Manipulierte Newsfeeds Facebook, das permanente Psycho-Experiment

Die Empörung über das Psycho-Experiment mit Hunderttausenden Facebook-Nutzern ist groß. Dabei gehört das Manipulieren der Newsfeeds zum Kerngeschäft des Konzerns.

Ein Kommentar von

Soziales Netzwerk Facebook: Filterung wird immer wieder verändert
DPA

Soziales Netzwerk Facebook: Filterung wird immer wieder verändert


Hamburg - Die Aufregung ist groß über die Psycho-Studie, die Forscher mit fast 690.000 Facebook-Nutzern durchgeführt haben. Vorab informiert wurde niemand, die Zustimmung zum Experiment war aus Facebook-Sicht über AGBs gegeben. Um herauszufinden, ob Gefühlszustände sich auch über ein Online-Netzwerk ausbreiten, manipulierten die Wissenschaftler die Timeline bei der Hälfte der unfreiwilligen Studienteilnehmer. Manche sahen vor allem positive Einträge ihrer Freunde, andere überwiegend negative.

Der Effekt war klein, aber messbar: Wer weniger negative Meldungen zu sehen bekam, schrieb mehr positive Inhalte (+0,06 Prozent) und weniger negative (-0,07 Prozent).

Darf Facebook einfach so die Timeline manipulieren und somit auch ein bisschen seine Nutzer? Ist es nicht unethisch, mit emotionalen Zuständen von Menschen zu experimentieren?

Die Empörung ist durchaus berechtigt - aber sie zeugt auch vom Unwissen darüber, wie Facebook funktioniert. Insofern ist das Experiment ein Glücksfall, weil die Berichterstattung darüber das Bewusstsein der Nutzer schärft.

Der Konzern filtert nämlich permanent den Newsfeed - also die Meldungen, die man nach dem Einloggen zu sehen bekommt. Das Filtern geschehe im Interesse der Nutzer, argumentiert Facebook, damit die Zahl der Postings nicht ausufert, was bei Hunderten Freunden in der Tat schnell passieren würde. Würden jeder Like und jeder Kommentar als Eintrag in der Timeline landen, wäre sie schnell sehr lang.

Und so sortiert Facebook die Aktivitäten der Freunde in potenziell wichtig und unwichtig. Die letztgenannten Postings werden ausgeblendet. Wer beispielsweise häufig mit bestimmten Freunden interagiert, bekommt deren Meldungen öfter zu sehen. Die Statusmeldungen anderer Facebook-Freunde tauchen dafür nicht auf. Es gibt allgemeine Erklärungen dazu von Facebook. Wie genau dieses Ranking funktioniert, bleibt aber das Geheimnis des Konzerns.

Die Nutzer sollen möglichst viel Zeit bei Facebook verbringen

Und es ist logisch, dass an diesen Filtern permanent herumgeschraubt wird. Facebook ist ein kommerzielles Unternehmen und möchte, dass seine Nutzer so viel Zeit wie möglich auf der Plattform verbringen, damit der Werbeumsatz stimmt. Und je attraktiver der Newsfeed erscheint, umso lieber öffnen Nutzer die Facebook-App.

Es wäre daher kaum verwunderlich, wenn das Unternehmen immer wieder neue Filtertechniken ausprobiert, um herauszufinden, wie man Menschen noch enger an die Plattform binden kann.

Die umstrittene Psycho-Studie ist in Wahrheit ein Segen. Denn sie zeigt, dass Facebook permanent mit uns experimentiert und wie sehr wir bereits in der Filter-Bubble leben, vor der Autor Eli Parisher schon vor Jahren gewarnt hat. Die Filterung kann letztlich dazu führen, dass wir vor allem zu sehen bekommen, was uns bestätigt und somit gute Gefühle bei uns erzeugt. Für abweichende Meinungen wird der Platz knapp.

Wer die ungeschminkte Realität sucht, sollte Facebook nicht als alleinigen Informationskanal nutzen. Verzerrungen sind hier im wahrsten Sinn des Wortes programmiert.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jorgos 30.06.2014
1. Selbst Schuld
Wer bei diesem Affenzirkus mitmacht, sollte sich doch nicht über so etwas wundern. Niemand ist gezwungen, diesen Exhibitionismus mit zu betreiben. Wer es dennoch tut, hat selber Schuld.
L!nk 30.06.2014
2. gefiltert wird hier ja auch ....
.... nicht desto trotz werden Facebook-Nutzer richtig gemolken, damit die Werbeeinnahmen stimmen. Die Frage ist, ob es nicht genau so gut für Facebook laufen würde, wenn die Gehirnwäschen-Masche weggelassen würde.
EinJemand 30.06.2014
3.
Diese richtige, wichtige, und für Programmierer und Netzaffine offensichtliche Einschätzung hätte Spiegel bereits bei der ersten Berichterstattung bringen müssen... besser eine späte Erkenntnis als gar keine, aber es wäre auch schön, wenn bei Artikeln bereits direkt ein Experte das Geschehen kommentiert.
Banause_1971 30.06.2014
4. tja
ich weiß schon, warum ich mich Facebook verweigere.
seikor 30.06.2014
5. wirklich?
Zitat von sysopDPADie Empörung über das Psycho-Experiment mit Hunderttausenden Facebook-Nutzern ist groß. Dabei gehört das Manipulieren der Newsfeeds zum Kerngeschäft des Konzerns. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/kommentar-facebook-ist-ein-permanentes-psycho-experiment-a-978300.html
Also bei solchen Zahlen bricht jeder Statistiker doch in brüllendes Lachen aus! Der Effekt ist nicht nur klein, sondern praktisch nicht vorhanden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.