Konkret kopiert Die krasse Story vom "Sonnenlischt"

Die schöne Geschichte vom unbeholfenen, aber erfolgreichen Song dreier türkischer Jungs bekommt Kratzer: Die Beats kamen aus Kanada, Text und Musik aus dem Ruhrpott. Nur die schiefen Töne sind von "Grup Tekkan" selbst - peinlich für Plattenfirma und Klingeltonhändler.

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"Tell me wut u want" ist ein seichter Hiphop-Schmuser, mehr nicht. Michael Manu, ein junger Hiphopper aus Winnipeg, Kanada schrieb ihn im Sommer 2005, stellte ihn auf eine Musiker-Website und vergaß ihn dann auch schnell wieder. Was der damals 18-Jährige nicht wissen konnte: Fast ein Jahr später feierten seine Beats den überraschendsten Erfolg des jungen Jahres 2006. Seine Musik ist die Blaupause für Grup Tekkans Ohrschmerz-Hit "Wo bist Du" oder "Sonnenlischt".

Der Kanadier wusste davon nichts, bis Sonntagabend, 19. März. Weder die Plattenfirma Superstar Recordings, noch das Grup-Tekkan-Management hielten es für nötig, den Künstler um die Erlaubnis zur Verwendung seiner Beats zu bitten. "Tell me wut u want" stand Anderen eigentlich nur gegen Geld zur Verfügung. 20 Dollar für ein Mixtape, Verhandlungssache bei kommerzieller Nutzung. Erst Montagabend, vier Tage vor der Veröffentlichung der "Sonnenlischt"-Maxi bekam Manu einen Anruf von Superstar Recordings. Vorausgegangen waren Recherchen von SPIEGEL ONLINE, die die wahre Herkunft des "Sonnenlischt"-Tracks ans Licht brachten.

Innerhalb weniger Tage hatte sich seit Anfang März aus einem kleinen Netzfundstück auf dem Weblog ntropie.de der denkwürdige Sonnenlischt-Hype entwickelt. Plattenfirmen stürzten sich auf die drei Jungs, Jamba verwurstete das Stück als Klingelton, das Privatfernsehen holte Ismael, Selcuk und Fatih direkt vom Jugendzentrum Hufeisen in Germersheim vor die TV-Total-Kameras. So schräg die drei Jungs auch singen, der Song ist eingängig, die Beats geschmeidig, die Synthie-Klarinette und die Gesangspur erstaunlich komplex. Kein Wunder, für die Produktion und Komposition des Stücks zeichneten Profis verantwortlich.

"Eine Runde Raab und dann ab in die Charts"

Im Rahmen ihres Rapschool-Projektes kamen die Sons of Gastarbeita (SOG)- Ruhrpott-Hiphop-Veteranen mit politischem und pädagogischem Anspruch - in das Germersheimer Jugendzentrum um dort mit zehn Jugendlichen Tracks aufzunehmen - ein musikalisches Sozialprojekt. Um "den Jugendlichen eine Stimme zu geben", wie Darien Pfirrmann vom Jugendzentrum Hufeisen bestätigt. 15 bis 18 vorgefertigte Instrumentals haben SOG normalerweise dabei, den drei Jungs von Grup Tekkan gefiel keines davon. Sie wollten lieber über einen Loop singen, den sie aus dem Internet besorgt hatten: "Tell me wut u want" von Michael Manu.

Nach einigem Hin und Her erklärten sich SOG bereit, sie rearrangierten den Track ein wenig und spielten neue Instrumente ein, um nicht allzu dreist zu kopieren. Im Rahmen eines Jugendprojektes ist das kein Problem, die Jungs hatten Spaß, der Song war ein schönes Erfolgserlebnis. Dass das mal in die (Klingelton-)Charts kommt, damit konnte damals niemand rechnen.

Ein Teil der Lyrics von Sonnenlischt kommt von SOG, die "Mit-Sternenstaub-glasiert"-Passage findet sich eins zu eins im Liebeslied "Nur für dich" wieder, das im Rahmen des Musicals "Unter Strom" in Witten aufgeführt wurde. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, sind die Vertragsverhandlungen zwischen SOG und Superstar Recordings noch nicht beendet. Anwälte und Plattenfirma raten allen Parteien zum Stillschweigen. Kein Wunder: Platzt der Deal, könnten kommenden Freitag wohl (angeblich) 60.000 bis 70.000 Maxis nicht in den Regalen von Saturn und Mediamarkt stehen. 45.000 Vorbestellungen sollen bei Superstar Recordings laut eigenen Angaben eingegangen sein - ansonsten will man die wahre Herkunft des Stückes im Moment lieber nicht kommentieren. Jambas eiliger Verkauf des Klingeltons und der 1,49-Euro Song-Download auf der Website von TVTotal aber könnten Probleme nach sich ziehen.

Nur einer bleibt cool

Was sich in dem ganzen Tohuwabohu deutlich abzeichnet: Von der schönen Geschichte um den schiefen Song ist nicht mehr viel übrig. Am allerwenigsten für die Künstler, die hinter Sonnenlischt stecken - Michael Manu aus Winnipeg, die Sons of Gastarbeita aus Witten und schließlich Fatih, Ismael und Selcuk aus Germersheim. Letztere werden nun kurz durch die Musik-Verwurstungsmaschinerie gejagt. Ein Universal-Mitarbeiter beschrieb das in einer Mail an Matthias Oborski von ntropie.de so: : "das is mein neuer auftrag. kontakt herstellen. dann ne runde raab und ab in die charts."

In all dem Trubel scheint nur einer ruhig zu bleiben: Michael Manu. Als er gestern, reichlich spät, den Anruf von Superstar Recordings bekam, wusste er bereits, was in Deutschland los ist. Er zeigte sich "selbstverständlich" einverstanden mit dem Angebot der Plattenfirma, das Geld lässt er in seine Studioeinrichtung fließen. Vielleicht ein neuer Teppich, vielleicht ein paar Möbel für die Lounge-Area. Sein Kommentar zur ganzen Posse: "Ich bin zufrieden, wenn jeder etwas zu essen bekommt."

Und tatsächlich könnte ein Gewinner aus der Sache hervorgehen. Der gerade einmal 15-jährige Christian Bock aus Schwetzingen. Durch ihn flog die ganze Sonnenlischt-Geschichte erst auf, als er auf dem Schulhof angesprochen wurde: "Du, Christian, das Sonnenlischt klingt ja wie einer deiner Songs!" Irgendwann Ende letzten Jahres lud er sich "Tell me wut u want" aus dem Netz und schrieb ein paar freundliche Rap-Zeilen darüber. Auf Schweinwerfer.de, einem anderen Weblog, das am Sonnenlischt-Hype unfreiwillig beteiligt war, schrieb er in die Comments, dass die Sonnenlischt-Beats aus dem Internet und nicht dem Kernkraftwerk kommen, wie das Ismael erzählt hatte, der laut eigener Aussage ja auch zehn Songs in zwei Tagen schreiben kann. Auf seiner Website cris-moz.de steht seit Januar 2006 "Wie Yin und Yang" zum Download. Hört sich an wie Sonnenlischt - nur ohne Wolken.



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