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Krank durch Konsolen: Vom Nintendo-Nacken zum Wii-Wehwehchen

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Der spanische Arzt Julio Bonis schildert seine schmerzhaften Erfahrungen mit Nintendos Konsole Wii in einem Fachmagazin, macht "Wiiitis" zum medizinischen Fachbegriff. Solch schöne Worte schaffen Ärzte bei jeder neuen Konsolengeneration: Eine alternative Spielgeschichte in sechs Fallbeispielen.

Julio Bonis ist ein junger Mann. 29 Jahre alt, gesund, ein Arzt. An einem Sonntagmorgen im Februar wacht er früh auf - die rechte Schulter schmerzt entsetzlich. Er lässt sie von einem befreundeten Rheumatologen begutachten. Nach ein paar Tests ist klar: Bonis hat eine Sehnenentzündung in der Schulter. So etwas plagt sonst vielleicht Golfer, Schwimmer oder Tennisspieler nach zu intensivem Training. Aber Bonis hat nicht trainiert - er hat sich am Samstag die Nintendo Wii gekauft, eine Spielkonsole. Und er hat Tennis gespielt.

Wii-Spieler: Der Controller wird je nach Spiel zum Golf-, Tennis- oder Baseballschläger

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Julio Bonis ist nicht das erste Opfer dieser Krankheit. Über Schmerzen im Ellbogen klagen einige Wii-Spieler. Der britische Chiropraktiker Tim Hutchful hat sogar ein Aufwärmprogramm für Wii-Spieler entwickelt. Doch Bonis ist der erste Arzt, der dieses Phänomen in die medizinische Fachliteratur gebracht hat: Sein Artikel "Akute Wiiitis" steht in der aktuellen Ausgabe des "New England Journal of Medicine". Und bis heute haben einem schnellen Überblick bei Google News nach zu urteilen mehr als 100 Medien von Großbritannien bis Pakistan und Australien die Geschichte der Wiiitis aufgegriffen.

Zu jeder Konsole ein neues Krankheitsbild

Dabei beruht Bonis Artikel auf einer einzigen Fallgeschichte - seiner eigenen. Die Publikationsform des "Letter" verlangt keine klinische Studie als empirische Grundlage, keine aufwendige Peer-Review. Bonis zu SPIEGEL ONLINE: "Das ist nur die Beobachtung einer neuen Art von Sehnenentzündung, die für Ärzte und Patienten interessant sein könnte. In Zukunft könnte jemand an Forschung auf diesem Gebiet interessiert sein." Nach der Veröffentlichung hat Bonis E-Mails von Kollegen erhalten, die von drei ähnlichen Fällen in den Vereinigten Staaten berichten. Bonis glaubt: "Es gibt wenige Fälle, aber vielleicht ist es eine unterdiagnostizierte Krankheit."

Solche Beiträge haben eine lange Tradition in medizinischen Fachzeitschriften. Zu jeder neuen Spielkonsole veröffentlicht irgendwann ein Mediziner einen Beitrag in einem Fachmagazin. Pflicht-Elemente: ein knalliger Begriff (Nintendinitis, Space-Invaders-Handgelenk), ein beobachteter Fall körperlicher Überanstrengung durchs Spielen und der Hinweis, dass weitere Forschung nötig ist. Ein Blick in die Archive medizinischer Fachmagazine zeigt eine alternative Videospielgeschichte, geschrieben von Ärzten.

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