Koller-Kommunikation Elton John will das Internet abschalten

Fünf Jahre ohne Netz würden der Musik gut tun, glaubt Elton John - denn das Web drücke die Qualität. Der Wut-Ausbruch des 60-Jährigen zeigt, wie sehr das Netz die Struktur der Musikbranche verändert: Elton-John-typische Megahits werden riskanter, Nischenmärkte attraktiver.


Ohne Internet wäre die Musik heute besser, glaubt Elton John. Seine Theorie erläuterte der Musiker dem britischen Boulevardblatt " Sun": "Das Internet hält die Leute davon ab, rauszugehen, zusammen zu sein und etwas zu erschaffen."

Elton John: Hier singt er zum Gedenken an Lady Di
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Elton John: Hier singt er zum Gedenken an Lady Di

Sir Johns Lösungsvorschlag: "Ich denke, es wäre ein unglaublicher Versuch, das ganze Internet für fünf Jahre abzuschalten und zu sehen, was in der Zeit für Kunst gemacht wird." Selbst wenn man dem Musiker bei diesen Formulierungen eine gewisse Zuspitzung, Übertreibung und Selbstironie zugesteht: Als reine Satire scheint John das alles nicht zu meinen.

Der 60-Jährige beklagt ausdrücklich die Qualität neuer Alben: In den 70er-Jahren habe es jede Woche zehn neue "fantastische" Alben gegeben – heute habe man "Glück, zehn Alben solcher Qualität im Jahr zu entdecken".

Elton John vermarktet sich selbst im Netz

Ironischerweise nutzt Elton John das Internet selbst offensiv zur Vermarktung. Er betreibt seine eigene Internetseite zusammen mit dem Dienstleister MLB Advanced Media (Tochterfirma der US-Firma Major-League Baseball), verkauft dort Klingeltöne und Konzerkarten, bietet vielen Fotos und eine Community.

Im März hat John mit Apple einen Vertrag geschlossen: Alle seine Songs und Alben sind im Netz bei iTunes zu kaufen. Und natürlich hat John sein Geburtstagskonzert in New York live im Internet übertragen lassen.

Das Netz verändert die Musik

Zu stören scheint Elton John auch weniger das Netz an sich, als der Strukturwandel der Musikindustrie. Heutzutage würden Musiker "zu Hause sitzen und ihre Platten aufnehmen" - das sei "manchmal okay", aber für die langfristige Entwicklung der Kunst nicht gut. Tatsächlich hat das Netz durchaus zum schnellen, völlig überraschenden Erfolg vieler Musiker beigetragen, den Arctic Monkeys zum Beispiel.

Das Netz macht es kleinen Plattenfirmen leichter, ihre Musik zu verkaufen. Experten wie Chris Anderson, Chefredakteur des US-Fachmagazins "Wired", sind sich sicher, dass die Zukunft der Unterhaltungsindustrie vor allem in der breiten Befeuerung von Nischenmärkten liegt. In seinem Buch "The Long Tail" führt Anderson anhand vieler Beispiele von Amazon über iTunes bis zu Etsy.com aus, es gebe in Nischenmärkten das größte Wachstumspotential.

Weniger Megahits, profitable Nischen

Dank des Webs - so Anders - werde dieser Markt auch profitabel, es lohne sich, von vielen Artikel jeweils geringe Stückzahlen zu verkaufen, da die Fixkosten durch die Digitalisierung sinken. Vielfalt sei günstiger anzubieten und komme auch dem Publikumsgeschmack entgegen.

Anderson sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Generell sehe ich, dass die Bandbreite des Geschmacks viel weiter wird. Eine Größe passt nicht mehr allen." Deshalb, so Anderson, werde die Konzentration auf den Mainstream und Megaseller immer riskanter. Die nötigen Werbeausgaben würden steigen, die Wahrscheinlichkeit eines Hits sinke hingegen.

