ProPublica Das Sondereinsatzkommando im Netz

Qualitätsjournalismus ohne Kommerzialisierung: Die Redakteure der amerikanischen Stiftung ProPublica realisieren ungewöhnliche Konzepte, verschenken ihre mühsam recherchierten Datenschätze - und sind damit enorm erfolgreich.

Hilmar Schmundt

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Unten auf der Straße wird mal wieder demonstriert. Die Leute setzten sich in Richtung Börse in Gang, bleiben aber an Straßensperren stecken. Ein junger Mann schwenkt ein Plakat: "Make Love, Not Money".

Das ist die eine Art, Protest zu mobilisieren, die klassische Variante. Einen Block weiter tänzelt Stephen Engelberg durch sein New Yorker Büro im 23. Stockwerk, schaut ein Video und singt theatralisch zu einer Melodie aus dem rabenschwarzen Hitler-Musical "The Producers":"We got a bet against the American Dream."

Engelbergs Team gilt als Speerspitze einer neuen Form von Öffentlichkeit. Er ist der stellvertretende Chefredakteur von ProPublica, einem Labor, das mit einem eigenwilligen Experiment Journalistische Formen der Zukunft erkundet: ProPublica ist eine Redaktion ohne Zeitung, ein Sender ohne eigene Frequenz. Und ein kostenloser Dienst am Bürger, dessen wohltätige Mitarbeiter bestens bezahlt werden.

Eine Enthüllungsreportage zum Mitsingen

Das Video, zu dem Engelberg mitsingt, ist vielfach preisgekrönt als Teil eines eigenwilligen neuen Rezepts. Wichtigste Zutat war die hartnäckige Recherche der Journalisten Jesse Eisinger und Jake Bernstein, die zehn Artikel über die Tricks der Finanzbranche unter dem Titel "The Wall Street Money Machine" schrieben, veröffentlicht 2010 auf der Website von ProPublica . Als Beilage dazu bearbeitete ein Team das Thema Finanzbetrug als Comic und als aufwendige, lange Radiosendung mit dem National Public Radio (NPR). Für die Sendung "This American Life" wurde das schwer verdauliche Thema abgeschmeckt mit der Gesangsparodie. Eine Enthüllungsreportage zum Mitsingen: We got a bet against the American Dream.

Comics, Blogs, Parodien? Auf den ersten Blick erscheint das die schlimmsten Befürchtungen kulturkritischer Apokalyptiker zu bestätigen, die den Untergang des Qualitätsjournalismus befürchten. Doch bei ProPublica ist die unterhaltsame Verpackung und das gekonnte Storytelling nicht Ersatz für aufwendige Recherchen, sondern eine Strategie, um mit ihren schwierigen Themen mehr Leser, Zuschauer, Zuhörer zu erreichen. Der Plan ging auf. Als Senat und Börsenaufsicht gegen das Bankhaus Goldman Sachs vorgingen, bezogen sie sich auf die Arbeit der ProPublica-Journalisten. Und diese bekamen für ihren schlagkräftigen Journalismus 2011 den Pulitzer-Preis. Es war das erste Mal, dass er an ein Onlinemedium ging. Die "Huffington Post" beschrieb ProPublica daraufhin als "Sondereinsatzkommando für öffentliche Belange".

Print, Rundfunk, Internet

Die Videos, Comics und Podcasts sind Teil der Strategie: "Unser Auftrag ist Journalismus, der Veränderungen herbeiführt", sagt Engelberg. Zehn Jahre lang hat er bei der "New York Times" als investigativer Reporter gearbeitet und dort ein Rechercheteam aufgebaut. Heute ist er froh, im kleinen Journalismuslabor zu werkeln: "Große Institutionen sind träge, hierarchisch, ineffizient", sagt er. ProPublica dagegen ist äußerst überschaubar, ein Großraumbüro und ein paar Nebenzimmer. Hier arbeiten mittlerweile über 40 Journalisten, dazu 20 weitere Mitarbeiter.

In diesem einen Bürotrakt im 23. Stockwerk über dem Lower Broadway sitzt die Perle des amerikanischen Journalismus. In den drei Jahren seit der Gründung haben sie neben zwei Pulitzer-Preisen eine ganze Schrankwand an Ehrungen eingeheimst. Am 2. April etwa wurden sie wieder einmal von der Vereinigung Investigative Reporters and Editors (IRE) ausgezeichnet. Ein Team von 20 Journalisten hatte an einem Projekt zusammengearbeitet, um aufzuzeigen, dass bei der Feststellung von Todesursachen in Strafprozessen oft geschlampt wird. Die Ergebnisse wurden wieder nicht nur in einem Artikel, sondern multimedial publiziert. Der IRE-Verband verzichtete dieses Jahr erstmalig auf eine Zuordnung zu Print, Rundfunk oder Internet. Denn der Medientyp spielt für innovative Projekte keine Rolle mehr.

