S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Die vernetzte Krise

Eine Kolumne von

Die Krisen der Gegenwart sind komplizierter als die der Vergangenheit. Das liegt daran, dass sie auf Vernetzung basieren: Alles hängt mit allem zusammen, simple Lösungen gibt es nicht mehr. Die Antwort der Politik darauf müsste sein, Vertrauen zu schaffen - durch mehr Transparenz.

Wenn man aus einiger Entfernung mit halbgeschlossenen Augen auf die Worte Zypern und Cyberwar draufschaut, ähneln sie sich. Ein bisschen. Vorne jeweils ein Zischlaut, ein Frikativ, dann kommt bei beiden der vornehmste Buchstabe des Alphabets, das Ypsilon. Es folgt ein Verschlusslaut, in der Phonetik Plosiv genannt, was sich anhört wie eine Kurzsendung im Privatfernsehen. Es schließen sich wiederum bei beiden die Allerweltsbuchstaben e und r an. Soweit erst mal totaler Quatsch also. Auf einer ganz anderen Ebene allerdings gibt es eine zukunftsweisende Parallele. Denn sowohl Zypern wie auch das, was medial mit dem Begriff Cyberwar bezeichnet wird, sind Symbole für ein neues Phänomen: Vernetzungskrisen.

Seit Erfindung des Mikroprozessors 1971 stürzte sich die Welt begeistert in die Vernetzung hinein und übertrug digitalen Netzwerken alle möglichen Funktionen der Gesellschaft. Von der Finanzwirtschaft über die Verkehrs- und Energieinfrastruktur bis zur Kommunikation. Natürlich waren alle diese Schritte für sich genommen wahrscheinlich alternativlos: Fortschritt verhandelt nicht. Und die Auswirkungen aus westlicher Sicht waren nach oberflächlicher Betrachtung bisher tendenziell eher schnafte. Es entstand das, was Manuel Castells in seinem irritierend hellsichtigen Werk "Das Informationszeitalter" 1996 die Netzwerkgesellschaft nannte: Das Netzwerk ist das neue Paradigma, die Blaupause zur Organisation von ungefähr allem.

Das Problem dabei fängt an, wenn Probleme auftreten: Störungen in Netzwerkstrukturen erfordern andere Lösungsarten als herkömmliche Schwierigkeiten. Was sich anhört wie eine banale Feststellung, weil es nämlich eine banale Feststellung ist, ist offensichtlich trotzdem noch nicht in die entscheidenden Köpfe der Politik gedrungen. Oder ist jedenfalls bestürzend konsequenzenlos geblieben. Denn es geht nicht um Social-Media-Politik, es geht nicht darum, dass inzwischen 107 Prozent aller Bundestagsabgeordneten von ihren Kuchenterminen twittern. Es geht um Politik bei Vernetzungskrisen. Also politische Krisen, bei denen nach guter Art des Netzes alles mit allem drahtdirekt verbunden ist. Und zwar in elektronischer Wechselwirkung in Echtzeit. Vernetzungskrisen erfordern andere, teilweise neue politische Vorgehensweisen - erst recht in einer Demokratie.

Politik als Blindflug in der Blackbox

Die Komplexität von Netzwerken macht es schwierig bis unmöglich, präzise Vorhersagen zu treffen. Das gilt noch viel stärker im Krisenfall. Eine Politik in Zeiten der Vernetzung muss zuallererst zugeben, kein Patentrezept zu haben, das immer funktionieren wird. Natürlich hätten selbst die aufgeklärten Teile der Öffentlichkeit gern, dass es einfache, konsequente und gradlinige Lösungswege gibt. Jeder mag das Gefühl zu verstehen. Aber dieses Gefühl trügt in Zeiten der Vernetzungskrise zu oft.

Und deshalb trügt die Standardbehauptung der Politik des 20. Jahrhunderts doppelt, den richtigen Weg schon vorher zu kennen. Stattdessen braucht es ein flexibleres, situatives Vorgehen samt einer politischen Fehlerkultur, so undenkbar das für die kontrollfixierte deutsche Öffentlichkeit auch erscheint. Paradoxerweise würde das zu einer eher konservativ anmutenden politischen Maxime führen: handeln nach Werten und nicht nach politischen Rezepten, denn in Netzwerkstrukturen können funktionierende Rezepte von vorhin jetzt schon falsch sein.

