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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Was die Formel 1 mit dem Vatikan zu tun hat

Eine Kolumne von

Formel-1-Pilot Lewis Hamilton (l.): Technisch richtig, gesellschaftlich falsch Zur Großansicht
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Formel-1-Pilot Lewis Hamilton (l.): Technisch richtig, gesellschaftlich falsch

BND, Vorratsdatenspeicherung, der Vatikan nennt die Ehe für alle "Niederlage für die Menschheit" - aber den Glauben an die Menschheit verliert man erst nach einer Viertelstunde Frühstücksradio. Hat gar nichts miteinander zu tun? Doch.

Ausgerechnet die Formel 1 hilft dabei, die Zusammenhänge zu verstehen. Beim Rennen in Monaco verlor Mercedes-Pilot Lewis Hamilton seinen sicheren Sieg, in den Medien war zu lesen: "wegen eines Rechenfehlers". Das mag technisch richtig sein, aber gesellschaftlich ist es falsch.

Tatsächlich verlor Hamilton, weil in der Formel 1 von Boxenstopp bis Reifenwechsel inzwischen exakt das getan wird, was eine spezielle Software in Echtzeit aus den fortlaufend anfallenden Daten berechnet. Der Fehler von Mercedes war, dass man sich ohne funktionierende Rückfallebene allein auf die Auswertung von Daten verließ.

"Um regelmäßig Rennen zu gewinnen, ist es normalerweise besser, sich auf die Daten zu verlassen als auf das Bauchgefühl", sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff, und obwohl auch dieser Satz nicht ganz falsch ist, blitzt dahinter das fatalste Missverständnis des 21. Jahrhunderts auf. Dabei geht es - anders als von Kulturpessimisten oft behauptet - nicht um die wahlweise bösen oder untauglichen Daten.

In der Tat sind Datenverarbeitungsmethoden in vielen Fällen menschlichen Methoden in Effizienz und Effektivität weit überlegen. Aber gerade diese an vielen Stellen beobachtete Überlegenheit des Computers verleitet dazu, sie zu generalisieren. Und also zu glauben, dass Daten die Lösung aller Probleme beinhalten würden. Immer. Und zwar nicht nur der gegenwärtigen, sondern auch der zukünftigen Probleme.

Ein Datenaberglaube ist entstanden

Darin steckt eine Hybris, die sich in die westlichen Gesellschaftsentwürfe eingeschlichen hat, nämlich die Überzeugung, die Welt könne komplett berechnet werden. Und also ließen sich aus Daten und immer mehr Daten Vorhersagen über die Zukunft treffen. Diese Datengläubigkeit ist letztlich der Grund für die radikale und undemokratische Totalüberwachung: Politik und Behörden wünschen sich so sehr, dass ihnen Daten den Weg weisen, dass sie dafür alle Widersprüche ignorieren. Und ausblenden, dass noch zusätzlich Daten aus den aberwitzigsten Gründen fehlerhaft, unvollständig, verunreinigt oder sonstwie untauglich sein können.

Die ursprüngliche Begründung für die Beobachtung der Welt und also die Sammlung von Daten - verlässliche Erkenntnisse über die Realität zu gewinnen - verkehrt sich damit auf fatale Weise ins Gegenteil: durch mangelnde Distanz zu den algorithmisch berechneten Ergebnissen ist ein Datenaberglaube entstanden. Dass es sich wirklich um einen Aberglauben handelt, zeigt sich immer wieder aufs Neue. Soeben wurde das Ergebnis eines Prüfberichts über das FBI bekannt: Trotz enormer gesammelter Datenmengen wurde mithilfe des Überwachungsgesetzes "Patriot Act" zwischen 2004 und 2009 nicht ein einziger größerer Terrorismusfall aufgedeckt. Null Fälle.

Grundgesetzwidrige Aktivitäten auf Basis esoterischer Annahmen

Die Art dieser vollkommen erfolglosen Datensammlung entspricht übrigens weitgehend der schlechten, alten, deutschen Vorratsdatenspeicherung. Auch hier ist die Wirksamkeit schlicht nicht nachgewiesen, und doch soll sie im Eilverfahren eingeführt werden. Und auch die eskalierende Merkel-Affäre um den BND, die Vertuschung der illegalen Kooperation zwischen deutschen, britischen und amerikanischen Diensten, besteht in ihrem Kern aus Datenaberglauben: Terrorismus sei berechenbar, es gäbe algorithmisch produzierbare Sicherheit. Die Bundeskanzlerin lügt, um grundgesetzwidrige Aktivitäten zu schützen, die letztlich auf esoterischen Annahmen beruhen.

