Erfinderin des Kopftuch-Emoji Rayoufs Welt steht kopf

Eine 16-Jährige aus Wien erfindet ein Emoji mit Kopftuch und setzt es bei Apple & Co. durch. "Time" zählt sie deshalb zu den einflussreichsten Teenagern 2017. Seither erfährt sie viel Zuspruch - und Hass.

Rayouf Alhumedhi
Hasnain Kazim

Rayouf Alhumedhi

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Alles begann mit einem Chat. Als sich Rayouf Alhumedhi vergangenes Jahr mit zwei Freundinnen unterhielt und die beiden ein Emoji nutzten, das ihnen ähnlich sah, suchte Rayouf vergeblich nach einem Bild, das zu ihr passt. "Es gab keins", sagt sie. "Kein Mädchen mit Kopftuch."

Wieso ist das Kopftuch so wichtig? "Weil ich eines trage", antwortet Rayouf. "Und ganz ehrlich: Ich trage es freiwillig und gern. Viele Leute in meiner Schule kennen mich nur als das Mädchen mit dem Kopftuch."

Rayouf - cremefarbenes Kopftuch, weißes Sweatshirt, Jeans, silberfarbene Sneakers - ist 16 und lebt in Wien. Sie ist die Tochter eines Diplomaten aus Saudi-Arabien, ihre Geschichte erzählt sie in der Cafeteria der Vienna International School.

Der Traum vom Emoji wurde Wirklichkeit

Nachdem sie sich in keinem Emoji wiederfand, wurde Rayouf aktiv, sie wollte das ändern. Auf eine Anfrage an Apple erhielt sie zwar keine Antwort. Im Internet erfuhr sie aber, was sie zu tun hatte. Sie schrieb das Unicode-Konsortium an, das die Standards für Schriftzeichen - und eben auch Emoji - festlegt. In dem Gremium sitzen die wichtigsten Technikfirmen der Welt wie Google, Apple und Microsoft. Dort fand man Gefallen an dem Vorschlag und der Person dahinter.

Rayouf fand einflussreiche Fürsprecher, darunter Alexis Ohanian, US-Investor und Mitbegründer der Nachrichtenplattform Reddit, der sich für Vielfalt im Netz einsetzt. Man stellte eine Kampagne auf die Beine und bat Rayouf, einen Vorschlag für ein Bild einzureichen. Sie wurde nach San Francisco eingeladen, um ihre Idee vorzustellen, kam mit Journalisten in Kontakt.

Skizzen für Kopftuch-Emoji
Aphelandra Messer

Skizzen für Kopftuch-Emoji

Das war vor gut einem Jahr. Seit Anfang November, seit einem Update des Apple-Betriebssystems iOS, ist Rayoufs Traum vom passenden Emoji nun Wirklichkeit: Jetzt lässt sich im Chat ein Mädchen mit violettem Kopftuch posten.

In der Liste des "Time"-Magazins

Das "Time"-Magazin rief sie an und teilte ihr mit, man habe sie in diesem Jahr zu den 30 einflussreichsten Teenagern der Welt erkoren, ob sie etwas dagegen habe. Rayouf lacht. "Was hätte ich sagen sollen? 'Nein, ich will keinen Einfluss!'?" Die Liste wurde diesen Monat veröffentlicht - und Rayoufs Welt steht seither kopf.

Journalisten aus aller Welt wollen jetzt mit ihr sprechen, sie treffen, filmen, fotografieren. "In den zurückliegenden Wochen habe ich etwa 50 oder 60 Interviews gegeben", sagt sie. Die österreichische Tageszeitung "Die Presse" nennt sie "Wiener Teenagerin, weltberühmt".

Tausende Menschen schicken ihr Nachrichten und feiern sie für ihr Engagement. Sie kramt ihr Handy hervor, klickt auf Instagram und zeigt ihren Posteingang. "Thank you!!!", schreibt da jemand. "We love you, Rayouf!", jemand anderes. Dutzende Nachrichten gehen täglich bei ihr ein. Es sind vor allem junge Musliminnen, die sich bei ihr bedanken.

Rayouf, die neben Arabisch ein sehr amerikanisches Englisch spricht - ihr Deutsch hält sie für nicht ausreichend akzentfrei, weshalb sie sich scheut, es zu sprechen -, weiß trotz ihrer Jugend genau, dass es um viel mehr geht als um ein Emoji. Mehr als nur um das Bildchen eines Kopftuch tragenden Mädchens, das man jetzt per Smartphone verschicken kann.

"Es geht darum, dass ich und viele andere Frauen sich jetzt in diesem Bereich repräsentiert fühlen", sagt sie. "Es gibt mehr als eine halbe Milliarde Frauen auf der Welt, die ihren Kopf bedecken. Für sie gab es bislang kein Emoji. Aber auch sie nutzen das Internet und Smartphones, also ist es doch prima, dass es jetzt auch für sie ein Symbol gibt, mit dem sie sich identifizieren können", sagt Rayouf.

Mit Hass konfrontiert

Im Netz äußern viele aber auch Bedenken. Das Emoji verharmlose die "Islamisierung der Gesellschaft", es stelle das Kopftuch als Normalität für junge Mädchen und sogar Kinder dar, heißt es zum Beispiel.