Hätte etwa die Bundesregierung in der Kommunikation zur Euro-Krise nach Werten gehandelt, statt sich ständig neue Namen für neue Rezepte auszudenken, dann würde Angela Merkel mit dem Parlament im Arm nicht im Squaredance über die zuvor selbst gezogenen roten Linien hin und her tänzeln.

Politik mit Transparenz als Defaulteinstellung

In einer Netzwerkgesellschaft muss Transparenz für die Öffentlichkeit der Normalzustand sein und Geheimhaltung die Ausnahme. Bisher ist es umgekehrt. Dabei ist Transparenz kein Selbstzweck - vielmehr geht es um Nachvollziehbarkeit für die Öffentlichkeit. Denn obwohl das Netzwerk ein Komplexitätsmonster ist, müssen Bürger wenigstens die Chance bekommen zu verstehen, was passiert, um überhaupt sinnvoll wählen zu können. Und erst mit der weitgehenden Transparenz des Apparats ist es möglich, die Stärken der Netzwerkgesellschaft in die Politik einzubringen.

Ungefähr so, wie der Schwarm seine Korrekturfähigkeiten nur ausüben konnte, weil Doktorarbeiten öffentlich zugänglich sind. Im Bereich Transparenz existieren bereits Ansätze der Politik, die deshalb nicht nur zu kritisieren, sondern auch ein bisschen zu loben ist. Aber nur in homöopathischen Dosen, denn leider sind solche Ansätze wie das neue Datenportal govdata.de weitgehend sinnlos, wenn sie die längst bekannten Regeln des Netzes für Offenheit und Transparenz missachten.

Rückgewinnung eines politischen Vertrauens

Am Beispiel Cyberwar aber wird am deutlichsten, dass durch die Netzwerkgesellschaft eine politische Vertrauenskrise schon dann entsteht, wenn bloß alles gleichbleibt. Deutschland hat sich auf verstörende Weise an eine vertrauenslose Politik gewöhnt. Merkel gibt gestern Spareinlagen eine bedingungslose Garantie und möchte heute Kontoguthaben zu Rettungsmaßnahmen heranziehen. Die Opposition ist gegen das Leistungsschutzrecht, aber trägt zum Inkrafttreten bei. Seehofer spricht der "Tagesschau" (20 Uhr) das Gegenteil der Haltung in die Kamera, die er bei "ZDF heute" (19 Uhr) propagiert hat und könnte bis zu den "Tagesthemen" (22.15 Uhr) mühelos drei weitere politische Kippmanöver unterbringen.

Vermutlich begehrt die Öffentlichkeit nicht gegen diese vertrauenslose Politik auf, weil sie ein seltsames Urvertrauen in das System hat: Das Land würde wohl auch ganz ohne die nervige Politik noch jahrelang weiterfunktionieren. Das ist nicht einmal völlig aus der Luft gegriffen, denn Netzwerke tendieren zur Selbstorganisation, warum nicht auch eine Netzwerkgesellschaft? Weil: Cyberwar.

Zu den Grundmerkmalen digitaler Angriffe gehört, dass die Wirkung oft nachvollziehbar ist, die Methoden nur noch für wenige Fachleute - die Aggressoren aber sind mit hundertprozentiger Sicherheit gar nicht mehr auszumachen: eine direkte Folge der Hyperkomplexität des Netzwerks. Das macht die Frage, ob jetzt China, Iran oder LulzSec Reloaded ein Atomkraftwerk angegriffen haben, zu einer reinen politischen Vertrauensfrage. Digitale Kriegsakte lassen sich kaum mehr unabhängig prüfen, weder von der Presse noch vom Bürger selbst. Es bleibt nur noch Vertrauen in die Organe des Staates. In solche Organe also wie das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Das maximal verwirrende, verachtenswerte, vertrauenvernichtende Verfassungsschutzdebakel ist eine Vorausschau auf die zukünftigen Dramen, die sich aus Vernetzungskrisen ergeben können. Wenn Merkel morgen erklärt, man müsse sich mit der Bundeswehr gegen einen digitalen Aggressor verteidigen, die Präzisionsexperten des BND hätten festgestellt, wer es sei. Spätestens dann zeigt sich, dass eine Netzwerkgesellschaft ganz neue Dimensionen des Vertrauens erfordert. Oder besser: erfordert hätte. Gruß aus Zypern.

