Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kopierschutz und Copyrights: Es geht auch ohne

Von

Seit Jahren bemüht sich die Entertainment-Industrie, ihre Kundschaft mit technischen und juristischen Maßnahmen zu disziplinieren. Kunden solle man nicht kriminalisieren, meint der Indie-Verband VUT - und steht damit nicht allein. Der Widerstand gegen Kopierschutz und Co ist Trend.

"Independent Labels" heißen Plattenfirmen, die keinem der großen Musikkonzerne angehören - doch da hört die Eigenständigkeit nicht auf. Deutlich macht das beispielsweise die Kampagne gegen Kopierschutzmaßnahmen, mit der der Indie-Verband VUT seit Anfang der Woche auf Distanz zur großen Konkurrenz geht. Viele der kleinen Labels, die zusammengenommen über 25 Prozent des Weltmarktes unter sich aufteilen, stoßen sich an der Aggressivität, mit der die Entertainment-Konzerne gegen die eigene Kundschaft vorgehen, wenn die sich kopierend daneben benimmt.

Kaum jemand, dem zu diesem Thema nicht inzwischen etwas einfiele: Vom Kopierschutz, der dafür sorgt, dass die soeben erworbene CD im Auto nicht gehört werden kann, über das Vorprogramm im Kino, dass jedem Kunden klar macht, dass er in erster Linie einmal ein potentieller Krimineller ist, bis zum Einsatz von - das Eigentum von Kunden beschädigenden - Rootkit-Programmen reicht das Repertoire, ergänzt durch Abmahnungen und gerichtliche Klagen gegen die Nutzer von P2P-Börsen.

Kampagnenlogo des Indie-Verbandes VUT: Mit Enthaltung und Öffentlichkeitsarbeit gegen Kopierschutzmaßnahmen

Kampagnenlogo des Indie-Verbandes VUT: Mit Enthaltung und Öffentlichkeitsarbeit gegen Kopierschutzmaßnahmen

Vor allem aber an sogenannter DRM-Software stößt sich der Musikfirmenverband. "Digital Rights Management" ist ein Euphemismus für die Einschränkung von Nutzungsmöglichkeiten einer digitalen Ware. Per DRM wird festgelegt, wer was mit Hilfe welcher Maschinen tun darf - oder präziser: nicht tun darf.

Der VUT hat dazu seine eigene Position. In einer aktuellen Pressemitteilung des Verbandes heißt es:

"DRM und Kopierschutz sind nicht die Lösung des Problems der Musikindustrie. So, wie diese Techniken bislang gestaltet werden, helfen sie eher, auch noch die letzten 'ehrlichen' Musikkäufer zu verprellen und in die Piraterie zu treiben.
Wir brauchen ein starkes Urheberrechtsgesetz, das die neuen digitalen Formen von Musikverbreitung und Konsum unterstützt und die Voraussetzungen für zeitgemäße Vergütungsmodelle schafft. Es muss faire Bedingungen für die kreative Branche schaffen und bedarf deshalb einer grundsätzlichen Überarbeitung.
Die strafrechtliche Verfolgung von P2P Usern löst das Problem der Piraterie nicht und macht Fans zu Kriminellen."
Genau da liegt die Crux, doch die Diskussion um das Thema dreht sich seit Ende der Neunziger im Kreis. Noch zu Napster-Zeiten warnten selbst branchenintern die Experten davor, auf den Kunden einzudreschen. Inzwischen aber, glaubt etwa der internationale Musikverband Ifpi, habe man damit gute Erfahrungen gemacht. Tatsächlich sinkt die Zahl der P2P-Nutzer, seit das juristische Risiko steigt. Was trotz alledem ebenfalls weiter sinkt, ist der Umsatz der großen Musikkonzerne.

Rückzugsgefechte statt neuer Rechte

Die waren in den Augen der Fans einst schillernde Orte der Sehnsucht. Für eine "Plattenfirma" zu arbeiten schien vielen Jugendlichen fast so gut wie selbst Rockstar zu sein. Der Lack ist inzwischen ab: Musikkonzerne entwickelten sich in den letzten Jahren für viele zu regelrechten Feindbildern.

Denn anders als der VUT es anmahnt, suchten Industrie und Gesetzgeber nicht nach neuen Modellen, die Urheber- und Verwertungsrechte in einer neuen, digitalen Zeit zu schützen. Stattdessen versuchen sie es mit der Einschränkung von Rechten, die vorher Bestand hatten.