Eine verbeulte Schreibmaschine im Regal

Der Erfolg von ProPublica ist nicht nur erfreulich, sondern auch ein Alarmsignal, ein Anzeichen dafür, wie geschwächt die Konkurrenz ist. Seit der Jahrtausendwende herrscht Kahlschlag im Blätterwald. Der Anzeigenmarkt bracht unter dem Druck des Internet um über 50 Prozent ein, selbst bei "Wall Street Journal" und "New York Times" jagt eine Entlassungswelle die andere. Die immer größer werdenden Lücken in der Berichterstattung will ProPublica füllen.

Die geschwächten Dickschiffe sind begierig darauf, die Texte des kleinen Sondereinsatzkommandos am Broadway zu drucken, die sie kostenlos bekommen. Profitorientierte Medienkonzerne betreiben damit auch eine Art Outsourcing der mühsamen Wühlarbeit.

"Das goldene Zeitalter des investigativen Journalismus war Anfang der siebziger Jahre", sagt Paul Steiger, der Chefredakteur und C.E.O. von ProPublica, ein weißhaariger Herr mit über 40 Jahren Berufserfahrung. Neben ihm im Regal steht eine verbeulte Schreibmaschine. Er rettete sie 2001 aus den Trümmern seines Büros mit Blick auf das World Trade Center.

Eine halbe Million Dollar für den Chefredakteur

Als Redaktionsleiter beim "Wall Street Journal" war er dabei, als das Blatt von Rupert Murdoch übernommen wurde. Seitdem wurde die Belegschaft halbiert. 2006 bekam er einen Anruf vom Millionärsehepaar Herbert und Marion Sandler. Die Banker boten zehn Millionen Dollar pro Jahr, um eine "philanthropische Redaktion" zu gründen, zum Nutzen der Gesellschaft. Zehn Millionen sind nicht viel, allein aus den Rundfunkgebühren der GEZ ließen sich fast tausend vergleichbare Redaktionen finanzieren. 2008 nahm ProPublica die Arbeit auf.

Dennoch gab es Kritik an dem Projekt. Paul Steigers Jahresgehalt zum Beispiel beträgt über eine halbe Million Dollar, eine Summe, für die er mehrere zusätzliche Reporter einstellen könnte, wie das Branchenblatt "Columbia Journalism Review" kritisierte. "Eine solche Rechnung geht nicht auf", sagt Steiger, "für gute Leute muss man marktgängige Gehälter zahlen." Unterbezahlte Blogger wie bei "Huffington" oder Selbstausbeuter wie bei Wikipedia sind sein Ding nicht.

Steiger ist pragmatischer Idealist, weit entfernt vom utopischen Slogan "Make Love, Not Money". "Investigativer Journalismus ist teuer, früher haben sich Zeitungen damit die Billig-Konkurrenz vom Leib gehalten, aber das ist erst einmal vorbei", sagt er. Ein einziger Pulitzer-Preis-würdiger Artikel koste leicht 400.000 Dollar, so viel wie ein Einfamilienhaus. Derartige Investitionen geben die derzeitigen Werbeeinnahmen der Internetausgaben von Zeitungen kaum her. So einfach ist das. Und so schwer.

"Gehebelter Journalismus"

Besonders im Datenjournalismus profiliert sich ProPublica. Nicht nur bei der Auswertung gigantischer Rohdatensätze, sondern auch bei ihrer Veröffentlichung. Mehrfach hat das Journalismuslabor Recherchematerial im Datenbankformat ins Netz gestellt, etwa um schlecht arbeitende Dialyse-Kliniken bloßzustellen, durchsuchbar nach Postleitzahlen.

Derartig brisantes Material ist eigentlich das Tafelsilber einer Redaktion, eifersüchtig gehütet. Doch Steiger geht es um die politische Wirkung. Und die ist erheblich. Lokalzeitungen nutzten den Dialyse-Datenschatz und produzierten damit zig weitere Artikel. Außerdem hat die Redaktion mittlerweile ein Crowdsourcing-Netz aufgebaut, um mit Hilfe von unbezahlten Rechercheuren sachdienliche Hinweise zu sammeln und auszuwerten. Im Börsensprech könnte man eine solche Strategie vielleicht "gehebelten Journalismus" nennen: chirurgischer journalistischer Krafteinsatz mit maximalem öffentlichem Effekt.

Aber kann eine Redaktion wirklich unabhängig sein, wenn sie vom Geld eines Bankier-Ehepaars abhängig ist? Könnte ProPublica zum Beispiel eine Artikelserie über seine Geldgeber selbst recherchieren, wenn das notwendig sein sollte? "Das Risiko der Einflussnahme haben Sie bei großen Anzeigenkunden doch auch", sagt Paul Steiger knapp.

Unten auf dem Broadway kann er Touristen und Demonstranten neben dem Bronze-Bullen der Börse sehen. Er muss weiter. Sponsoren akquirieren. Falls einer der großen Wohltäter mal abspringt, soll sein Sondereinsatzkommando weiter einsatzbereit bleiben.

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