tl;dr

Jetzt ist die Netzwerkgesellschaft da, aber die Politik benutzt insbesondere bei Vernetzungskrisen noch immer das gestrige Instrumentarium.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Vielleicht sollte man...
curiosus_ 26.03.2013
Zitat von sysopDie Krisen der Gegenwart sind komplizierter als die der Vergangenheit. Das liegt daran, dass sie auf Vernetzung basieren: Alles hängt mit allem zusammen, simple Lösungen gibt es nicht mehr. Die Antwort der Politik darauf müsste sein, Vertrauen zu schaffen - durch mehr Transparenz. .... Die Komplexität von Netzwerken macht es schwierig bis unmöglich, präzise Vorhersagen zu treffen. Das gilt noch viel stärker im Krisenfall. Eine Politik in Zeiten der Vernetzung muss zuallererst zugeben, kein Patentrezept zu haben, das immer funktionieren wird. Natürlich hätten selbst die aufgeklärten Teile der Öffentlichkeit gern, dass es einfache, konsequente und gradlinige Lösungswege gäbe. Jeder mag das Gefühl zu verstehen. Aber dieses Gefühl trügt in Zeiten der Vernetzungskrise zu oft. Kolumne von Sascha Lobo: Die vernetzte Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/kolumne-von-sascha-lobo-a-890949.html)
... mal dran gehen und entflechten?
2. Nur der erste Schritt
Dr_EBIL 26.03.2013
Gute Kolumne. In USA gibt es gerade eine Bürgerpetition, dass Politiker doch bitte die Logos ihrer Spender tragen so wie Profisportler. Wahrscheinlich nicht ganz erst gemeint, denn so mancher Politiker wäre dann von oben bis unten zugepflastert mit den Logos seiner Spender. Aber der Ansatz ist nicht verkehrt, so wie man ebenso eher im Scherz schon forderte Doping in der Tour de France zu legalisieren, aber bitte mit Logo des Pharmazeuten dazu, damit man sieht, ob es funktioniert. (Volker Pispers) Im Internet allerdings kann man solche Politik wirklich umsetzen. Tatsächlich brauchen wir wirklich diese Transparenz. Wenn wir wissen wer unsere Politiker bezahlt, wissen wir besser warum sie eine bestimmte Meinung vertreten oder eben, wenn sie flippfloppen, weil sie keine Ahnung haben. Transparenz kann aber nur der erste Schritt sein, also die Bestandsaufnahme. Viele Mächtige, egal ob Wirtschaft oder Politik, lehnen Transparenz leider ab, denn dadurch entsteht ihnen eher starker Wettbewerb als ein Nutzen. Die Kunst ist es Politiker vom Nutzen der Transparenz zu überzeugen. Damit meint natürlich niemand den Spam über Twitter, den bei Vielen sowieso ein Ghostwriter verzapft.
3. Unsere Politiker sind überfordert
argumentumabsurdum 26.03.2013
Was Herr Lobo bei unsere Politikern als mangelnde Transparenz ausgemacht hat, sehe ich als Indiz für schlichte Überforderung. Ein Herr Seehofer z.B. soll als Spitzenvolksvertreter von jedem relevanten Thema umfassende Ahnung haben. Ist aber nicht zu leisten, von niemandem. Also bläst der Halbinformierte seine, der ständig veränderten Faktenlage, angepasste Meinung in ständig veränderter Form in die Welt. Wenn dann noch der anstehende Wahlkampf und die damit verbundene Polemik ins Spielkommt - oh Elend! Wo ich Hr. Lobo recht geben muss: Unsere Probleme entstehen durch Vernetzung. Allerdings weniger auf der Cyberebene, die ist letztlich nur ein Werkzeug. Die Märkte - was für ein putziges Wort, das Assoziationen mit frischem Gemüse, freundlichen Bauern und dem geschenkten Apfel für's Kind weckt. Aber das, was wir heute unter "die Märkte" verstehen, ist gewissermaßen die globale Vernetzung in Reinkultur. Die Märkte sind losgelöst von räumlichen und zeitlichen Begrenzungen, schließt hier die Börse, hat sie anderswo längst