Kosovo Klick dich durch den Krieg

Netzkünstler reflektieren den Krieg im Kosovo.

Von Tilman Baumgärtel


Auf der linken Seite der Webpage sieht man eine Fernbedienung. Wer auf ihre Tasten klickt, bekommt tatsächlich ein Programm, aber eins, das man im Fernsehen nicht sehen würde: bei der Netzkunst-Arbeit "Comission Control" von Andy Deck und Joe Dellinger kann man sich durch Bilder, Informationen und Fakten zappen, die man - wenigstens im amerikanischen Fernsehen - nicht oft zu sehen bekommt: Informationen über CIA-Aktivitäten in Ex-Jugoslawien, Bilder von den Folgen der Nato-Bombardierung, von sogenannten "Kollateralschäden". Klick dich durch den Krieg!

"Comission Control" ist eine von einer immer größere werdenden Menge von Netzkunst-Arbeiten, die sich kritisch mit dem Krieg im Kosovo auseinandersetzen. Die sogenannten "Luftschläge" der Nato haben nicht nur das internationale politische Klima vollkommen verändert; sie haben auch eine Reihe von Künstlern rund um die Welt inspiriert, sich im Internet mit dem Thema Krieg auseinanderzusetzten.

Galt die Netzkunst bisher als unpolitisch und eher an formalen Themen orientiert, zeigt sich jetzt, daß sie auch auf politische Tagesereignisse reagieren kann - und zwar schnell und direkt. Viele Arbeiten deuten darauf hin, daß sie rasch produziert worden sind, um möglichst unmittelbar auf den unerklärten Krieg der Nato gegen Jugoslawien zu reagieren. Die New Yorker Galerie Postmasters hat darum eine immer größer werdende Linkliste mit Netzkunst über den Kosovo-Konflikt zusammengestellt. Die Messages, die auf einem eigenen Diskussionsboard gepostet worden sind, werden in der Galerie als Ausdruck ausgehängt.

Viele der Netzkunstarbeiten setzten sich mit der Rolle der Medien in diesem Krieg auseinander. "Comission Control" von Andy Deck und Joe Dellinger zum Beispiel scheint auf den ersten Blick den Krieg im Kosovo zum Medienspektakel herabsetzten zu wollen.

Doch den Künstlern geht es um mehr: "Die Fernbedienung (englisch: remote control) wird vom User kontrolliert, aber die Bilder, die er zu sehen bekommt, sind ein Durcheinander von miteinander konkurrierenden Interessen." Die Fernsehbilder der amerikanischen TV-Networks zeigen nur eine Perspektive auf den Krieg. Zwar kann man sich mit der Fernbedienung sein eigenes Bild vom Krieg zusammenzappen, aber die Bilder, die man zu sehen bekommt, wurden von anderen vorgefiltert und stammen zum Teil aus unsicheren Quellen.

Aber auch die Nato-"GloboCops" tun im Grunde nichts anderes, als eine Fernbedienung zu benutzten, finden die Künstler: "Die Metapher der Fernbedienung bezieht sich auch auf eine High-Tech-Armee mit ihren gigantischen Waffenarsenalen, mit denen sie auf eine weite Entfernung hin Krieg führen kann."

Auch eine Arbeit von dem Slowenen Vuk Cosic beschäftigt sich mit den TV-Bildern vom Krieg. Er hat eine Sammlung von abfotografierten Fernsehbildern mit Berichten über den Kosovo-Krieg auf seiner Site gepostet: "Es geht nur ums Zusehen, oder?" sagt er, obwohl die Nato-Bomben auf Länder fallen, die noch bis vor wenigen Jahren zum selben Staat gehörten wie Slowenien.

Auch in Deutschland haben zwei Künstler eigenen Websites mit Kunst im Internet veröffentlicht, die sich mit dem Krieg in Kosovo beschäftigen. "Weak Blood" ist eine Online-Galerie mit Antikriegs-Netzkunst, die der Wiesbadener Kunstlehrer Reiner Strasser seit dem Beginn der Nato-Bombardierung am 27. März betreibt.