Einige davon waren - wie das Recht auf Privatkopien - sogar gesetzlich verbrieft. Der Druck der Entertainment-Lobby auf das EU-Parlament in Brüssel hat dort bereits im September 2001 zur Verabschiedung einer Direktive geführt, die die Länder in der EU seitdem zu einer Novellierung ihres Copyrights und Urheberrechts zwang. In Deutschland ist der sogenannte "zweite Korb" dieser Urheberrechtsnovelle gerade im Anflug und soll in der nächsten Woche im Bundestag verhandelt werden.

Und was hat Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hier herumgeeiert, um es möglichst allen Recht zu machen. Den Käufern gesteht der neue Novellen-Entwurf ihrer Referenten prinzipiell zu, zu privaten Zwecken nach Herzenslust zu kopieren. Der Industrie erlaubt sie, genau das per DRM zu verhindern. Den Käufern verbietet sie dann, das DRM zu knacken, wenn es denn funktioniert. Das wiederum ist eine dehnbare Definition: Wirklich lang funktioniert kein DRM. Erlangt man mit dem Nachweis, dass ein DRM nicht funktioniert, das Recht zur Kopie zurück?

Frankreich: Widerstand im Parlament

In Frankreich und Großbritannien läuft die Diskussion über diese Dinge etwas anders. Weniger willfährig als die deutsche Regierung denkt die französische darüber nach, wie sich das Urheberrecht weniger restriktiv gestalten ließe. Mit ihrem Entwurf einer Copyright-Novelle war sie Ende letzten Jahres im Parlament gescheitert: Die Volksvertreter schickten die Regierung mit dem Auftrag in eine zweite Runde, die Rechte der Industrie und der Urheber zu schützen, ohne zugleich die Kunden zu kriminalisieren. Ganz nebenbei sorgte das Abstimmungsdesaster dafür, dass P2P in Frankreich zumindest im Augenblick als legalisiert gelten darf.

Einen ersten Versuch, das wieder in geordnete Bahnen zu lenken, hebelte Präsident Jacques Chirac in der ersten Januarwoche aus, weil er ihm nicht weit genug ging. Den zweiten, zwischen den Vorstellungen des Parlamentes, P2P faktisch zu legalisieren, und den Schutzinteressen der Industrie lavierenden, ließ Premier Dominique de Villepin Anfang der Woche folgen. Der Vorschlag könnte zu einer sensationell liberalen Rechtspraxis führen: De Villepin schlägt vor, zwischen kommerziell motivierten Produktpiraten und P2P-Usern zu unterscheiden, die nur einem Hobby folgend und nur zum eigenen Gebrauch Musik oder Filme tauschen.

