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Klingeltonwahnsinn: "Tötet Sweety!"

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"Sweety", mitunter auch "Tweety", das nervende Handyton-Küken, ist zugleich größter Verkaufsschlager auf dem boomenden Markt des "Ringtone"-Gequäkes und Hassobjekt Nummer eins für die Opfer der Werbelawine. Im Web formiert sich der Widerstand.

Tweety, alias Sweety: Zum Abschuss freigegeben

Tweety, alias Sweety: Zum Abschuss freigegeben

Das kleine, niedliche Vieh ist in aller Munde, und wie es aussieht, würde wohl mindestens die Hälfte nur zu gern einmal kräftig zubeißen: An "Sweety", dem besoffenen Elch, dem beknackten Frosch, den tanzwütigen Ratten und Kakerlaken und all ihren Komplizen scheiden sich gelinde gesagt die Geister. Das Land scheint sich in nur zwei große Lager zu teilen: Diejenigen, bei denen die schrille Handywerbung die "Will ich haben!"-Gier weckt und diejenigen, denen vor blanker Wut die Finger zittern.

Längst beherrscht Werbung für diverse "Ringtones" und Hintergrundbildchen fürs Handy die Werbefenster der auf Jugend abonnierten TV-Sender, vor allem abends. "Unentkommbar", sozusagen.

Kreativ-Wettbewerb: Befreit uns von der Kücken-Seuche!

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"dizco" findet noch ein paar andere Worte dafür. Im Forum von Stylecharts.de lästert er nicht nur - wie das viele Tausende Web-User in unzähligen Web-Foren derzeit tun - über die unerträgliche Werbung ab, er kanalisiert seine Wut auch kreativ: "Klingeltonwahnsinn auf allen Sendern! Nach dem besoffenen Elch, dem furzenden Frosch oder der Monster-Kakerlake nimmt das Übel weiter seinen Lauf. Das Jamba Küken, das auf den wirklich ausgefallenen Namen 'Sweety' hört, bringt uns langsam um den Verstand. Macht dem Wahnsinn ein Ende! Befreit uns von der Kücken-Seuche!"

Virtuelle Racheakte

"dizco" weiß auch wie. "Rechts findet Ihr die Grafik vom 'quiekenden Küken', lasst uns nun das kleine gelbe Tierchen quälen, foltern und rupfen. Die gemeinsten Ideen werden mit Promo-CDs, Gästelistenplätzen für diverse Veranstaltungen und einigen anderen Überraschungen belohnt."

Die Aktion lief erfolgreich an, erste Einsendungen zeigen Sweety erstochen, von Kettensägen zersägt oder von Dobermännern zerrissen, dass das Blut nur so spritzt. "Auf die Gefahr hin, nun als vollkommene Sadistin hier zu stehen", bekennt Forumsgast Vali, "es hat einen sooooo unglaublichen Spaß gemacht, dem armen Tierchen ein Schere in die Brust zu rammen."

Das geht offenbar vielen so. Seit etwas mehr als einer Woche verbreitet sich in Windeseile ein zwar krudes, aber offenbar höchst erfolgreiches Flash-Spiel im Web: "Kill Tweety!" - gemeint ist natürlich Sweety. Die Regeln sind schnell erklärt: Es gilt, innerhalb von sechzig Sekunden Sweety so gründlich wie möglich zu vermöbeln, mit Flammenwerfern zu grillen, mit Kettensägen zu zersägen etc. Zu gewinnen gibt es nichts, noch nicht einmal einen Platz in den Highscores - aber offenbar empfinden viele den Akt selbst als befreiend.

Wem das noch nicht reicht, dem bieten die Macher von "Kill Tweety!" neuerdings noch eine Alternative: Bei "Kill Krokodil" darf man Schnappi, dem kleinen Krokodil, endlich im Akkord den Kopf wegschießen - Moorhuhn lässt grüßen. Nagelneu hinzu kam am 1. Februar dagegen der "Tweety Buster": Sweety mit Elektroschockern oder Laserstrahlen vom Flugzeug aus zu grillen ist kultverdächtig.