Diese Entwicklung scheint auch Elton Johns Musikverkäufe zu treffen. Die "Sun" berichtet, von Johns vorigem Musikalbum seinen gerade einmal 100.000 Exemplare gekauft worden. Elton John hat sich bei Kampagnen gegen illegale Musik-Downloads aus dem Web, zum Beispiel der "Music United for Strong Internet Copyright Coalition" engagiert.

In deren Anti-Priaterie-Werbespots hat John auch erläutert, wie er sich das Internet vorstellt: Die Möglichkeiten des Internets, "direkt mit den Fans" zu kommunizieren seien spannend. Aber: "Respekt und Bezahlung für kreative Arbeit" müssten die Grundlage sein. John: "Ich bin gegen Internet-Piraterie." Fazit: Solange das Netz die Struktur der Branche nicht verändere, die Megastars senden und die Fans empfangen, sei alles super.

Heute gibt sich Elton John in der "Sun" noch skeptischer. "Hoffentlich wird die nächste Bewegung in der Musikbranche das Internet einstürzen lassen." Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
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Hasagno 02.08.2007
1. Chance gegen Mainstream...
Dass die Qualität der produzierten Musik in den letzten Jahren massiv abgenommen hat ist sicherlich traurig, aber ich sehe das Problem eher beim Zuhörer/Konsumenten! Würden die Leute solche Songs nicht hören wollen könnten die Songs keine Hits werden! Große Schuld trifft dabei sicher das Mainstream-Verhaltensmuster: nur noch wenige loten ihre musikalischen Vorlieben aus, in der Regel wird gehört was alle anderen hören! --> Da sehe ich die große Chance des Netzes gegen den Mainstream! Es wird vielleicht in Zukunft wieder leichter und interessanter sich auf musikalische Entdeckungsreisen zu begeben! Man wird sehen wie sich die Musik in den nächsten Jahrzehnten - mit Hilfe des Mediums Internet - entwickelt, aber schlimmer kann es ja nicht werden...
furtherinstructions, 02.08.2007
2. Video killed the Radio Star
Na Ja, Elton John hätte wahrscheinlich in den 1930 Jahren vorgeschlagen das Radio für ein paar Jahre abzuschalten, damit die Künstler sich voll auf Konzeptalben auf Schellackplatten konzentrieren können. Aber glücklicherweise befindet sich der Hauptschalter für das Internet (wir wissen ja, das ist ein system aus miteinander verbundenen Röhren) nict in den Händen der bisherigen Musikindustrie.
Berliner Löwe, 02.08.2007
3. Anstrengen mein Lieber....
Das Internet hat die Musikszene demokratisiert! Früher war man als Musiker darauf angewiesen eine Plattenfirma zu finden und sich musikalisch eher zu prostituieren als mitzugestalten. Seit dem Siegeszug der Independent-Szene Mitte der 70er gibt es für Künstler mehr Freiheiten das zu tun was sie auch wirklich wollen. Das Internet hat alles nochmals beschleunigt. Ich bin immer wieder baff wie kreativ, aufwühlend und Interessant Musik sein kann. Das erfordert von mir als Konsumenten aber auch Zeit und offene Ohren bei der Suche durch das Netz. Die "offenen Ohren" wurden uns doch jahrzehntelang ausgetrieben durch Radio und TV. Die breite Masse bekam nur das zu hören, was sie hören und kaufen sollten. Ich erinnere mich noch gut wie ich in den 80ern mich beim damaligen Südwestfunk beschwerte weil der Sender sich weigerte damals die THE SMITHS oder CABARET VOLTAIRE zu spielen. Die Begründung war, dass diese Musik durch "das Netz der Qualität" fallen würde und man Südwestdeutschland nicht "verschrecken" wolle. Mich jedenfalls freut es das für Firmen wie EMI bald weitere harte Zeiten anbrechen werden. Die paar Megaseller wie Robbie Williams wackeln schon ziemlich. Da wird man sehen was dabei rauskommt, solchen B-Musikannten Millionen Euro aufs Konto zu scheffeln