Diesen Artikel...
Forum - Raubkopien - Popkultur-Bestandteil oder organisierter Diebstahl?
insgesamt 661 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
DJ Doena 20.05.2005
Zuerstmal: Nein ich bin kein Raubkopierer, meine DVDs sind alle "original" (zu diesem Begriff später). Jetzt aber: Das Wort Raubkopie ist ein Kampfbegriff der Content-Industrie, die selbst nichts produziert, sondern lediglich vermarktet - sich aber hinstellt, als würde ohne sie die Welt untergehen. Raub impliziert einen Diebstahl unter Androhung bzw. Anwendung von Gewalt, sei es körperlicher oder mit Hilfe von Waffen. All dies geschieht aber beim "raubkopieren" nicht. Beim raubkopieren wird lediglich eine vom Verwerter nicht genehmigte Kopie eines Stückes erstellt. Es wird auch keineswegs ein Original kopiert, schließlich ist die handelsübliche CD/DVD auch nur eine Kopie vom Master - allerdings sind sie eine genehmigte. Der Einfachheit halber werde ich die Begriffe Raubkopie und Original verwenden, auch wenn sie sachlich falsch sind) §53 gab uns im alten Urheberrecht die Möglichkeit, von einem Original eine gewisse Anzahl Kopien zu fertigen. Dies hat man getan, weil man den Einzelnen nicht überwachen konnte und wollte. Als Ausgleich wurden die Verwertunsgesellschaften eingeführt. Diese nehmen pauschal für einen Rohdatenträger eine Gebühr und führen diese an die eigentlichen Urheber weiter. Bekannt sind sie unter dem Namen GEMA, VG Wort, etc. D.h. jedesmal wenn ich eine 10er Schachtel CD-Rohlinge kaufe oder den firmeninternen Fotokopierer anschmeisse, bekommen diese Gesellschaften Geld von mir - auch wenn ich selbst der Urheber des kopierten Materials bin. Und so hat sich eine nette kleine Allianz zusammengetan aus Vermarktern, die nichts produzieren, sondern nur verkaufen und Verwertungsgesellschaften, die ebenfalls nichts produzieren sondern nur Gebühren eintreiben. Und beschissen werden sowohl die Urheber, als auch die Verbraucher, da beide Organisationsteile das Geld wie ein schwarzes Loch anziehen, aber nach hinten für die eigentlichen Produzenten aka Urheber kaum was abfällt. Und weil sie sich da so schön einig sind, wird seitens der Vermarkter versucht, kopieren rechtlich und technisch zu unterbinden, was die Verwertungsgesellschaften nicht im geringsten daran hindert, immer höhere Gebühren für das Rohmaterial zu fordern, sowie immer neue Geräte als gebührenpflichtig zu deklarieren. Und so kommt es, dass angeblich der PC als ganzes, zusätzlich der Brenner und der Drucker als "primär zum vervielfältigen" benutzt wird, und deshalb gebührenpflichtig wird, obwohl die meisten Originale aufgrund des Kopierschutzes gar nicht mehr kopiert werden dürfen (das können steht auf einem anderen Blatt).
2.
DJ Doena 20.05.2005
Und so sieht mancher Verbraucher nicht mehr ein, warum er 17,99€ für eine (Un-)CD ausgeben soll, wenn er sogar schon den Film für 9,99€ bekommt und nicht sichergestellt ist, dass dieser auf seinen Geräten überhaupt abspielbar ist. Des weiteren ist die Argumentation der Vermarkter, dass jede Raubkopie eine entgangene Einnahme ist, für psychologischen Unsinn. Viele (natürlich nicht alle) laden sich Filme, die sie sich ohne diese Möglichkeit trotzdem nicht im Kino angesehen hätten, manche werden vielleicht sogar gerade wegen der Kopie (die ihnen gefallen hat) noch einmal ins Kino gehen. Die Einnahmeverluste der Musikindustrie sind meiner Meinung nach eher auf die extrem gefallene Qualität der Musik zurückzuführen. Wer beim ersten Album nicht gleich Topquoten bringt ist schon wieder raus aus dem Business und hat gar keine Chance sich zu entwickeln und evtl. zum Superstar zu werden und dann für die Vermarkter zum Goldesel zu werden. Des weiteren ist es für mich als Kinogänger und DVD-Sammler ein echtes Ärgernis, als permanenter Verbrecher tätuliert zu werden (man bekommt das Gefühl, die Content-Industrie sieht den Verbraucher nicht als Kunden, sondern als Feind). Egal in welchen Film ich gehe oder welche DVD ich einlege, ich werde mindestens einmal daran erinnert, dass ich zu den Arschfickern mit den schwedischen Gardinen komme, wollte ich es auch nur wagen, ihre DVD/CD zu kopieren oder den Film abzufilmen. Diese Intros sind (antürlich!) nicht überspringbar und kommen jedesmal, wenn ich meine legal erworbene DVD in den Player einlege. Und hier kommt der Kasus Knacksus: Der Filmkopierer wird sich von diesem lächerlichen Spot nicht abhalten lassen und der Käufer fühlt sich ans Bein gepinkelt! Toll gemacht, Content-Industrie, so entsteht Kundebindung!! (Wer den Sarkasmus findet, möge ihn weiterverwenden).
3.
FjodorM, 20.05.2005
