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Kooperation: Nachrichtenagentur AP setzt auf Blogger

"Citizen Journalism", bei dem jedermann Berichterstatter sein kann und darf, liegt im Trend: Immer mehr Medienunternehmen setzen auf die Laien-Journalisten, um ihr Korrespondentennetz zu erweitern. So auch die Nachrichtenagentur AP, die Blogger als lokale Berichter sieht.

Irgendwann wird der Tag kommen, wenn die Medien nur noch über Kooperationen zwischen Medienhäusern und Web 2.0-Unternehmungen berichten werden, wenn diese nicht zustande kommen. Neue Kooperationen gibt es derzeit so häufig wie Graupel in Grönland: Am Freitag schrieb sich die amerikanische Nachrichtenagentur AP in die lange Liste der Unternehmen ein, die entdeckt haben, dass es eine erstklassige Idee sein könnte, Web-2.0-beseelte Laien für sich arbeiten zu lassen.

Für die Agentur ist das keine Premiere. Bereits im Mai letzten Jahres begann AP eine Kooperation mit den Blog-Diensten Technorati und Topix, deren Inhalte zu AP-Themen die Agentur ihren Kunden im Rahmen ihres "AP Hosted News"-Service anbietet.

Diesmal geht es jedoch darum, Blogger als Zulieferer originärer Inhalte zu gewinnen. Konkret sieht das so aus: Die Agentur schloss eine Kooperation mit der kandischen Website NowPublic.com, einem Webdienst, der sich selbst als größtes Citizen-Journalism-Netzwerk der Welt sieht. Angeblich gut 60.000 Blogger aus 140 Ländern verbreiten ihre Beiträge in englischer Sprache via NowPublic - ein Fundus an lokalen Quellen, auf den AP nur zu gern zugreifen möchte.

Und zwar zunächst auf "ausgewählte", wie es in einer Mitteilung der AP heißt - und das scheint vernünftig. Denn natürlich stammt nur ein Bruchteil der Informationen bei NowPublic aus originären Quellen: Das meiste ist natürlich Metakommunikation, Schreiben über Nachrichten.

Stichprobe: Weggefundenes und Info-Kreisläufe

Von vier aktuellen Aufmachern am Montagmorgen waren drei nichts anderes als Kurzzusammenfassungen von Artikeln an anderen Orten. Ein CNN-Artikel erreichte seine Leserschaft auf dem Umweg über NowPublic, einer von ABC und ein Artikel der kanadischen CBC - gefüttert wiederum aus Agenturquellen. Besonders interessant aus AP-Perspektive: Der CNN-Artikel war auf der Webseite des Nachrichtensenders korrekt als AP-Bericht gekennzeichnet, nicht aber bei NowPublic. Da könnte sich, bei einer ungefilterten Zufütterung von Informationen, der eine oder andere Info-Kreislauf schließen.

Doch darum geht es der AP natürlich auch nicht. Sie hat kein Interesse, für eigene Artikel zu bezahlen, sondern hofft darauf, ihr teures Korrespondentennetz durch talentierte und verlässliche Schreiber vor Ort aufbohren zu können. Foto- und Textbeiträge, die das New Yorker Büro der AP für den Vertrieb per Nachrichtenagentur auswählte, würden dabei natürlich honoriert, unterstreicht AP.

Und verifiziert, versteht sich: Jeder Beitrag würde geprüft wie die Zulieferungen aus professionellen Quellen. Die Debatte um die Zuverlässigkeit von per Blog zugelieferten Informationen fängt AP-Vizechef Jim Kennedy ansonsten durch den Verweis auf die "lange Tradition" der Zusammenarbeit mit Laien-Infomationszulieferern ab, auf die die AP zurückblicke: Wenn es um heiße "breaking news" gehe, habe es immer Zulieferungen von Menschen gegeben, die "zur richtigen Zeit am richtigen Ort" gewesen seien. Wie genau der Deal zwischen NowPublic und AP am Ende aussehen werde, müsse im Detail noch verhandelt werden.

Können Blogger regionale Strukturen ersetzen?

Der Umgang der AP mit der neu gewonnenen Quelle ist also weit vorsichtiger, als es zunächst klingt. Bei so manchem Medienunternehmen ist das anders: Citizen Journalism gilt vielen nicht nur als sexy und modern, sondern verspricht auch, Kosten zu senken. Aus Sicht vieler Medienunternehmen ist das tollste an Web 2.0, dass es Menschen dazu zu bringen scheint, unentgeldlich zu arbeiten. Eine Verlockung, die nicht zuletzt die krisengebeutelte Tagespresse als Chance entdeckt: Die weitreichendsten Pläne in dieser Hinsicht hegt in Deutschland die Zeitungsgruppe "WAZ", die hofft, Lokalbüros durch regionale Sammelausgaben, ergänzt durch fleißige Leser-Blogs auf den Regionalseiten im Netz, ersetzen zu können.

Einen ersten Modellversuch in dieser Hinsicht leistet sich die "WAZ" mit der sogenannten "Vest"-Ausgabe, die acht Lokalausgaben ersetzen soll. Die Büros vor Ort schloss die "WAZ" Anfang des Jahres. Seitdem kocht es im Vest-Forum der "WAZ"-Webseite, wo sich frustrierte Leser gegenseitig von ihren Abo-Kündigungen berichten. Satte 1500, gerüchtelt es im Revier, soll es in den letzten vier Wochen gegeben haben. Das Gegengewicht in Form frischer Blog-Inhalte liefern derweil drei "WAZ"-Redakteure und zwei engagierte Schülerinnen mit Blog-typisch individuellen Formaten - mehr ist da bisher nicht.

pat

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