Konferenz Offenheit als Produktivkraft

In Berlin treffen sich am Wochenende die Protagonisten der Open-Source-Bewegung und diskutieren die Vorzüge frei zugänglicher Programmcodes.

Von Peter Zschunke


Open-Source-Erfinder Richard Stallman beschwört den Geist der freien Software

Open-Source-Erfinder Richard Stallman beschwört den Geist der freien Software

Einer der spannendsten Trends der Software-Branche präsentiert sich Ende dieser Woche in Berlin: Die in der akademischen Szene der USA entstandene Bewegung für freie Software trifft sich am Freitag und Samstag, um über ihre technologischen, philosophischen und wirtschaftlichen Grundlagen zu diskutieren. Die Konferenz steht unter dem Titel "Wizards of OS", wobei OS für "Open Source" steht und damit für die freie Verfügbarkeit des Programmcodes.

Open-Source-Software wie zum Beispiel das Betriebssystem Linux erlebt zur Zeit einen erstaunlichen Boom, seitdem zunehmend auch große kommerzielle Anbieter ihre Berührungsängste verlieren. Die eigentlichen Gewinner von Open-Source-Software seien jedoch die Anwender, erklärt Sebastian Hetze von der Berliner Firma Lunetix in einem Beitrag für die Konferenz. "Sie sparen nicht nur Geld, sondern gewinnen Freiheit, Selbständigkeit und Qualifikation." Da die Programme im Unterschied zu proprietärer Software verändert und an persönliche Bedürfnisse angepaßt werden können, werden sie kontinuierlich weiterentwickelt.

Software-Firmen wie Microsoft oder SAP geben den vom Menschen lesbaren Quellcode ihrer Programme nicht frei, sondern hüten ihn als ihren wichtigsten Schatz. Wenn jedermann in den Code von Windows eingreifen könnte, würde dies zu einer Fragmentierung, also zur Entwicklung unterschiedlicher Varianten des Betriebssystems führen, sagt Microsoft-Sprecher Thomas Baumgärtner. Inzwischen unternehmen aber auch Konzerne wie IBM und Apple vorsichtige Schritte in Richtung Open Source und erhoffen sich von der Freigabe des Programmcodes schnellere Innovationen. Allerdings fürchtet die Open-Source-Szene auch die Gefahr einer Kommerzialisierung und "gezielte Angriffe der traditionellen Softwareindustrie", wie Hetze im Manuskript für seinen Konferenz-Beitrag erklärt. Daher wird inzwischen auch zunehmend nach eigenen Geschäftsmodellen für die Open-Source-Bewegung gesucht.

Die meisten Open-Source-Programmierer werden für ihre Arbeit nicht entlohnt. "Die Entwickler erhalten offenbar anstelle von Geld einen anderen Gegenwert für ihre Arbeit", sagt Hetze - genannt werden von den Entwicklern das Interesse an der Eigennutzung der Programme, die Freude an der eigenen Kreativität und der Austausch mit Gleichgesinnten über das Internet. Außerdem können sich Programmierer mit guter Open-Source-Software einen Namen machen.

"Obwohl freie Software nicht als Produkt am Markt erscheint, hat sie doch erhebliche Marktwirkung", erklärt Hetze. Gute Programme erhalten eine große Verbreitung, die kostenlose Verfügbarkeit unterstützt dies noch. Aus freier Software kann durchaus auch kommerzieller Nutzen entstehen - das wird von den Gurus der Bewegung nicht grundsätzlich abgelehnt. Ein klassisches Geschäftsmodell ist der Verkauf sogenannter Distributionen - der Preis wird hier nicht für die Software an sich, sondern für die Leistungen der Zusammenstellung und der vereinfachten Installation erhoben. Mit zunehmender Verbreitung freier Software in Unternehmen wird daneben auch das Geschäft mit Dienstleistungen wie die Anpassung an kundenspezifische Bedürfnisse immer lohnender. Da die Hersteller freier Software im Normalfall keinen regulären Support garantieren können, ist hier ein Markt für eine Vielzahl von Unternehmen entstanden.

Zu der Konferenz im Berliner Haus der Kulturen der Welt werden 2500 bis 3000 Teilnehmer erwartet. Prominentester Redner ist der amerikanische Programmierer Richard Stallman, der 1984 das GNU-Projekt in Abgrenzung zur kommerziellen Weiterentwicklung des Betriebssystems Unix gegründet hat. Das Programm der Konferenz kann im Internet unter der Adresse http://www.mikro.org/WOS abgerufen werden. Das Berliner Treffen soll den Auftakt eines vierteiligen Konferenzreigens bilden - die zweite Ausgabe ist bereits für September dieses Jahres beim Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe geplant.



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