Konflikt um Bionicles Die Rache der Maori-Hacker

Legos Bionicles sind kultverdächtige Spielzeuge - und waren für Maori eine Provokation, weil die kleinen Plastikkrieger Maori-Namen trugen. Lego verzichtete vor Jahresfrist auf die Nutzung weiterer Maori-Namen, doch die Fans nutzten sie weiter. Die finden sich nun in einem "Cyberwar" mit vermeintlichen Maori-Hackern.

Von


Maoris: Rund 10 Prozent der Bevölkerung von Neuseeland zählen sich zur Ethnie der Ureinwohner
AP

Maoris: Rund 10 Prozent der Bevölkerung von Neuseeland zählen sich zur Ethnie der Ureinwohner

Das Ultimatum kam in der ersten Novemberwoche. 24 Stunden, schrieb "Kotiate" den Betreibern der Website BZPower, hätten diese Zeit, "dem Missbrauch der Maori-Kultur, ihrer Sitten und Geschichte" ein Ende zu machen. Eine öffentliche Abbitte forderte er ein, BZPower sollte sein "Bedauern und seinen Wunsch zum Ausdruck bringen, eine aktive Kampagne gegen den Missbrauch indigener Kulturen zu beginnen". Falls all das nicht binnen 24 Stunden erfolgen sollte, wäre "die Jagdsaison eröffnet". Adressat dieser notwendigen Reueaktion sollten die internationalen Medien sein - und Lego.

Denn letztlich war es der dänische Spielzeugkonzern, an dem sich der Zorn nicht nur von "Kotiate" ursprünglich entzündete. Im letzten Jahr machten Maori-Vertreter weltweit Schlagzeilen, als sie Lego vor Gericht zerrten, weil die Firma zur Benennung von Monstren und Orten in seiner Bionicle-Spielwelt Maori-Worte gebraucht hatte, die zumindest teilweise religiös konnotiert sind. Der Konzern strengte einen Vergleich an, um einige der Worte weiter nutzen zu können, und verzichtete im Oktober 2001 öffentlich darauf, für seine kommenden Bionicle-Veröffentlichungen auf weitere Maori-Worte zurückzugreifen.

Vielen Maori-Aktivisten war und ist das nicht genug

Sie sehen den fortlaufenden Gebrauch von Worten wie Toa, Mata Nui oder Tohunga ("Priester") als Beleidigung ihres kulturellen Erbes. Lego geht mit dem Vokabular nicht mehr hausieren – auch wenn es zur Benennung der älteren

BZPower: Die Bionicle-Fan-Website wurde vom Maori-Hacker "Kotiate" gehackt

BZPower: Die Bionicle-Fan-Website wurde vom Maori-Hacker "Kotiate" gehackt

Produkte nach wie vor gebraucht wird. Für Bionicle-Fans allerdings sind die fremdartigen Worte das Salz im Bionicle-Eintopf: Der schafft Vielfalt im Einerlei vor allem dadurch, dass er den mechanisch relativ uniformen Bauteilen mittels wechselnder Waffen, magischer Masken und mythisch-esoterischer Geschichten mannigfaltige Identitäten gibt. Das sind die Zutaten, aus denen Lego die martialischen Steckfiguren und ihre imaginierten Welten zu einem "epischen Spiel" verkochte - und zu einem der größten geschäftlichen Erfolge der Dänen.

Mit Erfolg, wie nicht zuletzt die Existenz von Fanseiten wie BZPower beweist: Wie in Rollenspiel- und Fantasy-Spielerkreisen üblich sind die zumeist gar nicht kindlichen Fans voll bei der Sache.

Zumindest, wenn ihnen "Kotiate" nicht dazwischen funkt. Der legte rund 24 Stunden nach seinem Ultimatum die Website lahm, indem er sie mit massenhaften E-Mails und Zehntausenden von Seitenaufrufen überschüttete - den Rest erledigte der Servicebetreiber, der sich des Ärger verursachenden Kunden zeitweilig entledigte und die Website abschaltete. Die Forums-Software selbst brach unter der Attacke augenscheinlich zusammen, noch immer arbeitet BZPower an der Restauration der Datenbestände. Damit war die Legende von

Kotiate, dem rächenden Maori-Hacker, geboren.