"Stop Sweety!": Im Web wächst eine Bewegung gegen den Klingeltonwahnsinn

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Bereits seit zwei Wochen "sendet" FreeTV gesammelte Filmchen, in denen Sweety irgendwie verhackstückt wird: Sei es, dass das arme Federvieh als Ziel in den Clip eines Ballerspieles montiert ist, sei es, dass kreative Kritiker die Ringtone-Werbespots von Jamba selbst "verschönert" haben. Hauptsache, die Botschaft stimmt: "Für genießbares Fernsehen ohne Klingeltonwerbung".

Proteste an die Musiksender

Jetzt allerdings ist vorerst Schluss mit der netten Filmchensammlung, sie wurde durch ihren eigenen Erfolg erledigt: "Aufgrund der hohen Besucherzahl und Downloadrate sind wir gezwungen, neuen günstigeren Webspace zu suchen".

Update 1. Feb. 2005, 10.45 Uhr: FreeTV ist seit etwa 20 Minunten nach Veröffentlichung dieses Artikels nicht mehr erreichbar

Damit rechnet man ja nicht, wenn man ganz schnell und informell eine kleine Sweety-Hassseite ins Web stellt, doch der Trend ist klar: Sweety und Co mausern sich zusehends von Kult- zu Hassobjekten. Bei Kwick.de ist die Forumsdiskussion zum Thema "Kotzt Euch die ganze Handy-Werbung im TV auch so an?" inzwischen 497 Beiträge lang.

Reimer Stegelmann versucht es sachlicher und widmete dem Thema Anfang Dezember eine eigene kleine Petitions-Webseite. "Gegen die multimediale Mobilmachung" kann man dort seine Stimme abgeben, gegen die "Folter von Ohren und Auge". Stegelmann ist Musikfan und liebt sein MTV, sein Viva: Sie sind auch Adressaten der Petitionsliste, mit der sie bewogen werden sollen, den Kingeltonterror zu beenden. Stegelmann auf seiner Webseite: "Wir wollen keine Frösche, keine Ratten und keine Titten mehr auf unseren Mobiltelefonen."

Und auch keine Werbung dafür im Fernsehen. Bis jetzt unterschrieben fast 50.000 Menschen den Aufruf.

Viel Erfolg wird der aber wohl nicht haben, denn längst hängen die auf Jugend kaprizierten TV-Sender am Tropf der Klingeltonhändler. Während die Musikindustrie ob ihrer anhaltenden Branchenkrise laut und demonstrativ stöhnend vor sich hinleidet, freut sich die Klingeltonbranche über unverständlich erfolgreiche Zeiten.

Der Marktführer Jamba!, die Markt-Macht in Sachen nervtötender Umweltbepiepung, ist nur dann schüchtern, wenn er nach Geschäftszahlen gefragt wird. Immerhin gibt es Schätzungen. So soll Jamba! bereits 2003 - also noch vor dem Einsetzen des galoppierenden Klingeltonwahnsinns - satte zehn Millionen Töne verkauft haben.

Brutal: Im Internet kursierende Werbe-Persiflage unbekannter Herkunft - per E-Mail zigtausendfach verbreitet

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Im letzten Jahr waren es wohl deutlich mehr, sonst hätte sich das mittlerweile von VeriSign für unfassbare 223 Millionen Euro aufgekaufte Kakophonie-Konzernchen wohl kaum einen Werbeetat von insgesamt 66 Millionen Euro in den ersten neun Monaten des Jahres 2004 leisten können (schätzt das Marktforschungsunternehmen Nielssen). Satte 53,2 Millionen Euro davon sollen in die TV-Werbung geflossen und damit fast ausschließlich MTV, Viva und RTL II zugute gekommen sein.

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