Fotoprojekt Ein Kleid aus Milch

Kleidung aus Flüssigkeiten? Wie soll das gehen? Docma-Chefredakteur Christoph Künne hat es sich vom Fotografen Alexander Heinrichs zeigen lassen.

Von "Docma"-Chefredakteur Christoph Künne

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Wenn man in Deutschland jemanden fragen möchte, was die beste Technik ist, um seinen Models Milchkleider auf den Leib zu schneidern, zählt der Fotograf, Trainer und Autor Alexander Heinrichs zu den ersten Adressen. Vor knapp fünf Jahren begann er mit Milch-Experimenten, um derartige Aufnahmetechniken zu perfektionieren.

Seither hat der Aschaffenburger eine Methode entwickelt, Fotografie und Photoshop-Montage so zu kombinieren, dass trotz relativ wenig Nacharbeit am Monitor eindrucksvolle Ergebnisse entstehen. Allerdings ist das Erschaffen solcher Bilder, von denen meist pro Sitzung nur ein Motiv entsteht, aufwendig und zudem durch das Verspritzen der Flüssigkeiten schmutzintensiv.

"Anfangs habe ich noch Milch mit Joghurt vermischt und diese Mixtur bei Bedarf mit Lebensmittelfarbe gefärbt", erinnert sich der Fotograf lachend, "da kam es dann schon mal vor, dass ein Model tagelang mit schwer entfernbaren Farbflecken zu kämpfen hatte. Außerdem war dieser Flüssigkeitsmix zu durchscheinend und machte langwierige Korrekturen in Photoshop erforderlich."

Das Motiv

Für dieses Shooting hat Heinrichs die Brasilianerin Joy Machado gebeten, ihm Modell zu stehen. "Ihre dunkle Haut ist einerseits eine Herausforderung an die Opazität der Flüssigkeit, andererseits verstärkt sie den Kontrast zur Farbe der Milch", erläutert er sein Konzept. "Zunächst schwebte mir als Bildidee eine Superheldin in martialischer Pose mit Waffe vor - als wäre sie eben aus einem Comic entsprungen. Dann habe ich aber festgestellt, dass es bereits eine ähnliche Serie mit Samurai-Schwertern gibt."

Hier zeigt sich ein Problem, das jeder Kreative immer wieder lösen muss: Die meisten Ideen entstehen durch Bilder, die man - bewusst oder unbewusst - irgendwo schon einmal gesehen hat. Die Aufgabe liegt nun darin, ein solches Motiv individuell zu variieren. Im besten Fall entsteht dabei eine Adaption, die das Vorbild zitiert, aber dennoch die eigene Handschrift trägt.

In der bildenden Kunst ist dieses Vorgehen schon seit jeher gang und gäbe. Vor allem in der zeitgenössischen Kunst ermisst sich der Wert eines Werkes oftmals auch darin, wie kreativ ein Künstler seine Vorbilder zitiert. Bei der Wahl der Pose für ein Milchkleid-Model kommen aber nicht nur ästhetische Aspekte zum Tragen. "Wie genau eine Pose am Ende aussieht, entscheidet sich oft erst am Set, da Model, Technik, Perspektive und Accessoires sich erst hier wirklich zusammenfügen lassen."

Foto- und Lichttechnik

Foto- und Lichttechnik stehen bei diesem Projekt in einer engen Beziehung zueinander. Grundsätzlich gilt: Um die Splashes einzufrieren, braucht man allerkürzeste Belichtungszeiten. "Meine Blitze arbeiten mit einer Abbrennzeit von 1/4500 Sekunde", erläutert Alexander Heinrichs die Technik im Hintergrund.

Normalerweise sind handelsübliche DSLRs mit maximal 1/250 Sekunde mit Studioblitzen synchronisierbar. Damit die Splashes scharf werden, ist als allerunterste Grenze 1/750 Sekunde nötig. Das Problem lässt sich auf zwei Arten lösen: Entweder man nutzt Kameras mit Zentralverschluss-Objektiven. Oder man setzt Blitzlampen ein, die extrem kurz abbrennen. Zentralverschlussobjektive gibt es nur für Mittelformatkameras. Kurz abbrennende Blitze sind in der Regel erheblich günstiger als ein Mittelformat-System und funktionieren zudem auch mit "normalen" Kameraverschlüssen wie dem der hier benutzten Sony Alpha 7r, die mit 36 Megapixeln auflöst, aber nur mit 1/160 Sekunde synchronisiert.

Der Lichtaufbau ist - abgesehen von einer kleinen Besonderheit zur Hintergrundausleuchtung - relativ einfach: Hinter dem Model steht rechts und links jeweils ein Blitzkopf mit Normalreflektor und eingesetztem Wabenfilter. Die Waben sollen das harte Licht zum einen bündeln und zum anderen vermeiden, dass es bei diesem künstlichen Gegenlicht unerwünschte Reflexionen im Objektiv gibt.

Der Lichtaufbau der Szene
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Der Lichtaufbau der Szene

Als Hauptlicht fungiert ein Blitzkopf mit 150 Zentimeter großem Parabolschirm. Diese Wahl erklärt Heinrichs folgendermaßen: "Um die Splashes plastisch auszuleuchten und ihre Strukturen zu zeigen, braucht man sehr hartes Licht. Aus diesem Grund habe ich mich gegen Softboxen oder Striplights entschieden." Der schwarze Hintergrund wird mit einem vierten Blitzkopf aufgehellt, vor den - dem Effekt zuliebe - blaue Folie gespannt ist.

