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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Die fünf Formen des Netz-Bullshits

Eine Kolumne von

Je wichtiger die digitale Vernetzung wird, desto intensiver beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit dem Internet und moderner Technik. Dabei wird vor allem Bullshit produziert. Eine Kategorisierung.

Mitte der Achtzigerjahre schrieb der Philosophie-Professor Harry G. Frankfurt ein Textlein, das 2005 mit dem Titel "On Bullshit" zum Bestseller wurde. Bullshit definierte er als leeres Geplapper, weder wahr noch falsch.

Inzwischen zeichnen sich spezielle Formen des Bullshits im deutschsprachigen Internetdiskurs ab, die nicht unbedingt "leer" sind, sondern prall gefüllt - wenn auch mit unappetitlichen Inhalten.

Kategorie 1: Ideologie-Bullshit

Der neue EU-Digitalkommissar Günther Oettinger hat Netzneutralität als "Gleichmacherei" bezeichnet und die dafür Streitenden als "Taliban". Während "Taliban" natürlich präzise trifft, stammt "Gleichmacherei" als bedrohlicher Begriff aus der PR-Schule des Kommunistenjägers Joe McCarthy. Damit wird beabsichtigt, der Diskussion das Muster der Schwarz-Weiß-Polarisierung des Kalten Krieges überzustülpen.

Bezeichnenderweise brachte die FDP Anfang 2011 den Begriff auf. Deren begleitende Sätze lassen keinen Zweifel an der Stoßrichtung: Die Abgeordnete Claudia Bögel sprach im Netzneutralitätskontext von "sozialistischer Gleichmacherei", Jimmy Schulz sprang ihr zur Seite: "Das Sozialismus-Internet haben wir schon in China."

Die Dimension des Ideologie-Bullshits wird in den Positionen von Claudia Bögel deutlich. Nach ihrem "Gleichmacherei"-Kampfruf 2011 war sie 2012 stolz, beinahe im Alleingang den "Universaldienst" - den landesweiten Anspruch auf Breitbandinternet - verhindert zu haben. Bevor sie 2013 erklärte: "Für die Liberalen ist der Grundsatz der Netzneutralität als Strukturelement für das Internet unverzichtbar."

Dieser vollkommen widersinnige Dreiklang illustriert, wie Polit-Bullshit funktioniert: Was eben noch Sozialismus und Gleichmacherei war, ist jetzt schon für Liberale unverzichtbar. Je nach Bedarf ist jede politische Forderung auch ihr eigenes Gegenteil: ideologisch statt logisch, Begründungsbingo.

Ideologie-Bullshit dient also dazu, die eigentliche Begründung - wie immer sie zustande kam - zu verschleiern.

Kategorie 2: Kontrast-Bullshit

Wieder Günther Oettinger, die gleiche Ansprache, jetzt aber mit einem schaumig angerührten Metaphernsalat. Netzneutralität würde töten, weil sie Datenübertragungen im Landkrankenhaus bei lebenswichtigen Operationen (Herz, Lunge) erschweren würde. Etwa, wenn die Tochter ein YouTube-Video ruckelfrei schauen möchte. Böse Tochter!

Dieses Szenario ist nicht nur der PR-Fibel der Telekommunikationsfirmen entnommen. Es ist auch so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil davon richtig ist - eine vergleichsweise klassische Geschmacksrichtung von Bullshit. Hier wird ein Kontrast hergestellt, der bereits eine Wertung eingebaut hat.

Kontrast-Bullshit diskreditiert per kontrastierter Metapher gezielt eine Meinung und versucht, eine Art abschüssiges Spielfeld zu konstruieren, auf dem die eine Seite nicht mehr gewinnen kann. Dabei wird eine nicht selten absurde Analogie ausgewählt, die für sich genommen nicht mehr diskutierbar ist. Herzoperation wichtig, YouTube-Video unwichtig, das ist völlig unbestreitbar.

Kontrast-Bullshit dient in Wahrheit also der Verhinderung einer Diskussion.

Kategorie 3: Wichtigkeits-Bullshit

Innenminister Thomas de Maizière, Sommer 2014, in einer Rede zum Datenschutz: "Privatsphäre ist im digitalen Zeitalter wichtiger denn je." Darin sind gleich zwei Steigerungen der Wichtigkeit verborgen, nämlich der Komparativ "wichtiger" und die indirekte Superlativierung "denn je".

Im März 2015 kommt heraus, dass hinter verschlossenen EU-Türen Deutschland am aktivsten für die Reduktion der Privatsphäre kämpft - unter der Ägide des Innenministers, wie geleakte Dokumente belegen. Das ist natürlich sensationell bigott, aber der Wichtigkeits-Bullshit weist in eine zweite, interessante Richtung.

Denn "wichtiger denn je" heißt eigentlich nur, dass die Politik dieses Feld bearbeiten muss. Eine inhaltliche Tendenz liegt bei genauerem Hinsehen nicht darin - man kann schließlich auch wichtig finden, was man bekämpft.

Wichtigkeits-Bullshit zeigt schlicht an, dass der als "wichtig" bezeichnete Gegenstand in Gefahr ist. Nicht selten gerade durch genau die Person, die ihn absondert.

Kategorie 4: Betonungs-Bullshit

Selten vergisst BND-Präsident Schindler, seine öffentlichen Reden mit sattem Pathos zu beenden. Üblicherweise klingt das so: "Wir tun dies alles nicht als Selbstzweck, sondern für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger, wir tun dies für Deutschland." Oder so: "Wir sind für Sie da, für Ihre Sicherheit - und darauf können Sie sich verlassen."

