Kramnik gegen Deep Fritz Showdown der Schach-Genies

Was sind vier Jahre im Leben eines Schachweltmeisters - und was in der Entwicklung eines Schachcomputers? Heute seit 15 Uhr stellt sich Wladimir Kramnik in einem auf sechs Partien angelegten Turnier nach 2002 erneut dem Rechner Deep Fritz. SPIEGEL ONLINE überträgt alle Partien live.

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Bonn - Wladimir Kramnik denkt schon in historischen Dimensionen: Gut möglich, sagt er, dass er der letzte menschliche Schachweltmeister sei, der sich so einer Man-Machine-Challenge stellt. Längst sind die Maschinen in diesem klassischen Denksport so stark, dass nur die besten der Großmeister noch gegen sie bestehen können. Die Bilanz der letzten Mensch-gegen-Maschine-Turniere gegen die Großmeister Robert Hübner, Garri Kasparov und Wladimir Kramnik spricht da Bände: Allen dreien gelang nur ein Remis.

Doch die Entwicklung der Programme wie der Rechner ist längst nicht abgeschlossen. Vier Jahre ist es her, dass Kramnik in Bahrain gegen Deep Fritz spielte - in der IT-Entwicklung sind das etliche Entwicklungsgenerationen. Prompt machte Kramnik die Probe aufs Exempel, als ihm im Vorfeld zu Trainingszwecken die aktuelle Deep-Fritz-Version zugestellt wurde: Er ließ die neueste Version gegen die Version spielen, gegen die er vor vier Jahren ein Unentschieden geholt hatte. Das Ergebnis hätte klarer kaum sein können, sagt Kramnik: Die neue Version schlug die alte "vernichtend".

So seltsam es anmuten mag, wenn ein Mensch so über ein Computer-Programm spricht, dürfte Kramniks Einschätzung vor dem Match also ehrlich gemeint sein: "Das ist ein sehr starker Gegner!"

Kramnik erstmals Außenseiter

Das sehen auch die Experten so - angefangen vom ambitionierten Hobbyspieler wie Felix Magath bis hin zu Schachgroßmeistern wie Teimour Radjabov, dem viele zutrauen, es noch bis zum Weltmeistertitel bringen zu können. "Im Augenblick", sagte Radjabov SPIEGEL ONLINE, "sind solche Matches noch interessant. Aber schon bald, glaube ich, werden die Vorteile des Computers gegenüber dem Menschen sehr groß sein und solche Turniere sinnlos."

Wladimir Kramnik bei der heutigen Partie in Bonn: Kopf gegen Computer
DPA

Wladimir Kramnik bei der heutigen Partie in Bonn: Kopf gegen Computer

Radjabov sieht am Ende Deep Fritz als Sieger, wenn auch "nicht mit einem vernichtend deutlichen Ergebnis". Zwar spielten Rechner heute stärker als Menschen, aber noch ließen sie sich mit "Anti-Computer-Strategien" auskontern. Das gewährleiste noch eine gewisse Chancengleichheit.

Eine Zukunft, in der das nicht mehr so ist, fürchtet auch die russische Großmeisterin und Vizeweltmeisterin Alexandra Kosteniuk. Schach sei letztlich nur als Spiel Mensch gegen Mensch auf Dauer interessant. Kosteniuk: "Was werden die Menschen in der Zukunft denken, wenn sie sehen, dass ein 29 Dollar billiges Programm mit Leichtigkeit einen amtierenden Weltmeister schlägt?" Mensch-gegen-Maschinen-Matches wären dann, als lasse man "einen Läufer gegen ein Auto antreten".

Für Kramnik geht es darum auch um mehr als nur um die eine Million Euro Preisgeld, die er erhält, wenn er gewinnen sollte: Für viele Beobachter sagen die Matches Mensch gegen Maschine auch etwas darüber aus, wo der Mensch im Verhältnis zu seinen eigenen Schöpfungen steht. Selbst Matthias Wüllenweber vom Deep-Fritz-Entwicklerteam sagt, dass ihm da "zwei Herzen in einer Brust" schlügen: "Als Entwickler will man natürlich gewinnen. Auf der anderen Seite wäre es natürlich schön, wenn der Mensch sich durchsetzen könnte."

So weit aber ist es längst noch nicht

Von elf von SPIEGEL ONLINE vor dem Match befragten Experten glauben fünf, dass Kramnik dem Computer unterliegen wird. Vier glauben zumindest an ein Remis und zwei sehen den Menschen vorn.

Vielleicht wirklich zum letzten Mal, wie Kramnik orakelt. Sein Sekundant, Großmeister Christopher Lutz, drückt ihm natürlich die Daumen, "aber realistischerweise ist er der Außenseiter".

Im Fußball geht das derzeit oft auch Borussia Dortmund so - aber da muss man dann eben durch, im Fußball wie im Schach. Vereinspräsident Reinhard Rauball, selbst leidenschaftlicher Hobbyspieler von respektabler Spielstärke, sieht Wladimir Kramnik vorn, weil er über "absolute Klasse, Professionalität und Nervenstärke" verfüge. Rauball: "Deshalb bin ich von seinem Sieg überzeugt. Danach muss er allerdings Mitglied bei Borussia Dortmund werden."

Ob der Russe Kramnik am Ende also zum Borussen werden muss? Wir werden es sehen: Im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE. Die erste Partie am heutigen Samstag hat um 15 Uhr begonnen.



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