Rayouf sieht sich auch mit Hasskommentaren konfrontiert, spätestens, seit Johann Gudenus, Politiker der rechtspopulistischen FPÖ und Vizebürgermeister von Wien, die Nachricht von der "Time"-Magazin-Liste auf seiner Facebook-Seite mit dem Kommentar "Irrsinn" versah. Am Tag darauf teilte Gudenus die Nachricht von einer achtjährigen Kindsbraut, die in ihrer Hochzeitsnacht verblutet war, mit dem Kommentar "Aber Hauptsache manche freuen sich über ein Emoji mit Kopftuch...".

"Österreicher brauchen und wollen keine Islammode!", postet jemand. "Wir wollen diese Fetzenpinguine nicht!", schreibt ein anderer Internetnutzer. "Ab nach Hause!", heißt es in vielen Varianten. Selbst vor Vergewaltigungsfantasien und Morddrohungen scheuen manche nicht zurück.

Was macht das mit einer 16-Jährigen? Sie zuckt mit den Schultern. "Ach, ich weiß ja, dass das Kopftuch ein umstrittenes Thema ist. Ich bestreite gar nicht, dass es Unterdrückung gibt und dass sich vieles ändern muss. Aber bin ich nicht genau das Gegenteil von dem Bild, das viele vom unterdrückten islamischen Mädchen aus Saudi-Arabien haben?"

Als sie das fragt, leuchten ihre Augen. Rayouf sagt, ihr genüge es, wenn sich viele Menschen über das Emoji freuten. "Ich hoffe, dass es den Leuten zeigt, dass die Wahrheit komplizierter ist."

Animation: Von Kopftuch bis Burka - Was ist was?

DER SPIEGEL

Rayouf ist sich bewusst, dass sie einer Elite angehört und sich Freiheiten erlauben kann - als Diplomatentochter, geboren nahe der saudischen Hauptstadt Riad. Dort ist sie die ersten sieben Jahre aufgewachsen, dann folgten die Einschulung in Wien und Jahre in Berlin, dann die Rückkehr nach Österreich. "Es gibt Veränderungen in meinem Heimatland - langsam, aber es gibt sie", sagt sie. "Man darf nicht vergessen, dass Saudi-Arabien ein vergleichsweise junges Land ist."

Versteht sie sich selbst als Botschafterin ihres Landes? Oder des Islam? Sie lacht und schüttelt den Kopf. "Ich bin nur Botschafterin meiner selbst."

Nach dem Abitur wolle sie gern Informatik studieren, in England vielleicht oder in den USA, erzählt sie. Aber dann wolle sie unbedingt wieder nach Saudi-Arabien und dort mit ihren Computerkenntnissen als Aktivistin arbeiten und die Gesellschaft verändern. Ihr Ziel sei es, Vorurteile zu bekämpfen - nicht mehr, aber auch nicht weniger.



insgesamt 38 Beiträge
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Nobody X 03.12.2017
1. Wer es braucht
Es mag sein, dass sie "genau das Gegenteil von dem Bild (ist), das viele vom unterdrückten, islamischen Mädchen aus Saudi-Arabien haben". Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie und ihre Situation eine Ausnahme sein dürfte - und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.
Orthoklas 03.12.2017
2. Was für ein Hype
Emoji kreiert und unter den TOP 30 der einflussreichsten Personen? Wie krank wird diese Gesellschaft noch? Die digitale Demenz legt sich echt wie ein dunkler Schleier über den Planeten. Was kommt als nächstes? Ein Einbeiniger als Emoji? Ein transgender Papagei? Ein Sufi-Emoji? Leute, Leute....
mrotz 03.12.2017
3. Erfindung?
Schöpfungshöhe 0 politische Durchschlagkraft hoch Nutzen negativ
Freidenker10 03.12.2017
4. Was denn nun?
Die Nummer mit dem Kopftuch und den linksliberalen kann ich immer noch nicht so ganz nachvollziehen. Da ist man auf der einen Seite für Frauenrechte ( gut so! ), aber auf der anderen Seite unterstützt man die Kopftuchfraktion, aber selbige steht aus meiner Sicht nicht unbedingt zwingend für Frauenrechte sondern für das totale Gegenteil dessen! Was denn nun? Ist das jetzt die neue linksliberale Sicht der Frauenrechte? Im Islam sind mehr oder weniger nur die Frauen gezwungen sich zu "verhüllen" die Jungs können rumlaufen wie sie wollen und das unterstützden die Linken jetzt? Das ganze wird doch immer unglaubwürdiger...
Orthoklas 03.12.2017
5. Rollifahrer-Emoji
Übrigens: ein Rollstuhlfahrer als Emoji bei WhatsApp - nicht das blaue Rollifahrerschild - wäre wohl deutlich dringlicher als das Kopftuch-Emoji unserer selbstgerechten Dame, die es ja offenbar nur deshalb gebastelt hat, weil sie selbst eines trägt. Hauptsache Applaus aus Gründen der political correctness.
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