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Kommerzielle Filmbörse: Hollywoods Antwort auf den "Esel"

Die Filmindustrie weiß, dass ihr ein ähnliches Schicksal droht, wie den Musikfirmen: DSL und andere Breitbandverbindungen machen den Filmtausch per P2P immer attraktiver. Präventiv versucht Hollywood, daraus ein Geschäft zu machen.

Topfilm Shrek: Künftig per Kabel?
AFP

Topfilm Shrek: Künftig per Kabel?

Dass die Zukunft des Filmvertriebs digital sein würde, das wussten die Bosse der großen Firmen schon spätestens Mitte der Neunziger Jahre. Damals dachten sie allerdings noch in anderer Richtung: Der rasante Fortschritt digitaler Projektionstechniken machte es verlockend, einen Filmvertrieb an die Kinos über Kabel oder Satelliten anzudenken. Statt kostspielige Kopien ziehen zu müssen, wäre jeder Film zu seiner Premiere in beliebig vielen Kinos zeigbar, ohne der Vertriebsfirma zusätzliche Kosten zu verursachen. Phantastisch.

Reichen Exklusiv-Kunden, so die damalige Denke, könnte man zudem gegen horrende Zahlungen die Hollywood-Prämiere im eigenen Heimkino ermöglichen. Zumindest daraus wird wohl vorerst nichts.

Denn nicht ganz ein Jahrzehnt später sind Breitband-Internetverbindungen dabei, sich zum Standard zu mausern, und P2P ist auf dem besten Wege, zur populärsten Anwendung des Internet zu werden: Das schreit nach Schnäppchen und Lock-, statt nach hochpreisigen Angeboten.

Und dabei ist längst nicht ausgemacht, dass dies zum Erfolg führt: Die Tauschbörsen bedrohen die Film- und ihre Peripheriebranchen, wie sie dies auch im Musikbereich tun. Insbesondere Dienste wie "E-Donkey" - von seinen Fans neckisch "der Esel" genannt - und andere auf Film-Sharing spezialisierte Börsen stellen eine echte Bedrohung zumindest der zweiten Verwertungskette Hollywoods dar - und die läuft über das Video-, respektive DVD-Geschäft.

Die Gründung eines Industrieeigenen digitalen Filmvertriebs war also überfällig: Seit Montag "sendet" nun Movielink sein Material ins Web, eine Gründung der Filmstudios Warner Bros., Paramount Pictures, Universal, Metro Goldwyn Meyer und Sony Pictures Entertainement, deren Studios zu den größten der US-Filmindustrie gehören. Die Angebotspalette umfasst nach Angaben der Betreiber vorerst 170 Filme, darunter oscarprämierte Werke wie "A Beautiful Mind" und Klassiker wie "Frühstück bei Tiffany".

Preisfalle: Halbherzig, oder gar nicht ernst gemeint?

Das ist ein ordentlicher Testballon, der allerdings mit den gleichen Handicaps an den Start geht, wie die nach wie vor erfolglosen Musikbörsen der Musikindustrie: Die Verleihpreise der Filme sind deutlich

Sackgasse Filmverleih: Europäer müssen draußen bleiben

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höher, als in einer klassischen Videothek. Addiert man dann noch den vom User zu entrichtenden Downloadpreis hinzu, scheint der Erfolg des Modells fast von vornherein verhindert.

Je Film sollen Benutzer für neuere Titel 4,95 Dollar (rund 4,90 Euro), für ältere 1,99 Dollar zahlen. Dabei sind die Filmdateien nur für eine begrenzte Zeit nutzbar. Sobald der Kunde mit dem Abspielen eines Films auf seinem Computer begonnen hat, bleiben ihm 24 Stunden, bevor sich die Datei automatisch löscht.

Eine Datei, die noch nicht zum Abspielen geöffnet wurde, bleibt 30 Tage auf der Festplatte. Nach dieser Frist werden auch nicht abgespielte Filme gelöscht. Die Betreiber von Movielink wollen so verhindern, dass Filme als Raubkopien verbreitet werden. Gut möglich, dass sie zudem verhindern, dass die Filme überhaupt heruntergeladen werden.

Als potenzielle Kunden sieht Movielink unter anderem Reisende, die sich Filme unterwegs auf einem Notebook anschauen wollen. Gedacht wird auch an Kinder, die sich bei langen Autofahrten beschäftigen sollen. Die Filmstudios hoffen nach eigenen Aussagen, mit ihrem Webangebot an die Verkaufserfolge von Kinofilmen auf DVD anknüpfen zu können, mit denen sie im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 4,6 Milliarden Dollar machten. Umsätze dieser Größenordnung seien im Internet aber vorerst nicht absehbar, gibt auch Movielink-Chef Jim Ramo zu.

Als Kunden sind nur Amerikaner willkommen

Für Filmfans aus Deutschland sind das alles weder gute noch schlechte Nachrichten, weil es sie nicht betrifft: Surfer, die nicht aus den USA kommen, müssen bei Movielink draußen bleiben. Auch das ist typisch und trägt dazu bei, den Erfolg kommerzieller Börsen zu verhindern: Aus lizenz- und verwertungsrechtlichen Gründen bekommt die Entertainment-Industrie bisher keine weltweiten Angebote hin. Die - nach der Rechtsauffassung vieler Länder oft illegal operierenden - P2P-Börsen kennen solche Probleme nicht.

Movielink ist nicht das erste Angebot seiner Art: Es gibt in den USA bereits einen Online-Dienst für Filme mit dem Namen CinemaNow. Dieser arbeitet nach eigenen Angaben bisher noch nicht Gewinn bringend. Zwar besuchen demnach monatlich 1,5 Millionen Web-Surfer die Seite. Die meisten rufen aber nur so genannte Trailer und andere kostenlose Clips ab. Nur ein Prozent der Besucher sei bereit, für Filme zu zahlen.

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