festplatten ab, was sie öffentlich anbieten wollen.

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Dazu kommen Schätzungen zufolge rund 7000 illegal operierende Musik-Downloadseiten, die ihre digitale Ware teils gegen minimale Zahlungen oder kostenfrei abgeben; durchsucht man mit Baidu den chinesischen Teil des Webs, so erscheint der wie eine einzige mit Musik gefüllte Festplatte. Denn Baidus MP3-Suche erfasst nicht etwa Webseiten, sondern direkt die dort abgelegten Dateien. Das hat sich für Chinas Suchmaschinen-Riesen bereits in Marktanteilen ausgezahlt - und der Musikindustrie nun die Argumente für ihre Klagen geliefert.

Schätzungen zufolge entfallen um die 30 Prozent aller Suchanfragen an Baidu auf MP3-Daten. Würde Baidu die verlieren, wäre auch die Marktführerschaft in Gefahr - mit allen damit verbundenen Risiken für Werbeumsätze und den Aktienkurs.

Verhandlung in Peking

Bereits vor dem Börsengang hatte Baidu bekannt gemacht, dass Copyright-Klagen durch zwei angeblich chinesische Unternehmen vorlägen. Möglich, dass es hier bereits um die chinesischen Dependancen der Musikfirmen ging: Das Gros des Klagepakets wurde bereits im Juli eingereicht, die letzte ergänzende Klage in der vorigen Woche.

Dass Suchmaschinen den Weg zu Angeboten mit wackeliger Rechtsgrundlage weisen, ist nichts Neues. Das ist auch bei der Suche nach BitTorrent- oder eDonkey-Dateien kaum anders. Doch während die Musikfirmen im Westen bisher davor zurückschreckten, eine Suchmaschine dafür haftbar zu machen und stattdessen die P2P-Betreiber und ihre Nutzer verklagten, versuchen es nun vier Musikunternehmen mit einer direkten Klage gegen Baidu.

Das ist neu.

In China sieht sich die Musikindustrie bisher mit noch größeren Problemen konfrontiert, ihre Rechtsansprüche durchzusetzen, als im Westen. Klagen gegen einzelne Dateianbieter bieten sich kaum an. Stattdessen haben sich die Musikriesen Universal, EMI, Warner und Sony BMG vorgenommen, den Musik-Suchern die Grundlage zu entziehen. So versucht die Klage, Baidu als Vermittler zwischen Musikanbietern und -Suchern wegen Beihilfe in die Haftung zu nehmen. Doch nicht nur das: Die Kläher versuchen zudem, Baidu selbst die Verletzung von Copyrights nachzuweisen.

"Wir haben wegen Verletzung von Urheberrechten gegen Baidu Klage eingereicht", erklärte dazu Chen Feihung von EMI Hongkong, "weil Baidu über seine Suchseite Links einbettet, die den Internet-Nutzern den illegalen Download von Songs ermöglichen."

Offenbar kommt es den klagenden Firmen darauf an, in China selbst die Verhältnisse zu klären: Die Klagen, die sich auf Hunderte von dokumentierten Copyright-Verstöße beziehen, wurden in Peking eingereicht.

Beflügelt dürften sich die Musiklabels durch die letzten Gerichtsurteile in Australien und den USA fühlen, denen die US-Musiklobby RIIA ebenfalls am Freitag einstweilige Verfügungen gegen sieben P2P-Firmen, darunter LimeWire und WinMX, folgen ließen. Die fordern die P2P-Unternehmen frei nach dem Motto "Geld oder Leben!" auf, entweder den P2P-Verkehr durch legale Downloads zu ersetzen oder den Betrieb einzustellen. Genau darauf zielt wohl auch die Klage gegen Baidu ab.

Baidu hat auf die Klage bereits reagiert und Gesprächsbereitschaft signalisiert. Das Unternehmen, ließ Baidu-Sprecher Liang Dong wissen, fühle sich zwar nicht in der Verantwortung für das fröhliche Musikdateien-Getausche, spreche aber mit den klagenden Unternehmen über Möglichkeiten, legale Downloadmöglichkeiten zu erschließen.

Frank Patalong

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