Außergewöhnlich ist die Art der Lichteinrichtung. "Diese speziellen Blitzköpfe von Multiblitz haben bei einer mittleren Einstellung die schnellste Abbrennzeit. Wo die Einstellung liegt, ist bei jedem Modell anders, das muss man oft beim Hersteller erfragen. In jedem Fall ist man an diese Vorgabe gebunden, sofern man die kurze Abbrennzeit nutzen möchte."

Da das Licht somit in seiner Stärke feststeht, kann man auf die Belichtung nur noch durch Ändern der Blende, der Empfindlichkeit und Korrekturen der Entfernung von Modell und Lampen einwirken. Zur genauen Ermittlung der richtigen Werte sollte man mit einem Blitzbelichtungsmesser arbeiten. In jedem Fall ist es empfehlenswert, das Licht nach der Aufnahme auf einem Computermonitor zu prüfen. Mit einer Kabelverbindung und einer tetherfähigen Software wie Lightroom ist das meist kein Problem.

Studiotechnik

Die weitere Studiotechnik ist eher spezieller Natur und erfordert den ein oder anderen Baumarktbesuch. Da man Flüssigkeiten verspritzt, empfiehlt sich eine Art Bassin als Untergrund, um den Fußboden vor Nässe zu schützen. Alexander Heinrichs hat sich zu diesem Zweck eine Traversenkonstruktion gebaut, die er mit Teichfolie auslegt. Letztere erweist sich aufgrund ihres stabilen Materials auch als High-Heel-sicher, geht also auch bei der Begehung mit spitzem Schuhwerk nicht so schnell kaputt. Damit auch an den Seiten keine Flüssigkeit ins Studio gelangt, sind diese mit einfachen Folien abgehängt, die an normale Studiostative montiert werden.

Die Flüssigkeiten

Noch spezieller ist die Mischung der Flüssigkeiten und das sachkundige Bespritzen des Models. Damit die optisch an Milch erinnernde Mixtur möglichst undurchsichtig bleibt und das Model nicht unnötig frieren lässt, vermischt Heinrichs für rund 10 Liter Milchsubstanz zunächst 1,5 Liter weiße Fingerfarbe mit etwa zwei Litern echter Milch. Danach füllt er die noch fehlenden 6,5 Liter mit heißem Wasser auf und verrührt die Melange mit einer handelsüblichen Bohrmaschine, in die ein Aufsatz gespannt ist, den man normalerweise zum Anrühren von Gipsputz verwendet.

Das Ergebnis ist undurchsichtig wie Wandfarbe, lässt sich später jedoch leicht von der Haut entfernen und bleibt auch während eines längeren Shootings angenehm handwarm. Beim Verspritzen gibt es mehrere Aspekte zu berücksichtigen: Zunächst müssen alle Körperteile, die später mit dem Milchkleid verhüllt werden sollen, wenigstens einmal angespritzt werden.

Damit die Splashes möglichst großflächig auftreffen, sind kurze Schüttbewegungen nötig, bei denen möglichst viel Flüssigkeit gleichzeitig aus der Gefäßöffnung austritt. Die Größe der Portionen lässt sich ebenfalls über die Austrittsöffnungen der Schüttgefäße steuern. Kleine Gefäße wie Messbecher ergeben einen relativ schmalen Strahl. Große Gefäßöffnungen, wie etwa die von Kochtöpfen, erzeugen auch großflächige Splashes. Um die Kamera im richtigen Moment auszulösen, hilft zum einen Erfahrung, zum anderen aber auch der Verzicht auf den Blick durch den Sucher. Bedingung dafür ist manuell eingestellte Schärfe und eine geschlossene Blende für einen möglichst tiefen Fokusbereich.

Alle Details zur Fotografie und zur Nachbearbeitung in Photoshop erfahren Sie in der neuen Docma 66 ab Seite 61. Dort erfahren Sie auch, wo Sie das kostenlose Making-of-Video der Aktion finden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
jhea 31.08.2015
1. Ist jetzt nicht so neu...
Wenn das vor 2 Jahren schon bei Galileo / N24 oder sonstwo breitgetreten wurde, dann ist das Thema schon wieder aus der Mode... aber schön dass SPON dann doch irgendwann dahinter kommt ;D
dertieftaucher 31.08.2015
2. Da wäre ich natürlich nie drauf gekommen...
...dass das "Milchkleid" eine Montage aus vielen Einzelaufnahmen ist. Danke auch noch mal an die aufmerksamen SPON Mitarbeiter, die auf Bild 3 die Nippel abgedeckt haben. Ich möchte mir nicht ausmalen was passiert wäre, wenn unbedarfte Jugendliche völlig ahnungslos mit nackten Tatsachen konfrontiert worden wären. Ein Trauma für den Rest ihres Lebens...
Lügenimperium 31.08.2015
3. Schon etwas älter
Das Milchkleid habe ich schon vor Wochen auf YouTube gesehen. Hätte man ja verlinken können, aber SPON schließt die Nutzer ja gerne auf der eigenen Plattform ein und verzichtet auf die Errungenschaften des Internets wie z.B. Links und fordert zum Kauf einer Zeitschrift auf. Für einen Link - lel. Und natürlich darf bei einem Artikel über Heinrichs nicht der Blitzbelichtungsmesser fehlen. Ist das hier jetzt einfach nur Werbung?
Spiegelleserin57 31.08.2015
4. merkwürdige Degeneration!
das sieht man was man mit Lebensmitteln tun kann. Schon sehr extravagant Lebensmittel für Mode zu verbrauchen die an anderer Stelle Menschen zur Nahrung sehr dringend gebrauchen könnten. Geht es uns doch zu gut?
deltachristoph 31.08.2015
5. Q-Milk
Den Aufwand hätte man sich sparen können. Schließlich gibt es wirkliche Textilien aus Milch. Q-milk heißt die Firma, die sie herstellen. Demnächst einfach besser recherchieren!
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