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Ein Mann kauft im Baumarkt Chemikalien. Er sieht arabisch aus. Die Polizei ruft eine Fahndung aus, Medien sprechen von "Terrorverdacht". Am Ende ist die Erklärung sehr viel trivialer - aber der Vorgang zeigt exemplarisch, was gerade schief läuft.

Eine Kolumne von


Irgendwie scheint es kein Zufall zu sein, dass es ausgerechnet in Köln eine polizeiliche und staatsanwaltliche Warnung, nein dramatischer noch: eine Fahndung ausgerufen wurde. Nach einem Mann, der nicht nur arabisch aussieht, "spitze Nase", "dunkler Vollbart". Sondern auch in einem Baumarkt in Pulheim "Chemikalien gekauft [hat], aus denen man mit entsprechenden Kenntnissen ein explosionsfähiges Gemisch herstellen kann".

Diese karnevalshaft subtil vorgetragene Aufforderung zur Panik - Araber! Kauft Chemikalien! Vor dem Fasching! In Köln! - ließen sich manche Medien nicht entgehen und berichteten über die Suche nach dem "Terrorverdächtigen". Wegen, nochmal Zitat Staatsanwaltschaft und Polizei, "der aktuellen Sicherheitslage". Garniert übrigens mit dem pixeligsten Bild seit Zak McKracken auf dem C64.

Die Ergänzung zur Polizeimeldung macht alles noch etwas schlimmer: "Wichtiger Zusatz: Es ist nicht gesichert, dass der Kauf der üblicherweise für Reinigungsmaßnahmen bestimmten Chemikalien im Zusammenhang mit einer zweckfremden, kriminell motivierten Verwendung steht." Das entspricht ziemlich genau Huckleberry Finns Rezept, um Warzen zu entfernen, bei dem man auf keinen Fall an ein Nilpferd denken soll. Ein Dementi als Bestätigung des Verdachts. Inzwischen hat sich der Mann gemeldet, der - ein ausgezeichneter Gag des Schicksals - offenbar zugegeben hat, mit den Chemikalien Betäubungsmittel herstellen zu wollen. Bei ihm zu Hause fand man noch mehr Betäubungsmittel. Die Polizei selbst verneint inzwischen jeden Terrorverdacht.

Worauf es in diesem Fall ankommt, sind Stimmung und Öffentlichkeit und wie Behörden und Medien damit umgehen. Und damit ist nicht einmal die rassistische Färbung gemeint, dass nämlich ein x-beliebiger Araber mit Reinigungsmitteln eine öffentliche Fahndung samt Foto auslöst, während eine, sagen wir, blonde Person niemals auch nur in den Verdacht geraten würde. Die Sachlichkeit dürftig vortäuschende Amtshysterie, die sich dahinter verbirgt, überträgt sich allzu leicht auf die Bevölkerung, die derzeit in Sachen "arabisch aussehende Männer" ohnehin nicht gerade einen Anfall von übergroßem Differenzierungsvermögen erlitten hat.

Was aber noch zusätzlich maximal verstört, ist die Komponente der Sicherheitsesoterik, die sich darin verbirgt: Wie fahrlässig bis offensiv falsch mit dem kollektiven Gefühl für Sicherheit umgegangen wird. Der entscheidende Satz lautet: "Staatsanwaltschaft und Polizei nehmen den Hinweis insbesondere mit Blick auf die aktuelle Sicherheitslage und die Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger sehr ernst."

Plumpe, dysfunktionale Kommunikationsstrategie

Die Meldung ist nämlich auch eine Reaktion auf die verbrecherischen Übergriffe zu Silvester in Köln, durch die sich nachvollziehbarerweise das Sicherheitsgefühl reduziert hat. Die Veröffentlichung ist damit in erster Linie ein PR-Signal, eine Pressepauke. Die ehrliche Version der Pressemitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei würde so lauten:

"In einem Kölner Baumarkt hat ein arabisch aussehender Mann Putzmittel gekauft, was mutmaßlich jeden Tag hundertmal geschieht. Diese Mittel können - wie jeder zweite Dünger und das meiste Zeugs aus dem Malerregal - theoretisch für Sprengstoffe verwendet werden. Aber wir möchten der Öffentlichkeit zeigen, dass wir gegen die spätestens seit Silvester riesige gefühlte Bedrohung durch irgendwie arabisch aussehende Männer irgendetwas unternehmen, egal was. Dieses Erfolgsrezept haben wir uns von den amerikanischen Behörden abgeschaut, die einen arabisch wirkenden Schüler mit einer selbstgebastelten Digitaluhr wegen Bombenverdacht verhaftet und abgeführt haben. Deshalb kommunizieren wir selbst Kleinigkeiten mit einer Lautstärke, die jeden Verdacht der Vertuschung durch uns Behörden bekämpfen sollen. Und für diese mediale Selbstdarstellung nehmen wir gern ein wenig Panik in Kauf und dass ein eventuell harmloser Putzmittelkauf zu einer Angelegenheit nationaler Sicherheit hochspekuliert wird. Wenn irgendein anderer Mann mit schwarzem Bart auch noch drei Packungen Puderzucker kauft, werden wir diesen und die kommenden fünf Rosenmontagsumzüge vorsorglich absagen."

Natürlich bewirkt eine solche Mitteilung das exakte Gegenteil. Die auf diese Weise verpackte Botschaft, dass man sich auch um Kleinigkeiten kümmert, facht das Gefühl der Bedrohung an. Ich möchte bis zum Beweis des Gegenteils den Behörden hier keine Absicht unterstellen, sondern von einer plumpen, dysfunktionalen Kommunikationsstrategie ausgehen. So schwer es fällt. Aber natürlich ist Sicherheit nicht nur ein rechtsstaatlich zu erhaltender Wert - sondern auch ein Gefühl, und zwar ein recht irrationales. Daher ist die Absicht nicht falsch, mit Kommunikation die Öffentlichkeit beruhigen zu wollen. Erst recht, weil ein fehlendes Sicherheitsgefühl gefährliche bis absurde Begleitentwicklungen mit sich bringt wie etwa die Gründung von Bürgerwehren.

Allerdings ist Sicherheit eben nicht nur ein Gefühl. Und was das tatsächliche Geschehen in den Apparaten angeht, die für Sicherheit zuständig sind, ist eine höchst kontraproduktive Lage entstanden. Die allermeisten Anschläge auf europäischem Boden werden von Leuten begangen, die längst behördenbekannt sind. Wenn man Terrorverdächtige finden wollte, würde man in Polizeiakten eher fündig als bei Baumarktüberwachungskameras. Aber genau dahinter steht ein massives Problem: eine große Sicherheitslüge.

Der politische Ruf nach immer neuen Überwachungsmethoden

Denn nichts hat sich als so effektiv und sinnvoll gegen Verbrechen aller Art von Terrorismus bis Taschendiebstahl herausgestellt wie stinknormale Ermittlungsarbeit. Die aber hat den Makel, dass sie höchst personalaufwändig ist und damit teuer. Und sie funktioniert dazu noch nur dann, wenn sie nicht in eine chronisch überlastete und dadurch schwache Justiz mündet. Aber auch das ist teuer.

Der politische Ruf nach immer neuen Überwachungsmethoden ist auch darin begründet, dass wir in einer Zeit leben, in der Automatisierung als unbedingter, absoluter Vorteil gilt, vor allem zu Sparzwecken. Aber Sicherheit lässt sich nicht komplett durchautomatisieren, hundert Überwachungskameras ersetzen keine Polizeistreife. Kameras fordern allerdings weniger Lohn. Software kann selbstredend Ermittlungsarbeit unterstützen, aber es ist im Bereich der Sicherheit ein gefährliches Narrativ entstanden, auf dem auch die NSA surft: Sicherheit sei bloß eine Frage der richtigen Technologie. Das genau ist die Sicherheitslüge, die jetzt an vielen Stellen hervorquillt: man könne per Rundum-Überwachung Sicherheit so automatisieren wie das Zusammenschweißen von Autos. Mit dem gleichen Sparziel.