Ich nehme an, dieser Forenstrang bezieht sich mehr oder minder direkt auf den Artikel über die bereits aufgetauchten ersten Kopien von Star Wars III. Star Wars egal wie viel ist ein Produkt, dessen Zielgruppe eine bereits existierende Fangemeinde ist. Dies trifft zwar nicht auf jeden Film zu, dafür aber im Großen und ganzen auf die gesamte Musikindustrie, welche genau so heult wie (wenn nicht gar schlimmer als) die Filmindustrie. Und Produkte für Fans haben eine ganz schöne Eigenschaft: Fans gehen trotzdem ins Kino, Fans kaufen trotzdem die Special Edition DVD, auch wenn sie bereits den Film aus dem Netz geladen haben. Für die Industrie ist der entstehende Schaden nahe Null. Des weiteren gilt für so ziemlich alle "raubkopierten" Produkte: Sie sind Zusatz. Wer ein Musikstück oder einen Film mag, kauft sich die CD oder DVD. Das, was heruntergeladen wird, besitzt der böse Kriminelle bereits, oder würde es sich sowieso nicht kaufen. Wieder ist der Verlust respektive entgangene Gewinn nahe Null. Der einzige Verlust, den die Musik- oder Filmindustrie macht, ist der Ansehensverlust, den sie sich selbst zufügt, in dem sie in ihren Kampagnen den Kunden als Kriminellen abstempelt. Und wer nicht kriminell sein will, will folglich auch wieder Kunde sein. Der Grund für den fallenden Gewinn der Musikbranche: Einheitsgedudel, Kreativitätsmangel, Sampling (ist das nicht auch Raubkopie, nämlich von geistigem Eigentum anderer?) Talentmangel (Hauptsache sie sieht gut aus, ob sie singen kann ist unwichtig) und soooooo viele Hypes, dass sie sich gegenseitig relativieren und annulieren. Auch Hysterie ist inflationär, wenn es zuviel davon gibt nimmt sie keiner mehr wahr.
4. Fast nichts hinzuzufuegen
Nevermind, 20.05.2005
Danke fuer die fundierte Darlegung, DJDOENA. Ich sehe auch den Hauptfehler/die Hauptverarschung seitens der Content-Industrie in dem Ansatz/der Behauptung, kopierte CDs/DVDs wuerden gekauft, haette der User sie nicht kopiert. Dass dies so nicht stimmt, weiss man seit den 60ern, als man die (immer noch stark verwendete!) Audiokassette diskutierte. Es gibt nun mal Titel, die will man unbedingt im Original besitzen, auf andere verzichtet man eben, wenn man keine Kopie kriegen kann. Wenn die Industrie Originale verkaufen will, dann muss sie etwas dafuer tun! Ein erster Schritt zur Verkaufsfoerderung waeren/sind (immerhin wird das mittlerweile zum Teil erkannt!) CDs, die sich problemlos nicht nur auf (herkoemmlichen) CD-Decks, sondern auch auf mikroprozessorgesteuerten Decks (PC, Auto-Player) abspielen lassen. Es ist nicht hinzunehmen, ein Produkt zu kaufen, das letztlich in der Verwendung stark eingeschraenkt ist - zum Teil ist diese Einschraenkung auf den CDs kaum zu erkennen, wenn man sich nicht auskennt (ich wiederhole: in den letzten 2 Jahren hat sich das etwas gebessert). Wenn ich eine CD/DVD kaufe, beanspruche ich das Recht, meine Kopien zu ziehen, auch wenn dies das Brechen des Kopierschutzes bedeutet. Es ist auch klar, dass jemand, der einen PC erwirbt, auch dessen Features nutzen will.
5.
christian simons 20.05.2005
---Zitat von Nevermind--- Ich sehe auch den Hauptfehler/die Hauptverarschung seitens der Content-Industrie in dem Ansatz/der Behauptung, kopierte CDs/DVDs wuerden gekauft, haette der User sie nicht kopiert. Dass dies so nicht stimmt, weiss man seit den 60ern, als man die (immer noch stark verwendete!) Audiokassette diskutierte. ---Zitatende--- Sind Sie da so sicher? In meinem Dunstkreis erlebe ich folgendes Verhalten: Filme werden zwar einerseits aus dem Netz geladen, um ein Provisorium für die weit in der Zukunft liegende DVD-Veröffentlichung zu haben. Tonträger werden andererseits "gesaugt", um sich den Kauf der CD zu sparen. (Der Vergleich mit der alten Audiokassette hinkt da etwas, da es damals zwischen offiziellem Tonträger und Privataufnahme immer gewaltige Qualitätsunterschiede gab.) Sehen Sie sich mal in einem Media- oder Pro-Markt um: Hochbetrieb vor den DVD-Regalen, gähnende Leere in der Musikabteilung... Man erzähle mir nicht, dass dies nicht auch etwas mit "Bittorent" und Co. zu tun hat, wo man in einen Musikdownload mit Original-Qualität nur wenige Minuten, aber in einen Filmdownload von oft zweifelhafter Qualität mehrere Stunden investieren muss. Ich persönlich kann aber auch nicht den Moralapostel spielen, weil ich im Falle einer nur in den USA aktuell ausgestrahlten Fernsehserie, deren DVD-Box ich frühestens im August dieses Jahres ordern kann (was ich dann auch tun werde.), jede Woche sündig werde. Ich bin also kein RAUBkopierer, sondern ein LEIHkopierer, der die Rechnung mit ein paar Monaten Verzögerung zahlt. :-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
P2P: "Raubkopierer sind Verbrecher"

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: