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28. Dezember 2008, 15:44 Uhr

Kostenlose Online-Filmarchive

Dick und Doof auf Abruf

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Das Internet hat Film- und Videofreunden weit mehr zu bieten als nur YouTube-Häppchen oder illegale Kino-Downloads. Wer weiß, wo sie zu finden sind, kann ganz legal cineastische Schätze heben: SPIEGEL ONLINE hat sich angesehen, was Filmarchive im Web zu bieten haben.

Die Digitalisierung historischer Filme nimmt Dank einfacherer Technik und gleichzeitig wachsender Angst vor ihrem Verfall zunehmend an Fahrt auf. Das ist eine tolle Sache, denn altes Filmmaterial erfordert eine besonders umsichtige Lagerung und kann oft nur vor Ort unter großen Schwierigkeiten und ebensolchen Kosten angesehen werden.

Kult-Comedians Stan Laurel und Oliver Hardy: In der deutschen Synchronisation zu "Dick und Doof" verplattet, lohnt der Blick in die Originale
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Kult-Comedians Stan Laurel und Oliver Hardy: In der deutschen Synchronisation zu "Dick und Doof" verplattet, lohnt der Blick in die Originale

Wurde der Wechsel von der analogen in die digitale Welt einmal vollzogen, ist ein weltweiter Zugriff auf die nunmehr als Bits und Bytes daherkommenden Bewegtbilder trivial. Durch mehrere Megabit schnelle Leitungen flitzt auch hochaufgelöste Qualität mittlerweile problemlos bis auf den heimischen Bildschirm des Filmfans.

Doch das ist bei kostenlosen Angeboten für historische Filme noch eher selten der Fall, zumal die Anbieter oft nur mit kleinen Etats von öffentlicher Hand finanziert werden. Um Bandbreite zu begrenzen, schickt man die Daten deshalb meist stark komprimiert ins Netz, allerdings in einer Spannbreite, die von briefmarkengroßen Filmhäppchen bis hin zu Fullscreen-Ansichten reicht, deren Schärfe aus einem Meter Sichtabstand völlig akzeptabel wirkt.

Angesichts der teilweise mehr als hundert Jahre alten Originale darf man auch keine Wunder von der digitalen Nachbearbeitung erwarten. Zwar wurden kommerzielle Vorzeigeprojekte wie Fritz Langs "Metropolis" unter großem Aufwand wieder restauriert, doch solche Aufmerksamkeit bleibt weitgehend einmalig. Daneben gibt es aber von "Dracula" über "Dick und Doof" bis hin zur guten alten "Wochenschau" haufenweise kunstvolle, schräge oder auch propagandistische Filme zu finden.

SPIEGEL ONLINE hat sich einige Film-Portale angesehen und stellt sie auf den folgenden Seiten kurz vor. Sie benötigen dafür nur ein Video-Plug-In für den Web-Browser. Als Quasi-Standard auf Nutzerseite hat sich der schlicht und modern daherkommende "Adobe Flash-Player" durchgesetzt. Wer einen aktuellen Firefox-Browser nutzt, ist da bereits ausgerüstet, sonst muss bei Bedarf nachgeladen werden.

Gerade bei älteren Angeboten stößt man jedoch immer noch auf weniger gut integriert wirkende Formate wie "Windows Media", "RealMedia " oder "Quicktime", für die dann unter Umständen noch ein weiteres Programm installiert werden muss. Entsprechende Links bieten die Seiten gemeinhin an.

Der kleine Aufwand lohnt sich, denn das Web hat eine Menge zu bieten:

Das Internet-Archiv

Als ältestes und stetig anwachsendes Portal für die Sammlung einer ganzen Reihe von digitalen Medien betreibt die 1996 gegründete Non-Profit-Organisation " Internet Archive" seit 1999 auch ein Filmarchiv. Die mehr als 100.000, meist englischsprachigen Filme werden in mehreren Qualitäten als Flash-Stream oder zum Download angeboten und bieten damit einen optimalen Zugriff auf das Material, zumal die Website manchmal etwas langsam ist.

Nosferatu: Im Stummfilm-Klassiker lieferte Max Schreck eine bis heute so beängstigende wie prototypische Performance als Vampir
GMS

Nosferatu: Im Stummfilm-Klassiker lieferte Max Schreck eine bis heute so beängstigende wie prototypische Performance als Vampir

Kurze Erläuterungen, der historische Hintergrund, teils umfangreiche Inhaltsangaben und die wichtigsten Daten erscheinen ebenso wie Kommentare und Kritiken der Nutzer. Feine Suchmechanismen erlauben eine gezielte Auswahl, richtige historische Schätzchen wie beispielsweise Friedrich Murnaus " Nosferatu" von 1922 oder " Der Golem" von 1920 versinken jedoch ein wenig in der zeitlich bis in die Gegenwart reichenden Sammlung, wenn man nicht bereits weiß, wonach man sucht.

Beim Stöbern mit Hilfe von Tag-Clouds oder per Zufall nach Jahren stößt man dann aber auch auf so nette Schmankerl wie berühmte US-Propagandafilme über den zweifelhaften Schutz vor Atombombenangriffen oder einen indianischen " Büffeltanz" von 1894.

Amerikanische Filmarchive

US-Dokument aus dem Jahr 1954: Ein Arzt untersucht die Auswirkungen von Atombombentests auf einen Jungen von der Insel Rongelap.
AFP

US-Dokument aus dem Jahr 1954: Ein Arzt untersucht die Auswirkungen von Atombombentests auf einen Jungen von der Insel Rongelap.

Ebenfalls von 1894 ist der älteste Film, den das US-Nationalarchiv NARA im Februar 2006 zusammen mit etwa hundert weiteren Beispielen zur amerikanischen Kultur und Geschichte aus seinem Bestand in das Video-Portal von Google einstellte.

Hier kann man seinen Kindern nicht nur den ersten Menschen auf dem Mond zeigen, sondern auch die US-Wochenschau "United News" über den mythischen Akt der Flaggenhissung nach dem Sieg gegen japanische Truppen auf der hart umkämpften Insel "Iwo Jima".

Google hat aber noch weit mehr zu bieten als US-Propaganda. Das Video-Portal sucht - wie auch das Web-Portal - im gesamten Internet nach verfügbaren Videos und hier finden wir dann auch wieder auf Anhieb eine historische Version von "Nosferatu" - diesmal jedoch nur als Flash-Stream in unterschiedlichster Qualität.

Europäische Filmarchive

Ein Blick auf die europäischen Filmarchive erlaubt das aus der Filmdatenbank " MIDAS" hervorgegangene mehrsprachige Portal " Filmarchives-online.eu". Ziel des ursprünglichen Projektes war, für nichtkommerzielle Filmarchive und kommerzielle Sammler eine gemeinsame Plattform aufzubauen, die das europäische Filmerbe verzeichnen, aber auch seine teils komplizierten Besitzverhältnisse schnell identifizierbar machen sollte.

Heute findet man in der Datenbank des Online-Portals mehr als 20.000 Filmwerke. Mit 74 Beispielen ist jedoch erst ein winziger Teil davon online verfügbar und wird auf den Servern von YouTube vorgehalten.

Deutsche Filmarchive

Unter der Leitung des Bundesarchiv-Filmarchivs bietet das Portal Wochenschau-Archiv.de Zugriff auf bislang etwa 6000 Nachrichtensendungen von 1895 bis 1990. Schnell wird man in der leicht zu bedienenden Datenbank fündig und schaut auf den Badestrand von Ahlbeck im Jahr 1923 oder die trauernden Massen bei Stalins Tod im Jahr 1953. Möchte man sich das Ganze in höherer Qualität ansehen, ist eine kostenlose Registrierung notwendig, ansonsten bleibt das Videofenster sehr klein.

Deutsches Historisches Museum

Das Deutsche Historische Museum betreibt gleich zwei Quellen für historisches Filmmaterial. Sein Ende der neunziger Jahre zusammen mit dem Bonner Haus der Geschichte entstandenes Internet-Portal zur deutschen Geschichte seit 1871 zeigt an vielen Stellen Clips im RealMedia-Format, auf die man auch über einem Index zugreifen kann.

Mauerfall 1989: Schlüsselereignis der jüngeren deutschen Geschichte
DPA

Mauerfall 1989: Schlüsselereignis der jüngeren deutschen Geschichte

Dementsprechend finden sich hier vor allem kurze Dokumentationen zu den Weltkriegen oder zu wichtigen Ereignissen der vergangenen 100 Jahre, wie beispielweise den Mauerfall von 1989.

Die zweite Online-Filmsammlung des DHM geht einen anderen Weg und soll als "virtuelles Filmarchiv" zukünftig immer wieder Filme thematisch für einen begrenzten Zeitraum zusammenführen und für unterschiedliche Nutzergruppen verfügbar machen. Mit der museumseigenen Sammlung zum Thema " Marshall-Plan" hat man das nun ausprobiert und zeigt dort eine ganze Palette zeitgenössischer Filme in sehr guter Streaming-Qualität.

Klassisches Kino und Fernsehen

Als nette Abwechslung von den doch eher ernsten Themen der großen Filmarchive sammelt das Portal " ClassicCinemaOnline.com" genau den Stoff ein, nach dem der englisch sprechende Filmfan sucht. Von den clownesken Erlebnissen " Laurel & Hardys" über den Science-Fiction-B-Movie-Klassiker " Teenagers from Outer Space" bis hin zu den " New Adventures of Tarzan" aus dem Jahr 1935 öffnet sich der virtuelle Kinovorhang. Dabei macht das Portal als thematisch sortierter Katalog nichts anders, als gezielt die schönsten historischen Filme von so manchem Filmarchiv einzusammeln, das hier bereits angesprochen wurden.

Fazit - und alle Links zum Artikel

Noch gibt es sie, die schöne Welt der kostenlosen Filmarchive, doch man bezahlt dafür bislang noch mit zweifelhafter Filmqualität und einem besonders hierzulande sträflich schmalen Angebot. Den Archiven, Stiftungen, Sammlern und Filmverleihern öffnet sich mit den technischen Möglichkeiten der Online-Portale ein attraktiver Vertriebskanal ihrer teils hoch empfindlichen Schätzchen, dem sie dauerhaft kaum widerstehen werden.

Die Nutzer können dabei eigentlich nur gewinnen, denn ohne diese Geldquelle würden viele historische Filme womöglich nie mehr den Archivschrank verlassen. Was jedoch einmal digitalisiert worden ist, findet immer einen Weg auf den Bildschirm.

Die Links im Überblick:

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