In den letzten fünfzehn Jahren sind in den Polizeiapparaten der meisten Bundesländer massenhaft Stellen abgebaut worden. Die Mittel für die Justiz unterliegen ebenso einem absurden Spardiktat, das virtuelle schwarze Nullen für wichtiger hält als eine solide, vor allem personelle Ausstattung der verantwortlichen Behörden. Das ist dann auch mit ein Grund, warum zum Beispiel allein in Berlin - kurz festhalten -im Jahr 2014 rund 9.000 Haftbefehle nicht vollstreckt werden konnten. Darunter bis zu 1.600 Personen, die eine Haftstrafe bekamen, aber diese einfach nicht antraten. Und es fehlt das Personal, diesen namentlich bekannten Verurteilten hinterherzuspüren und sie zum Haftantritt zu überreden.

Das erscheint als Symbol eines politisch in Kauf genommenen Sicherheitsapparateversagens in einer Größenordnung, um die man sich bedeutend mehr Sorgen machen sollte als über arabisch aussehende Putzmittelkäufer. Aber eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, dass man nicht in der Lage ist, eine vierstellige Zahl verurteilter Straftätern ins Gefängnis zu stecken, passt eben kaum in behördliche Pressestrategien. Nicht mal in schlechte.

tl;dr

Arabisch aussehende Personen werden gebeten, vor gesellschaftlichen Großereignissen auf den Kauf von Putzmitteln zu verzichten. Weil, Sicherheit!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 423 Beiträge
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Seite 1
espejo_de_la_red 27.01.2016
1. Klar
Und wenn es anders gelaufen ware, lieber Autor? Wenn der besagte Einkäufer eben nunmal doch lieber eine Bombe gebastelt hätte? Dann ware der Aufschrei wieder groß gewesen. Ich sehe die Schlagzeile bereits vor mir: "Untätige Polizei geht Chemikalien-Einkauf nicht nach - Bombe explodiert in Innenstadt!"
andi5lebt 27.01.2016
2. Der Fall zeigt, daß Dinge funktionieren.
Niemand ist zu Schaden gekommen aber eine potentiell gefährliche Situation wurde erkannt und mit happy end aufgelöst. Alles gut für mich.
brotfresser 27.01.2016
3. Bin gespannt,
wann am ersten Baumarkt ein Schild "Nur für Deutsche" steht. Offensicht greift in Deutschland eine (unbegründete) Panik um sich und bei vielen setzt dre gesunde Menschenverstand aus. Liebe Deutsche: habt nicht immer dies "German Angst". Habt mehr Zuvertrauen in die Zukunft. Eure Kanzlerin hat mehr E..r in der Hose als all die anderen Politiker und viele der Foristen hier bei SPON. Und das wichtigste: geht nicht den braunen Rattenfängern der AfD, Pegida und Co auf den Leim. Denn die bieten überhaupt keine Lösung.
mcmercy 27.01.2016
4.
Herr Lobo verharmlost hier ohne wirkliche Fakten zu nennen. Der Mann wird sicherlich nicht nur 1 in Worten eine Packung "Putzmittel" gekauft haben sondern wohl mehr als die handelsübliche Menge und wie sich ja dann auch bewahrheitet hat wohl eben genau nicht zum Putzen. Ich empfehle Herrn Lobo dann doch noch mal seinen Biedermann zu lesen, diesmal nicht im übertragenen Sinne.
Max Cady 27.01.2016
5. kann man so oder so sehen
im nachhinein lässt sich das alles natürlich als Panikmache abstempeln. Ich glaube nicht, dass irgendjemand in Panik verfallen ist. Es wurde stattdessen gezeigt, dass erhöhte Wachsamkeit besteht. Und jetzt mal ehrlich .. so koscher war der Einkauf ja dann auch nicht. Zwar kein Terror aber illegale Betäubungsmittelproduktion ist ja auch nicht so ohne. Ich denke, etwas zuviel Aufmerksamkeit ist besser als zu wenig.
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