"Krautreporter"-Ersteindruck Ist unabhängiger Journalismus besser? Oder nur länger?

Die Seite ist schmucklos, aber eines der meistbeachteten journalistischen Experimente im Lande: Das Community-finanzierte Online-Magazin "Krautreporter" ist online. Wir haben uns die ersten Beiträge angesehen.

"Krautreporter"-Webseite: Geballtes Paket journalistischer Texte

"Krautreporter"-Webseite: Geballtes Paket journalistischer Texte

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Die Unabhängigkeit des Journalismus ist so eine Sache. Tausende Blogger zeigen jeden Tag, dass es möglich ist, ohne großen, finanzstarken Apparat im Rücken Inhalte zu veröffentlichen. Sie zeigen aber auch, wo die Grenzen dieses Konzeptes liegen: Wenn es darum geht, Dinge originär vor Ort zu recherchieren, spürt man schnell die Abhängigkeit vom Geld. Guter Journalismus braucht Finanzierung, und das gilt ganz besonders für Investigatives.

Ab heute tritt "Krautreporter" an, um zu beweisen, dass zumindest guter Journalismus auf andere Art und Weise finanzierbar ist als bisher. Die bloße Existenz des Angebots beinhaltet eine Kritik am Status quo der Medienwelt: Da haben sich 30 Journalisten zusammengetan, um selbst eine Plattform für qualitativ hochwertigen Journalismus zu schaffen, weil es so etwas immer seltener gibt.

Denn eins stimmt ja: Immer mehr Redaktionen pfeifen finanziell und personell auf dem letzten Loch. Recherchen sind oft nicht mehr bezahlbar, die Arbeitslast verhindert den Rest. Viel zu oft stehen statt nahrhafter Inhalte nur noch von Agenturen zugelieferte Info-Häppchen auf dem Menü der Medien. Nicht, weil die Medien keine Qualität wollten, sondern aus Not: Die alten Geschäftsmodelle, die darauf beruhen, dass Leser für Inhalte bezahlen, tun sich zunehmend schwer.

Gut eine Million Euro gesammelt

Die Krautreporter glauben, dass das alles eine Frage der Qualität sei: Wenn die stimme, seien Leser gern bereit zu bezahlen. Krautreporter.de soll das zeigen.

In einer spektakulären Crowdfunding-Aktion brachte das Team tatsächlich eine Anschubfinanzierung von gut einer Million Euro zusammen, um seine Arbeit über das nächste Jahr zu finanzieren. Ab jetzt müssen sich die Krautreporter bewähren: Wird das, was sie liefern, so gut und anders sein, dass es auch im Folgejahr genügend Leser dazu bringt, dafür fünf Euro im Monat zu bezahlen? Können Journalisten ihre Arbeit also unabhängig von Unternehmen, Institutionen und Werbung durch ihre eigenen Werke refinanzieren? Das ist spannend und aus Perspektive von Journalisten sicherlich ein Ideal.

Die ersten 17 Beiträge, die die Krautreporter am Freitagmorgen veröffentlichten, zeigen, wo es hingeht: zum großen, auserzählten Format. Es sind aufwendige Reportagen darunter, wie sie jeder Journalist schreiben möchte, Texte zur Sicherheitspolitik, über Ebola, zu gesellschaftlichen Trends, aber auch ein Tippformat zu Lesestoff und Medien.

Was will der Leser für sein Geld?

Am Vormittag stand ein Text des Medienkritikers Stefan Niggemeier ganz oben auf der Seite, der darin ein Buch des ehemaligen FAZ-Redakteurs Udo Ulfkotte nicht etwa rezensiert, sondern regelrecht seziert und zerfetzt. Niggemeier macht das gewohnt akribisch und gut und bezieht dabei höchst deutlich Stellung - so, wie wir das aus seinem Blog kennen und schätzen.

Ist das nun anders und besser, als das, was uns normalerweise in Medien begegnet? Es ist auf jeden Fall kritisch und fundierter als die meisten Rezensionsformate, die heute in der Regel Tippcharakter haben. Anderseits: Eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Büchern findet natürlich auch in herkömmlichen Medien statt, wie etwa zahlreiche, kaum weniger deutliche Artikel zu den Büchern von Thilo Sarrazin zeigten.

Dass aber ein Autor für eine solche Kritik rund 33.400 Zeichen Platz erhält, hat wirklich Ausnahmecharakter. Die Länge entspricht etwa 17 Standard-Buchseiten, satten sieben Seiten im SPIEGEL und der achtfachen Länge dieses Artikels. Es ist schon aus diesem ganz profanen Grund und völlig unabhängig vom Inhalt höchst unwahrscheinlich, dass Niggemeier so einen Text in einem konventionellen Medienkontext hätte veröffentlichen können.

Ist das schlecht? Aber nein, der Text ist sehr lang, aber gut, so wie beim ersten Hineinlesen alle jetzt veröffentlichten "Krautreporter"-Texte ihre Qualitäten haben. Abzuwarten bleibt, was sich daraus entwickelt.

Allgemein herrscht in allen Medien ein Trend zur Kürze, zum Häppchen, was keinen Journalisten mit Anspruch freut: Es ist schön zu sehen, dass es Räume gibt, in denen eine Geschichte auserzählt werden kann. Die Frage ist nur, ob es auch das ist, wofür Leser heute bereit sind zu bezahlen.



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
lady_amanda 24.10.2014
1. War und Bin
Bereit hierfür zu zahlen. Ist ab sofort meine Frühstückslektüre. Da habe ich Zeit für ein paar Artikel. Kurze INFOS hole ich mir dennoch gern auf SPON.
humpalumpa 24.10.2014
2.
Ich denke schon,dass zumindest die Leser, die Wert auf die Qualität und Richtigkeit der Nachrichten legen, sehrwohl dafür bereit sind, zu zahlen. Denn Journalismus sollte unabhängig und neutral sein. Da eben die meisten Medien durch bestimmte Firmen oder Parteien, wie es manchmal scheint, finanziert werden, ist die fehlende Objektivität in mittlerweile sehr vielen Artikeln aller Online-und Print-Medien deutlich sichtbar. Gilt auch immer mehr für SPON, leider. Journalisten haben nicht die Aufgabe, den Lesern eine Meinung einzutrichtern, die sie haben sollten, sondern sollten mit ihren Artikeln informieren und es den Leuten ermöglichen, sich selbst eine Meinung zu bilden.
jamesbrand 24.10.2014
3. also
ich glaube das wir eine Lobbyisten und Bonzen Demokratie sind. Auch glaube ich das 10 Lobbyisten mehr Einfluss haben als 30 Millionen Bürger.
berufskonsument 24.10.2014
4.
Klingt irgendwie danach, dass das eher ein Medium für's Ego der beteiligten Journalisten ist. Klar, Journalisten freuen sich, wenn sie endlich mal so richtig das machen dürfen, was sie gerne wollen, aber ob der Leser das auch goutiert? Nicht zuletzt leiden viele Journalisten auch daran, dass ihre langen Texte oft eher langatmig denn detailliert sind. Ich persönlich bin froh, "Krautreporter" nicht abonniert zu haben: Auf ein weiteres Medium, in dem mir jemand ausführlich seine Meinung darlegt, kann ich zumindest verzichten. Von der unterschwelligen Implikation, teuer bezahlte Meinungsartikel hätten mehr Gewicht, weil sie von Journalisten verfasst wurden, habe ich jedenfalls genug.
Herbert1968 24.10.2014
5. Bezahlen?
Solange es nur um 5 Euro pro Monat geht, bitte, gerne!
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