anstatt mit dem Geld innovativ umzugehen. Fällt Robbie Williams, fällt fast schon der ganze EMI Konzern. Wenn man das "schnelle Geld" will und diese Stars aussaugt und keine Alternativen aufbaut, braucht man sich nachher nicht zu wundern wenn die Umsätze stagnieren. Elton John ist synonym für Musiker deren musikalische Entwicklung seit dreißig Jahren stagniert. Musiker wie Elton John haben den Glauben sich nicht weiter entwickeln zu müssen und ihre Kreativität gegen gehobene Langeweile eingetauscht und meinen damit noch Millionen von Fans zum Kauf einer überteuerten CD animieren zu können. Ich würde Elton John raten anstatt das Internet "abzustellen" sich mal wieder dem alltäglichen Leben zu stellen, neues auszubrobieren oder in Rente zu gehen. Das selbst Megaseller wie Prince einen eigenen Kopf haben und Plattenfirmen vorführen, wie kürzlich durch die kostenlose Beilage seiner aktuellen CD in der Zeitung "Mail on Sunday", zeigt, das die ehemals uneingeschränkte Macht der Major-Plattenfirmen ein Ende hat und das ist gut so.
nowayjose, 02.08.2007
4. candle in the storm
Der aeltere Herr fuerchtet wohl die Konkurrenz aus der Independent-Ecke, die dank diverser Community-Sites auch einem groesseren Publikum leicht zugaenglich wird. Dass sich im gesaettigten Massenmarkt das xte Beatles-Greatest-Hits-Remix-Album oder die Buegelmusik von Elton John moeglicherweise nicht mehr so gut verkaufen lassen, daran hat das Netz aber keine Schuld.
BasSicK, 02.08.2007
5. Bläuäugig, gefrustet oder einfach die Beherrschung verloren?
Na da hat sich der Sir Elton John mal wieder selbst ins Bein geschossen. Es ist wohl richtig, dass das Internet für schrumpfende Verkaufszahlen im pysischen Markt mitverantwortlich ist. Gleichzeitig ist das Internet aber auch mit steigenden Absatzzahlen auf dem legalen, digitalen Markt ein großer Hoffnungsträger für die Musikindustrie. Es ist schon so, dass die Fixkosten durch das Internet für die Plattenfirmen fallen, folglich geringe "first-copy-costs" anfallen. Sollte es nun geschafft werden eine geeignete rechtliche Grundlage für den Vertrieb von Musik übers Internet zu erschaffen, würde die Musikindustrie doch tatsächlich zum profitablen Geschäft zurückkehren. Zudem stellt sich dir Frage welche Art von Qualität sich der Herr denn von der Abschaltung des Internets erhofft. in den 70er Jahren war der Musikmarkt noch weit davon entfernt ein solch komplexer Markt wie heute zu sein. Es ist auch ganz gewiß nicht so, dass die Musik von damals generell super war und die heutige schlecht. Hip Hop und Techno z.B. existierten zur damaligen Zeit noch nicht einmal, oder waren gerade in ihrer Entstehung begriffen udn heute machen diese Musikstile einen erheblichen Teil der täglich komsumierten Musik aus. Vielleicht ist Elton John auch nur gefrustet, dass er angesichts der großen Konkurrenz heute einfach weniger Platten verkauft als früher. Das gleiche Phänomen würde vielleicht sogar die Beatles heute treffen. Musik spiegelt den Zeitgeist und vielleicht ist Sir Elton's Musik einfach nicht mehr zeitgemäß - "candle in the wind" hin oder her. Meiner Meinung nach sollte Elton John recht dankbar für das Internet sein, denn wie schon der Artikel beschreibt, nutzt sein Unternehmen das INternet ebenso wie jeder andere auch. Ich würde vorschlagen, er schaltet sein gesamtes Internetangebot ab und wartet 1-2 Jahre ab und soll die Umsatzzahlen dieser Perioden dann mit den Jahren mit Internetvermarktung vergleichen, dann hat er ein anschauliches Beispiel dafür, welche Vorteile oder Nachteile ihm das Internet bringt.
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