Doch damit ist die Geschichte nicht vorbei

Quer durch Bionicle-Fankreise und Maori-Foren zieht sich seitdem die Diskussion über Recht und Unrecht, Gebrauch und Missbrauch von Maori-Worten. Auf die, argumentierte ein Bionicle-Fan im Forum des unlizenzierten Maori-Senders Aoteoralive, habe doch kein Mensch ein Copyright: "Was wäre, wenn ich euch den Gebrauch meiner englischen Muttersprache als Missbrauch verbieten würde? Sehr ihr nun, wie lächerlich das ist?"

Nicht wirklich, wenn man den Beiträgen im Forum glauben kann - wenn sie mal zu lesen sind: Wenige Tage nach dem BZPower-Hack begannen die Cyberattacken auf Maori-Webseiten. Zeitweilig war die Foren-Website von Aotearoa (der Maori-Name für Neuseeland), das sich selbst als "extrem pro-Maori" bezeichnet, aus dem Web gefegt. Die Diskussion des Falles BZPower/Kotiate nimmt in den Foren, in denen es sonst eher um Polizeiwillkür und kulturelle Benachteiligung geht, breiten Raum ein.

Ein Ende der Geschichte des kleinen "Cyberwars" zwischen Fans und Feinden der Bionicle-Firguren, der aus der Perspektive von BZPower mit einer Reihe von hasserfüllten Forumsnachrichten im September 2001 begann, ist kaum abzusehen. Als Kotiates Cyberattacke auf BZPower am 7. November begann, dauerte es nur Stunden, bis Aotearoa ebenfalls eine Warnung erhielt. Eine angebliche Hackergruppe namens "Army of Free Speech" drohte Vergeltung an.

"Dieser Versuch, eine Sprache an eine bestimmte Nutzung zu binden, ist für das weltweite Netzwerk unakzeptabel und wird von der Army of Free Speach angemessen bestraft werden", hieß es in einer Mail an Aotearoa. "Wenn Sie die Möglichkeit haben, etwas gegen die Cyberattacken auf BZPower zu unternehme, tun Sie das bitte. Ansonsten stellen Sie sich auf einen Cyberwar ein, der verhängnisvoll sein könnte". Dies war im Übrigen der erste Auftritt der so genannten Hacker-"Armee".

Bionicle-Website von Lego: "Episches Spiel"

Bionicle-Website von Lego: "Episches Spiel"

Pubertäres Drohgebalze? Am 8. und 9. November gingen die Foren von Aotearoa in die Knie, erst nach dem 11. November waren die Schwierigkeiten überwunden. Mit Datenmüll werfen können pickelige Skiptkiddies auf beiden Seiten des Pazifik, Maori wie Amerikaner.

Ende offen, Anlass nicht so klar, wie es scheint

Lego lieferte mit den Bionicles, deren "Epos" sich offensichtlich heftigst in den Mythologien von Maori und Polynesiern bediente, nicht mehr als den Stein des Anstoßes. Längst geht es in dem schwelenden Cyberkonflikt um mehr: Es geht um eine Grundfrage der Netzkultur.

Bei Aotearoalive heißt es dazu:

    "Die Kernfrage ist die nach Identität. Wer bestimmt, wer die Maori sind? Wer hat das Recht, sie zu repräsentieren? Wer präsentiert unsere Identität der weiten Welt? Sind es die Maori selbst? Oder sind die Amerikaner, wie es das BZPower-Forum behauptet, uns gleichberechtigt darin, Maori-, Polynesische und andere indigene Kulturen neu zu erfinden?"

"Das ist", heißt es dort weiter, "die fortdauernde Geschichte westlicher Dominanz." Kultur wird Spielwelt. Lokal, regional wird global. Kulturelle Empfindlichkeiten sind der globalen Masse scheißegal.

Doch auch das ist ein Grundmuster der Cyberwelten: Dasselbe Medium, das den "Fernkrieg" zwischen Fans und Feinden der Bionicle-Spielzeuge erst ermöglichte, angeblich dazu beitrug, die kulturelle Integrität der Maori zu gefährden, sorgt nun dafür, das die Standpunkte selbst überhaupt gehört werden. Aotearoalive ist nicht nur ein im Internet funkender Sender, Aotearoa nennt sich auch die neuseeländische Dependance des linken Indymedia-Netzwerkes. Maori-Standpunkte bis hinein in die laufende Berichterstattung über den "Lego-Konflikt" schaffen es über den Newsdienst zu einer potenziell weltweiten Verbreitung.

Kinderkram? Kaum: Der bizarre Streit um die Namen kleiner Plastikkrieger trifft den Kern des eigentlich diskutierten Problems ganz genau. Die Betreiber von Aotearoa verstehen sich vor allem als eines: als Globalisierungsgegner.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.