Schon mehr als 50 Künstler haben sich mit Arbeiten an der Galerie beteiligt; auch jetzt kommen täglich eine oder mehrere neue Werke auf die Site. Strasser will jeden Tag mindestens eine neue Arbeit in seine Galerie aufnehmen, solange "die Bomben weiter fallen und weiter Leute massakriert werden".

Der Bielefelder Medienkünstler Klaus-Dieter Michel hat "The Blinkface", seine eigene Site mit digitaler Kunst, für die Zeit des Kosovo-Konflikts "geschlossen". Statt dessen verweist er seine "Besucher" auf die Site "Virtual Heatwave 2: Anti.War.Art", auf der inzwischen achtzehn Arbeiten von ihm selbst und anderen Künstlern zum Krieg zu sehen sind.

Die Arbeiten, die auf diesen beiden Sites zu sehen sind, sind nicht nur von sehr unterschiedlicher Qualität, sondern auch sehr verschiedenen Künstlern. Manche der Werke stammen von "Profis", also von praktizierenden Künstlern, andere sind von Studenten und Amateuren.

Typische für viele dieser Arbeiten ist das schnelle, plakative Arbeiten, die einige der Sites fast wie animierte Flugblätter erscheinen läßt. Skip Silvers "Dovehawk" kombiniert zum Beispiel kurze Slogans und einige Zahlen über den Krieg, zu klicken gibt es hier nichts. Auch "Forgotten" von einem anonymen Künstler ist eine einfache Site, die hinter flackernden Zahlen die Menschenrechte aufzählt, die bei dem Krieg im Kosovo in Vergessenheit geraten sind.

Andere Arbeiten arbeiten in bester Netzkunsttradition stärker mit den formalen Möglichkeiten, die der HTML-Code dem kreativen Programmierer bietet. Auf einer der verschiedenen Kosovo-Seiten des amerikanischen Studenten Josh Caffrey, der seine Arbeit auf den Server der kalifornischen Kunstschule CalArts gepackt hat, fliegen die Worte "Nato Planes" selbst einen Einsatz über stilisierten Bombeneinschlägen. Auch hier ist die Botschaft einfach: was fehlt, ist Aufklärung und materielle Unterstützung in Jugoslawien und für die Flüchtlinge.

Ein Künstler, der sich hinter dem Pseudonym CyberAnarchyst verbirgt, setzt in einer Art Web-Collage mit dem Titel "Guilts" den serbischen Präsidenten Milosevic mit Bill Clinton gleich, und suggeriert so, daß beide gleich viel Schuld auf sich geladen haben.

Durch das Internet sind Arbeiten wie diese nicht nur einem weltweiten Publikum zugänglich geworden. Gleichzeitig hat sich auch die Geschwindigkeit geändert, mit der Künstler auf ein aktuelles politisches Problem reagieren können. Diese Schnelligkeit hat freilich auch ihre Nachteile: viele der Arbeit, die bei "Weak Blood" zu finden sind, sind wenig mehr als illustrierte Slogans und erinnern an die Mail Art und Stempelkunst der 70er und 80er Jahre.

Auch Reiner Strasser gibt zu, daß nicht alle Künstler so rasch reagieren können oder wollen; einige, die er um Beiträge gebeten habe, hätten abgelehnt, weil sie nicht nur einen schnellen Beitrag liefern wollten.

Strasser selbst hat die erste Arbeit auf seiner "Weak Blood"-Site geschaffen, als er eine E-Mail aus Belgrad bekam, die eine Ende des Bombardements forderte. Er veröffentlichte das Werk im Internet und bat andere Künstler um weitere Beiträge - innerhalb von vier Stunden hatte er die ersten drei Kontributionen, eine aus Frankreich, eine aus Deutschland und eine aus den USA.

Der Titel seiner Arbeit bezieht sich auf das deutsche Sprichwort, daß Blut dicker als Wasser ist, und soll suggerieren, daß die Verbindungen zwischen Jugoslawien und dem Rest der Welt nicht eng genug sind und es darum zu diesem Krieg gekommen sei.



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