Spätestens seit dem mysteriösen Wasserhahndiebstahl in der BND-Zentrale - die eigentlich die bestbewachte Baustelle Deutschlands sein müsste, der Ort, an dem der BND zeigt, was er kann - hat die ständige Betonung der Aufgabe den Beiklang der Beschwörung bekommen. Der BND-Präsident versucht in seinen Reden sich selbst zu überzeugen.

Betonungs-Bullshit hat die Aufgabe der Autosuggestion und kann auf substanzielle Schwächen in genau diesem Gebiet hinweisen. Man kann ja zum Beispiel auch davon ausgehen, dass jemand, der ständig mit seinen Fähigkeiten im Bett prahlt, gerade diese nicht hat.

Kategorie 5: Definitions-Bullshit

In seiner bereits erwähnten Rede erklärte Innenminister de Maizière auch: "Ich werde nicht den Kampf um das Fortbestehen einer Privatsphäre aufgeben." Das Schlüsselwort ist hier das unscheinbare "einer". Es geht nicht um die Privatsphäre, sondern um "eine" Privatsphäre. Damit eröffnet de Maizière das Kampffeld des Definitions-Bullshit, er möchte Privatsphäre neu nach eigenem Gusto definieren.

Die geleakten Dokumente zeigen, wie seine Auffassung einer Neudefinition aussieht: Sie entspricht ungefähr einer Verkehrung ins Gegenteil. Definitions-Bullshit, auch "Dummdeutung" zu nennen, gehört zu den am häufigsten angewendeten Bullshit-Strategien. Denn wenn die Diskussionsteilnehmer nicht mehr von den gleichen Begriffen sprechen, können alle dasselbe sagen und unterschiedliche, sogar entgegengesetzte Dinge meinen.

Wie bei der Diskussion um die Netzneutralität kürzlich, bei der Telekom-Chef Höttges tech-nationalistisch erklärt, man solle doch bitteschön nicht die Netzneutralitäts-Definition der Amerikaner übernehmen.

Definitions-Bullshit dient also der Verkomplizierung der Debatte und der Verschleierung der Absichten. Krieg ist Frieden, Netzneutralität ist keine Netzneutralität, und die Deutungshoheit haben wir.

tl;dr
Die häufigsten Geschmacksrichtungen des Bullshits sind: Ideologie-, Kontrast-, Wichtigkeits-, Betonungs- und Definitions-Bullshit.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1.
marthaimschnee 11.03.2015
Kategorie 6: Bullshit-Bullshit Wenn zB die Bitkom mal wieder tönt, daß "schland sich beim 'Internet der Dinge' keinesfalls abhängen lassen darf, weil die Märkte sonst von anderen besetzt werden und die Politik den Wettbewerb auf dem Breitbandmarkt fördern und Regulierung vermindern .. "- BINGO - Volltreffer nach nur einem Satz!
2. Nicht nur Internet...
Untertan 2.0 11.03.2015
Wäre ja schön, wenn Politiker nur dann "Bullshit" von sich geben würden, wenn das Thema für die Neuland™ ist, leider machen sie es fast immer. Wie man aber an den Wahlergenissen sieht, sind die Bürger im Schnitt tatsächlich dumm genug, um immer wieder darauf hereinzufallen...
3. tl, dr
Dengar 11.03.2015
Es geht auch noch kürzer, Herr Lobo: Die Politik streut gezielt Nebelkerzen, damit erst gar keine zielführende Diskussion entstehen kann:-)
4. Lobo Bullshit
Scarab 11.03.2015
alternative Kategorie 6: Lobo-Bullshit. Einen einzigen Gedanken so lange aufblasen, bis eine ganze Rede zur Lage der Nation daraus wird (oder eine Spiegel Kolumne) Wenn man z.B. auf der re:publica 60 Minuten braucht, nur um zu sagen: Leute ihr müsst mehr spenden! oder wahlweise: Leute, wir müssen mal mit Frau Merkel sprechen! oder auch: " Leute, ihr seid alle Hobby-Lobbyisten".
5. Das kommt heraus
diefreiheitdermeinung 11.03.2015
wenn Leute wie Sache Lobo, die anscheinend noch nicht einmal Nachhilfeunterricht in IT oder einem relevanten technischen Fachgebiet genossen haben über das technische Fachgebiet Internet ideologiegetrieben und bullshitmässig schwadronieren. Nehmen wir doch mal das gute alte Telefon zum Vergleich: der flächendeckende Zugang zum Telefon entwickelte sich fast zum Menschenrecht - nicht aber das Recht zu einem Pauschalpreis 24 h / 7 Tage ein endloses Überseegespräch zu führen. Genaus so ist es mit den verschiedenen Preismodellen der ISP die oft die gebotene Geschwindigkeit zur Grundlage hat. Und nun kommen wir mal zur Neuzeit: warum eigentlich soll Netflix oder iTunes den grossen steuerfreien Reibach machen und wir alle dürfen den dadurch erforderlichen Netzausbau bezahlen. Selbst wenn wir nur Text e-mails versenden. Ich dachte immer den Progressiven sei das Verursacherprinzip völlig heilig. Nur beim Verursachen von Mega-Verkehr auf den Leitungen nicht ? Aber das kommt halt dabei heraus wenn die Lobos dieser Welt sich mit einer Materie beschäftigen die sie nur zu weniger als zur Hälfte verstehen. Aber Netzneutralität hört sich halt so toll gerecht an. Auch für jene die keine Ahnung haben was es ist und welche Konsequenzen es hat; nämlich die, dass wir die Endlos-Filmesauger im Netz alimentieren sollen. Jawohl: da ist schon was Gleichmacherisches dabei. Das gabs leider schon immer, dass auch jene die dafür nicht bezahlen wollen Nichts dabei finden ein Maximum an Leistung zu verlangen - notfalls auf Kosten der Allgemeinheit.
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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