Kommunikation Nazi statt Maxi

Mit einem Textprogramm gelang der US-Firma Tegic ein Coup: T9 erleichtert den Deutschen ihre SMS-Leidenschaft ­ hat aber auch das komplette NS-Vokabular parat.


Wenn Funkbotschaften sichtbar wären, sähe der Himmel über Deutschland aus wie Buchstabensuppe. Die As und Os würden uns nur so um die Ohren simsen. Die Deutschen sind im SMS-Rausch.

Schüler beim SMS-Tippen: Weltmeister der Kurzbotschaften
DDP

Schüler beim SMS-Tippen: Weltmeister der Kurzbotschaften

Gut 22 Milliarden Kurzbotschaften wurden allein hier zu Lande im vergangenen Jahr verschickt ­ Weltrekord. Begrenzt wird das Mitteilungsbedürfnis allenfalls durch die strikte Längenvorgabe von 160 Zeichen pro Nachricht. Ein arg enges Wort-Korsett für ein Volk, in dem man bis zur Pisa-Studie noch allerlei Dichter und Denker vermutet hatte.

Und schon ein schlichtes "Guten Morgen Mutti" erforderte früher feinmotorische Höchstleistungen: 4-88-8-33-66 6-666-777-4-33-66 6-88-8-8-444.

Das Krankheitsbild "Handy-Daumen" wäre unausweichlich, gäbe es da nicht die Tegic Communications. Das US-Unternehmen aus Seattle hat das Handy-Programm T9 ("Text auf 9 Tasten") entwickelt, das wie ein Wörterbuch mit automatischer Texterkennung funktioniert. Die Software wählt auf Grund der Tastenkombination jenes Wort, das am wahrscheinlichsten verlangt wird.

Dank SMS-Euphorie hat Tegic mit seiner Technik heute mehr als 90 Prozent des Mobilfunk-Marktes erobert. Ob Nokia, Ericsson oder Motorola, T9 ist auf den Speicherchips von etwa 180 Handy-Modellen und in 31 Sprachen weltweit auf der Suche nach dem passenden Begriff. Das kleine Sprachwunder kann neben europäischen Sprachen auch Chinesisch, Koreanisch, Arabisch und Hebräisch.

"Intelligent" nennt die 1995 gegründete und seit 1999 zu AOL gehörende Firma ihre Software, weil sie ­ einmal gefüttert ­ auch Lieblingswörter ihrer Nutzer wiedererkennt. Wenn T9 nur nicht so rechthaberisch wäre. Noch während man Tasten drückt, schlägt das Programm unentwegt Wörter vor ­ wie ein penetranter Gesprächspartner, der einem immer die Sätze fertig spricht.

Die Prioritäten des kleinen Besserwissers wirken mitunter bizarr. Manche deutsche Tegic-Versionen gebärden sich wie Schriftführer einer Wehrsportgruppe. Will der ahnungslose Nutzer das Wort "maxi" eingeben, bekommt er unvermittelt ein "Nazi" aufs Display serviert. Gibt er die Tastenkombination für "voll" ein, so bietet T9 als erste Wahl "Volk" an.

Wer ein wenig rumprobiert, stellt fest, dass T9 das Vokabular des Nazi-Terrors gespeichert hat. Neben der Führungsriege Adolf Hitlers erkennt T9 auch Judenfrage und Gaskammer, Euthanasie und Zwangsarbeit. Zwar werden deutsche Städte wie Unna nicht erkannt, dafür aber Konzentrationslager wie Dachau und Auschwitz.

Für Altlinke hat T9 dagegen weniger übrig: Die Arbeiterklasse ist ebenso wenig erste Wahl wie die Oktoberrevolution oder der Leninismus. Sitzt in Seattle möglicherweise ein einsamer Skinhead und verbreitet subversiv seine Ideologie? Die Tegic-Produktmanagerin Lisa Nathan weist solche Vorstellungen weit von sich und noch weiter von der Firma.

Zwar gebe es keine Gewissensprüfung bei der Einstellung von Sprachentwicklern ihres Unternehmens. Doch würden Programme wie T9 immer im Team produziert, nicht von Einzelpersonen.

Zwei bis vier Monate braucht eine vorwiegend aus Muttersprachlern bestehende, acht- bis zehnköpfige Linguisten-Truppe für die Entwicklung eines neuen Sprachprogramms. Erster Schritt: Sie identifizieren nach einem ausgeklügelten Schlüssel, welche Web-Seiten des jeweiligen Landes als Wortgrundlage taugen ­ inklusive Chatrooms aus allen halbwegs populären Bereichen der fraglichen Kultur: von Kunst bis Kochbuch, von Politik bis Pudelclub. Natürlich auch Klassiker wie Straßenkarten, Zeitungen und Schulbücher.

Die ausgewählten Seiten werden dann im nächsten Schritt nach der Häufigkeit benutzter Wörter durchsucht. Daraus entsteht eine Art Hitparade der gebräuchlichsten Wörter. Die wird dann nochmals auf Plausibilität überprüft und landet komprimiert schließlich im Handy.

Verantwortlich für die Wortauswahl ist also ein hoch komplexes und ideologisch unverdächtiges Computerprogramm. Aber könnte nicht ein Mitarbeiter heimlich manuell die Häufigkeitsangabe ändern? Die Produktmanagerin Nathan stutzt. Das wäre möglich, räumt sie ein. Aber wer würde so etwas machen?

Zugegeben: Wahrscheinlich ist die eigentümliche Rangfolge mancher Wörter eher in der Internet-gestützten Auswahltechnik zu suchen als in einer Verschwörungstheorie. Das viel benutzte spanische "Hola" kommt auf Web-Seiten offenbar nur selten zum Einsatz und landete daher nur auf Rang drei in der spanischen T9-Version. Clintons Ex-Geliebte Monika Lewinsky dagegen belegte in den USA zeitweise einen Spitzenplatz.

"Wir sind keine Zensoren, aber wir versuchen, solche Modehäufungen rauszufiltern", sagt Lisa Nathan, "uns geht es um die Substanz einer Sprache. Im Zweifel gilt das Wörterbuch."

Warum dann nicht einfach das Lexikon des Grundwortschatzes eingeben? "Weil wir damit nichts über die Häufigkeit erfahren, in der Wörter benutzt werden. Das bietet nur das Netz." Nur der Computer kann in kurzer Zeit Millionen von Internet-Seiten durchforsten. Was er nicht kann, ist eine qualitative Einschätzung des Inhalts abzugeben.

So kommt es zu der vermeintlichen Rechtslastigkeit des deutschen Handy-Helfers T9. Letztlich sind die elektronischen Besserwisser eben doch nur beschränkte Entschlüsselungsmaschinen. Und die wurden, laut einer Tegic-Sprecherin, bei der jüngsten Generalüberholung "entnazifiziert": In der neuesten Version des deutschen T9 komme nun "voll" vor "Volk" und "Maxi" vor "Nazi".

MICHAELA SCHIESSL



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