An dieser Stelle springt der oben erwähnte Vatikan aus dem Gebüsch. Mit ein wenig sympathischer Verschmitztheit und Verzicht auf Prunk hat es der Papst geschafft, die erzreaktionäre Grundhaltung des Vatikan pressebegeisternd zu übertünchen. Aber das jetzt wieder sichtbare, absurd erscheinende Beharrungsvermögen auf überkommenen Gesellschaftsbildern - "Niederlage für die Menschheit!!!" - weist auf eine Grundfunktion des Glaubens hin. Dass die katholische Kirche von außen so beschämend veränderungsresistent erscheint, ist kein Bug, sondern das zentrale Feature: Es geht um die Produktion von Gewissheit. Wenn um jeden Preis morgen gilt, was gestern galt, schafft man sich so einen kleinen und engen, aber verlässlichen Gewissheitsraum. Und wenn es das Lebensglück von Millionen kostet, ist das kein Problem, denn es sind ja andere Leute.

Der verzweifelte Kampf gegen Ungewissheit

Gewissheit! Sicherheit! Unhaltbare Versprechen. Aber ganz offenbar ist die Furcht der Menschen vor der Ungewissheit so groß, dass selbst das vage Versprechen von ein bisschen Berechenbarkeit die einen dazu bringt, Homosexuellen mit abstrusen Begründungen gleiche Rechte abzusprechen. Und die anderen, per Totalüberwachung die Verfassung zu beschädigen. Der verzweifelte Kampf gegen Ungewissheit ist zwar so nachvollziehbar, aber zugleich so erbärmlich und so gefährlich, wenn er auf Kosten der Rechte und des Lebens Dritter geschieht.

Die eingangs erwähnte, große Frage ist noch nicht beantwortet. Warum muss man Angst haben, dass Außerirdische landen, zufällig ein Frühstücksradio einschalten und dann völlig zu Recht die Erde zerstören? Überraschung: Auch der Ekel vor dem Formatradio ist datengetrieben. Umfragen dienen dazu, softwaregesteuert diejenigen Songs immer und immer und immer wieder zu spielen, von denen man sich die höchste Einschaltquote oder vielmehr Nicht-Abschaltquote verspricht. Das ist fatal, weil diese Umfragen meist per Telefon geschehen.

Deshalb entscheiden Algorithmen über die Musik im Radio, die auf Umfragedaten einer ganz besonderen Gruppe basieren: derjenigen, die sich nicht wie zurechnungsfähige Leute beim Anruf eines Marktforschers in den Hörer erbrechen oder auflegen. Sondern die weiter zuhören und bei angespielten Liedern erklären müssen, wo sie eher nicht wegschalten würden. Ein beklopptes System auf Basis bekloppter Daten. So schmerzhaft bitter vermüllt hört sich Datenaberglaube an, und viel mehr muss man auch gar nicht über die Welt wissen, um die bohrende Ungewissheit den heilversprechenden Scheingewissheiten auf Kosten anderer vorzuziehen.

tl;dr

Im verzweifelten Kampf gegen die Ungewissheit ist ein fataler Datenaberglaube entstanden, dem auch die deutsche Politik anhängt.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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1. Gutachten
DougStamper 27.05.2015
Wenn es diese Gutachten gibt, warum zur Hölle finden diese in unserer Gesetzgebung keine Berücksichtigung? Warum wird eine elektronische Überwachung eingeführt die nichts nützt sondern lediglich die Bürger verunsichert und Unmengen an Geld verschlingt, statt einfach wieder mehr Polizisten einzustellen? Danke Herr lobo für den Kampf gegen die Ungerechtigkeit!
2. Danke!
hikikomori2014 27.05.2015
Nachdem ich gerade bestürzt die letzte Kolumne von Herrn Fleichhauer durchlitten habe, freue ich mich, dass es bei SPON jemanden gibt, der Fakten für sich sprechen lässt und daher auf pathetisches Geschwurbel verzichten kann.
3.
Wofgang 27.05.2015
Gut auf den Punkt gebracht! Mich als Bürger beruhigt es, dass immer mehr Daten gesammelt werden, es aber immer weniger Fachleute gibt, die damit auch etwas anfangen können. Da macht die Wahrscheinlichkeit, dass jemand über meine Daten stolpert doch um einiges niedriger.
4. Alle Achtung
spon-facebook-10000747070 27.05.2015
sehr guter Artikel ! Es ist die Angst ! "Angst fressen Seele auf" wie es im Film heisst. Die Regierungen schüren Ängste - und machen sich damit die Bevölkerung gefügig. Dabei ist das Ende eine jedes menschlichen Lebens so oder so das gleiche ! Also lieber die verbleibende Zeit in Freiheit verbringen !!!
5. Bravissimo
Frau Silberzunge 27.05.2015
"So schmerzhaft bitter vermüllt hört sich Datenaberglaube an, und viel mehr muss man auch gar nicht über die Welt wissen, um die bohrende Ungewissheit den heilversprechenden Scheingewissheiten auf Kosten anderer vorzuziehen." Sascha ist klug.
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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