Kölner WM-Gag: "Vermeiden Sie das Nachsingen!"

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Das irrwitzige Schreiben, das gestern in Köln verteilt wurde, hätte echt sein können: die Aufforderung von Fifa und Stadt an die Kölner, während der WM doch bitte alle Sponsoren-fernen Waren, Marken und Melodien zu meiden. Der Stadt Köln war das ein förmliches Dementi wert.

Wie oft die zwei Zettel in Kölner Briefkästen landeten, ist nicht bekannt, wohl aber, dass sich die Kunde über diesen WM-Gag wie ein Lauffeuer über das Internet verbreitete: Unbekannte hatten am Mittwoch ein herrlich amtlich-schwachsinniges Schreiben in den Vierteln rund ums WM-Stadion verteilt. So doof, dass man es hätte für echt halten können.

Überzeugend: Das falsche Schreiben klingt wie amtliche Realsatire

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Zumal es nicht nur vom städtischen Sportamt, sondern zudem vom "Organisationskomitee Fifa WM 2006 der Stadt Köln" zu kommen schien. Und einer Kreuzung von Amtsschimmel und Fifa traut der weise Bürger so ziemlich alles zu.

Und das stand im Schreiben: In ausgesucht höflich-amtlich-aufgeräumten Ton bittet das "Organisationskomitee" die lieben Bürger um Mithilfe. Es gehe darum, der Welt und den Sponsoren ein Fifa-gerechtes Köln zu präsentieren. Nötig sei es darum, "in der Zeit der Weltmeisterschaft" davon abzusehen, "Markenzeichen von Nicht-Sponsoren öffentlich, vor allem aber innerhalb der kontrollierten Zone (Bannmeile), zu tragen".

Das klingt nun allerdings angemessen wahnsinnig, zumal wenn man es bis in die letzte Konsequenz bedenkt. Das nahm den Kölnern zum Glück die "Checkliste Fifa zur WM 2006 - Hinweise für die kontrollierte Zone im Bereich Müngersdorf (Bannmeile)" ab.

Die handliche Liste formuliert einprägsame Regeln: Klar, dass man weder Sponsorenferne Kleidung tragen noch fremde Handtücher, Fahnen oder "sonstige großflächige Werbeträger mit Markenzeichen von Nicht-Sponsoren" an seiner Hausfassade aufhängen sollte. Auch vom Abspielen oder Pfeifen Sponsoren-fremder Melodien ist natürlich abzusehen. In der Kneipe besteht der brave Kölner während der WM auf "werbefreien Bierfilz", wenn er schon keinen mit dem offiziellen "Fifa WM 2006 Logo" haben kann. Und natürlich sollte man auch auf Senioren und Kinder ein Auge haben - oder ist hier gemeint, dass sich die lieben Kleinen und Alten freiwillig bereit erklären, als eifrige Denunzianten "bei der Einhaltung der Regelungen für eine erfolgreiche Fifa WM 2006" behilflich zu sein?

Die "Fifa Checkliste": So etwas würde den gemeinen Bürger auch nicht überraschen

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"Ganz ehrlich", schrieb uns da Leser Kim M., der als einer der ersten für die Weiterverteilung des netten, aber falschen Amtsschreibens an die überregionale Presse sorgte, "so weit hergeholt ist das alles gar nicht, nach dem Auftreten der Fifa in der letzten Zeit."

Wir wissen nicht, was der Gute damit meint, ist die Fifa WM 2006 doch eine durch und durch ernste Sache. Insbesondere die Bannmeilen um die Stadien verwandelten sich bereits vor Wochen in gänzlich humorfreie Zonen. Aberwitzig aber humorfrei war auch das Ticket-Vergabeverfahren, und dass man über nichts lachen sollte, was die WM betrifft, stellten OK-Chef Franz Beckenbauer und Co ja schon unter Beweis, als sie zum Nutznießer der berühmten "Titanic"-Aktion wurden.

Damals holte bekanntlich die Redaktion der Satirezeitschrift per humorigen Bestechungsschreiben an die Fifa-Obermuftis die WM nach Deutschland, was aber weder die Fifa noch der DFB noch Deutschlands oberster Fußball-Repräsentant Beckenbauer lustig fanden. Der beharrt bis heute darauf, er hätte die Hilfe der "Titanic" gar nicht gebraucht. Klären wird man das nicht mehr können, aber was soll's? Schwamm drüber!

Geheimnisvoller Hack: Wer klonte die Kölner WM-Seite und bot den Blödel-Brief  zum Download an (Pfeil)?

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Das aber wollte und konnte die Stadt Köln nicht sagen - zumal sich das unverschämt falsche Amtsschreiben nicht nur in Kölner Briefkästen, sondern auch zum Download auf einer Webseite findet, die der offiziellen Kölner Fifa-WM-Seite verblüffend ähnelt. Obwohl man in der Domstadt nun zumindest saisonal das Humormonopol für sich verbucht, wollte es sich die Stadt heute nicht nehmen lassen, ein ganz offizielles Dementi abzugeben: Die in dem angeblichen Amtsschreiben verbreiteten Verhaltenshinweise seien "an den Haaren herbeigezogen" und entbehrten jeder Grundlage.

Besonders sauer ist augenscheinlich Sportamtsleiter Dieter Sanden: "Die Urheber des Schreibens und die Betreiber der Internetseite wollen die Bevölkerung verunsichern und die Fußball-Weltmeisterschaft in ein negatives Licht stellen." Wörtlich heißt es in dem Dementi: "Unser Rechtsamt prüft strafrechtliche Konsequenzen für den oder die Urheber des gefälschten Schreibens und der gefälschten Internetseite."

Das könnte allerdings schwierig werden, denn die unbekannten Täter sind offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen. Dass ihre Aktion ganz perfide von langer Hand geplant war, dokumentiert nicht nur die Tatsache, dass die Adresse der falschen Kölner WM-Seite bereits am 11. Mai 2006 registriert wurde, sondern auch noch unter wohl falschem Namen über einen Registrar in San Francisco. Und das lässt sich, wie man in Köln weiß, "mit Köln nisch so rischtisch vergleischen" - vor allem, was die Auskunftsfreude von Serviceprovidern angeht.

Trotzdem, auch wenn die Ernsthaftigkeit des Dementis fast so lustig ist wie der WM-Gag: Jetzt könnte es eng werden für die unbekannten Zettelproduzenten. Auch wenn das Wetter dazu passt, kann man doch nicht einfach ungestraft und zur Unzeit eine deutsche Millionenstadt samt Fifa in den April schicken! Schließlich haben sie sich in ihrer mysteriösen Hack-Attacke nicht nur des Plagiats einer städtischen Webseite schuldig gemacht, sondern auch der Fälschung eines städtischen Briefkopfes. In manchen Gegenden der USA steht auf so etwas lebenslänglich. In San Francisco aber wohl nicht.

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