geöffnet. Sogenannte "Finanzmetropolen" wie London oder Tokyo sind lediglich Basen, von denen aus operiert wird, Fixpunkte für unseren Verstand um dem nicht mehr zu erfassenden eine Struktur geben zu können. Aber "die Märkte" existieren losgelöst von unseren politischen Instanzen und entziehen sich somit der Kontrolle. Allenfalls in Systemen wie China, wo ein von der Regierung gelenkter Staatskapitalismus herrscht und die Banken unter strikter staatlicher Kontrolle stehen, mag es sich (noch) anders verhalten. Aber wer wünscht sich schon Verhältnisse wie in China?
4. feulleton
autocrator 26.03.2013
das netzwerk gab es schon immer: alles war und ist irgendwie mit allem verbunden. Baue ich einen bahnhof (z.B. in Stuttgart), dann muss irgendein juchtekäfer dran glauben, bereichern sich politikerangehörige an den dazugehörenden immobiliengeschäften, steigt die rentnersterblichkeit wegen feinstaub, und müssen irgendwelche kinder in Bangladesh unter noch mieseren arbeitsbedingungen die T-shirts zusammennähen, die über diesen bahnhof dann hier billiger transportiert werden können ; und die züge fahren hinterher trotzdem nicht pünktlicher, weil die entsprechenden statistiken von vorneherein gefälscht sind ... pars pro toto, das nur als übertragbares beispiel: die netzwerkartigen zusammenhänge gab es schon immer, wird es immer geben, und der computer erhöht letztlich nur die frequenz. neu ist: die Informationen sind allgegenwärtig verfügbar. Nicht transparenz ist das problem: die ist da. Dank google, Wikipedia und informationsfreiheitsgesetz kann ich mich über jeden noch so abstrusen seitenaspekt einer sache informieren, wer wann wo was warum in welchem zusammenhang gesagt, getan, gelassen hat ... und wenn ich partout nichts finde, kann ich über X kanäle meinen eigenen senf dazugeben: Wie Hesse schon so schön schrieb (im 'Glasperlenspiel'): wir leben im feulletonistischen zeitalter. Jeder gibt seinen senf zu allem ab, für alles gibt es einen beweis, einen gegenbeweis, ein beispiel, ein gegenbeispiel, eine meinung, eine gegenmeinung ... Sogar der vermeintliche ausweg der herangehensweise nach werten ist ein holzweg – je nach weltanschauung und werteskala, zeitgeist und persönlicher befindlichkeit kann man etwas so sehen, oder auch ganz anders ... wir haben keine netzkrise. Im gegenteil. noch nie was das netz so gut wie heute. Wie haben eine informationsflutkrise. Doch statt zu selektieren wird simplifiziert. Dünnbrettbohrerei, wohin das auge blickt ; nicht umsonst wurde eine Zusammensteich-App eines 17-jährigen für sündhaft teuer geld verkauft – warum sich die mühe machen und in einer schnellebigen welt mich gründlich klug machen, wenn ich auch ratzfatz die outlines eines sachverhaltes mitbekommen kann? ... und dazu kann ich dann wieder eine meinung, eine werte-haltung hjaben, diese wieder rausposaunen, ein feulleton zum feulleton abgeben ... und das spiel geht einmal mehr von vorne los. (und ja, ich bin mir der ironie bewusst, soetwas ausgerechnet in einem forum von mir zu geben ... tant pis! )
5. Cyberwar
Ishibashi 26.03.2013
die Parallele zu Zypern ist wirklich gut getroffen. Solange es billiger ist know-how durch cyber Angriffe zu erlangen als durch Forschung und Entwicklung wird Industriespionage auch blühen. Wenn dies in genügendem Umfang erfolgt, können die ökonomischen Folgen für ein Land ohne Rohstoffe durchaus vergleichbar mit einem regulären Krieg sein. Ein blauäugiges Loblied auf die Vernetzung kann da durchaus noch schmerzhaft werden
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