Kollateralschäden Liebe, Wut und Hafen hacken

Am 20. September 2001 brachen in den Lotsen-Netzwerken des Hafens von Houston die Rechner unter einer Hack-Attacke zusammen. Der Täter steht nun vor Gericht, die Motive des "Cyberterroristen" werden öffentlich: Er nahm Rache dafür, dass jemand seine Freundin beleidigte.


Containerschiff: Dicke Pötte brauchen Lotsen. Außer den Leitsystemen unterbrach die Hackattacke auch den Warenumschlag
DPA

Containerschiff: Dicke Pötte brauchen Lotsen. Außer den Leitsystemen unterbrach die Hackattacke auch den Warenumschlag

Irgendwann im Alter zwischen zwölf und 16 hatten viele von uns das Pech, einen von diesen Schlägertypen kennen zu lernen. Typen mit defekter Sicherung, mit einem Temperament wie ein Dampfkessel oder -die schlimmste Variante - solche, die aus Spaß zuschlagen. Alle drei Typen aber kennen das entscheidende Motiv, um jemandem aus ihrer Sicht berechtigterweise auf die Glocke zu hauen: "Der hat blöd geguckt!"

So ungefähr war das auch am 20. September 2001, als im Hafen von Houston - nach eigenen Angaben der sechstgrößte der Welt - die Rechner ausfielen. Ihnen hatte ein englischer Hacker kräftig vor die CPU gedengelt, bis so gut wie nichts mehr ging: Die Lotsen, die von den Schiffen, die sie leiten sollten, abgeschnitten waren, gerieten in Panik.

Zum Glück, wohl am Ende auch für den Täter, kam nichts und niemand zu Schaden.

Denn den Täter machten die Fahnder, nach den Terroranschlägen vom 11. September motiviert bis in die Haarspitzen, schnell ausfindig. Aaron Caffrey war am 20. September 2001 noch 17 Jahre alt und lebte in der englischen Grafschaft Dorset.

Caffrey leidet an Aspergers Syndrom, einer dem Autismus verwandten Verfassung, die für den Patienten unter anderem mit Schwierigkeiten im Erfassen und Handhaben sozialer Beziehungen verbunden ist. Viele Asperger-Patienten sind zugleich hoch intelligent.

Bei Aaron Caffrey reichte die Pfiffigkeit für einen virtuellen Schwinger, der kräftig genug ausfiel, das Rechnernetzwerk des Hafens von Houston hintenüber fallen zu lassen.

Dabei hatte der Hafen - im übertragenen Sinn - gar nicht "dumm geguckt", sondern "Bokkie".

Die Hintergründe einer "Cyberterror"-Attacke

Auf die war Aaron in einem Chatroom gestoßen, und die Gute machte den Mund erstens weit, zweitens in anti-amerikanischer Weise auf, wie Aaron fand. Da aber war er gerade im September 2001 sehr empfindlich, weil seine damalige Flamme Jessica eben aus den Vereinigten Staaten kam. Bokkies Geläster empfand der Asperger-Patient Caffrey als direkten Angriff auf seine Jessica. Daraufhin schlug er zu, mit einer im Grunde primitiven Denial-of-Service-Attacke, mit der er Bokkie wohl das Schandmaul stopfen wollte.

Deren Internet-Account aber war über den Hafen von Houston geroutet, der auf diese Weise zu einer Art Kollateralschaden im "Cyberwar" zwischen Aaron und Bokkie wurde. Um in der Analogie zu bleiben: Bokkie hatte "blöd geguckt", und der Hafen von Houston lief dem Aaron in die Faust, als der Bokkie gerade bestrafen wollte. So ein Pech aber auch.

Das FBI sah das anders. Für die amerikanischen Behörden stellte sich Caffreys Attacke als erster ernstzunehmender und erfolgreicher Angriff auf eine so genannte "kritische Infrastruktur" dar. In Washington schrillte der Alarm, Angriffe auf staatliche Server hat man dort mittlerweile per Gesetz zum terrorischen Akt erklärt. Kurz, nachdem Caffrey im Februar 2002 von britischen Fahndern verhaftet wurde, ersuchte das FBI um eine Auslieferung.

Großbritannien lieferte Caffrey nicht aus und macht ihm am Southwark Crown Court nun selbst den Prozess. Zum Exempel wird der wohl kaum werden - und wenn, dann allenfalls für die nach wie vor verrückten Gegebenheiten des Internet, in dem streitende, cholerische Teenager versehentlich zu "Cyberterroristen" werden.

Frank Patalong



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